Ein Filmteam des Hessen-Fernsehens begleitet Bürgermeister Edwin Schneider an einem Arbeitstag. FOTO: JOL
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Ein Filmteam des Hessen-Fernsehens begleitet Bürgermeister Edwin Schneider an einem Arbeitstag. FOTO: JOL

"Lage beim Wasser ist ernst"

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Wassermangel und Windkraft sind die zwei großen "W" der Ulrichsteiner Stadtpolitik. Und sie hängen direkt miteinander zusammen, weil der Wind Geld in die Stadtkasse weht. Hierüber, über Tourismus und aktuelle Themen der Stadt ein Gespräch mit Bürgermeister Edwin Schneider.

Ulrichstein ist bekannt für den ausdauernden Kampf gegen Wasserknappheit - wie ist die Lage?

Die Wasserversorgung ist immer noch ein Problem, aber wir sind auf der Zielgeraden. Zur Versorgung der Kernstadt haben wir 2018 angefangen, einen Brunnen zu bohren. Der wird gerade ausgebaut. Bis November soll er fertig sein und wenn das klappt, knallen hier die Sektkorken. In einem Pumpversuch hat sich die Leistung auf drei Liter Wasser pro Sekunde eingepegelt. Das ist weniger, als wir erhofft haben, aber drei Liter pro Sekunde reichen über den Tag gerechnet gerade so aus. Wenn es mal nicht reicht, können noch zwei Liter pro Sekunde aus dem Brunnen Rebgeshain herübergepumpt werden.

Trocknet Ulrichstein aus?

Die Lage ist sehr ernst. Seit 2018 führen die Quellen im Gebiet der Stadt immer weniger Wasser. In diesem Jahr hat der Kreis bereits im Mai dazu aufgerufen, kein Wasser aus den Bächen zu nehmen. Das merken wir auch bei den Schürfquellen, die bislang die Kernstadt mit Trinkwasser versorgen. Das wird immer weniger, vor Wochen mussten wir wieder an einem Tag mit Tankwagen Wasser zum Hochbehälter schaffen. Da hatten wir plötzlich große Verluste im Netz und wissen nicht weshalb. Dieser Tage mussten wir punktuell Wasser mit Tankwagen heranfahren, da das Wasser aus den Quellen und den zusätzlichen zwei Litern aus Rebgeshain nicht mehr reichte, um die Kernstadt versorgen zu können.

Würde es helfen, wenn weniger Wasser nach Frankfurt geleitet wird?

Unsere Brunnen pumpen in einer anderen Grundwasserschicht als die Brunnen für Frankfurt. Aber man muss etwas tun. Ich bin in den Mediationsprozess mit dem Rhein-Main-Gebiet einbezogen, aber die Konsensgespräche ziehen sich viel zu lange hin. Unsere Forderung nach Brauchwasserleitungen für Wohn- und Gewerbegebiete hätten schon lange umgesetzt werden können. Frankfurt muss zur Kenntnis nehmen, dass Wasser endlich ist. Der Klimawandel ist im Vogelsberg angekommen. Es kann nicht sein, dass da noch mehr Wasser gefördert wird.

Welche Folgen für die Bevölkerung hat die Suche nach Wasser?

Wir haben eine große Fläche und wenige Einwohner. Ein Problem ist, dass Wasser bei uns sehr teuer ist. Wir müssen 3,40 Euro pro Kubikmeter berechnen, weil die Kosten so hoch sind. Ein Vorteil ist, dass die Wasserversorgung und die Windkraft in einen Eigen- betrieb ausgelagert sind. Dadurch können Einnahmen aus Windkraft die Verluste im Wasserbereich ausgleichen. So sind zwei neue Anlagen auf städtischen Grundstücken an der Straße nach Helpershain errichtet worden. Die bringen der Stadt mehr als zwei Millionen Euro über die Laufzeit von 25 Jahren. Mal sehen, wie das weiterläuft, denn es werden 28 alte Anlagen nach 20 Jahren Betrieb abgebaut. Darunter sind 14 Anlagen der Stadt, die brachten bislang 400 000 bis 500 000 Euro pro Jahr. Wir müssen sehen, wie wir neue Einnahmen generieren. An neuen Anlagen sollen bei Helpershain vier und bei Wohnfeld zwei entstehen.

Ulrichstein hat noch keinen verabschiedeten Haushalt, weshalb?

In der Leitung der Finanzabteilung gab es zum Januar einen Wechsel und die Stelle war vorher drei Monate lang unbesetzt. Glücklicherweise ist die Position inzwischen mit Daniel Wolf besetzt. Es war aber noch keine Zeit, sich mit dem Haushalt zu beschäftigen. Der soll im Herbst verabschiedet werden. Positiv ist, dass wir nicht handlungsunfähig sind. Wir können alle Maßnahmen aus dem Vorjahr weiterführen. Und neue Maßnahmen sind wir nicht angegangen.

Sorgt Corona für Einnahmeausfälle?

Ich rechne nicht mit so großen Verlusten, aber es wird mit Sicherheit weniger Einnahmen bei der Einkommenssteuer geben. Immerhin kommt vom Land eine Kompensation von 263 000 Euro. Die Corona-Maßnahmen sorgen aber für weniger Kontakte der Menschen. Die Feste, Vereinsveranstaltungen und Besuche der Alters- und Ehejubiläen fallen aus, mir fehlt der Kontakt zu den Bürgern.

Wo kann sich die Stadt weiterentwickeln?

Wir geben uns seit Jahren viel Mühe, um Tagesbesucher anzulocken. Das klappt ganz gut. Bei schönem Wetter ist der Parkplatz am Rathaus voller Autos von Wanderern. Gerade in Corona-Zeiten hat es viele Besucher in den Vogelsberg-garten gezogen. Das sieht dort richtig gut aus. Der Turm der Burgruine ist wieder geöffnet. Was richtig boomt, ist der Wohnmobil-Stellplatz. Er ist seit Mitte Mai offen, da ist richtig was los. Im Badebiotop war gut Betrieb, da dürfen bis zu 400 Menschen gleichzeitig rein und 80 Gäste gleichzeitig schwimmen. Für Besucher tut die Stadt auch etwas. Da geht es um die Pflege der Premium-Wanderwege und Arbeitszeit der Verwaltung. Davon profitieren Geschäfte und Restaurants. Im Museum hat das Bistro wieder geöffnet, mit einem herrlichen Biergarten.

Vor Jahre wurde vor der Leerung des ländlichen Raums gewarnt.

Seit zwei, drei Jahren bekommen wir immer mehr Anfragen nach Bauplätzen. Jetzt in Corona-Zeiten boomt das richtig. Vor allem aus dem Rhein-Main-Gebiet steigt die Nachfrage nach Häusern und Baugrundstücken. Ich hoffe, dass wir die Einwohnerzahl bei 2900 halten. Ein Vorteil sind die kurzen Wege zur Verwaltung. Ein Grundstückskauf ist in wenigen Wochen erledigt.

Wie sieht es bei der medizinischen Versorgung aus?

Dazu laufen Gespräche mit interessierten Ärzten und es sieht gut aus. Wir hoffen auf positive Ergebnisse im nächsten Jahr.

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