Eine Station der Installation im Garten, sie wird abends beleuchtet. FOTO: PM
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Eine Station der Installation im Garten, sie wird abends beleuchtet. FOTO: PM

Kunst vorm Holunderbaum

  • Kerstin Schneider
    vonKerstin Schneider
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Die Wiesbadener Künstlerin Sonja Toepfer hat eine besondere Beziehung zu Groß-Eichen. Ihre Mutter lebte dort lange bis zu ihrem Tod, die Tochter hat mit dem Anwesen in der Hessenstraße 6 viel vor. Einen Vorgeschmack wird es am Samstag geben - mit Kunst und Cocktails unter freiem Himmel.

In der Dorfmitte wartet zwischen Fachwerkhaus und Nachbarscheune die Installation, die es zu entdecken gilt. Sie ist entlang der Biografie einer Frau (geb. 1942, verstorben im Mai 2020) entwickelt. "Die Frau ist meine Mutter", erzählt Sonja Toepfer (59): "Ihr geliebtes Fachwerkhaus hat sie mir hinterlassen". Ihre Mutter hatte das Anwesen in Groß-Eichen 1997 gekauft. Sie erlitt zwei Jahre nach Kriegsende als Kind auf dem Spielplatz in Plauen im Vogtland einen Kopfschuss, die Umstände wurden nie geklärt. Sie wurde gerettet, behielt aber schwere Schäden zurück. Ihre 1961 geborene Tochter konnte sie nicht selbst erziehen, Sonja Toepfer wuchs überwiegend bei der Großmutter auf. "Zu meiner Mutter fand ich keinen Draht, sie blieb mir fremd", sagt sie.

Im Sommer 2018 hatte sie dank einer angehenden Berufsbetreuerin die Chance, ihre Mutter erstmals wirklich kennenzulernen: "Wir haben uns schrittweise annähern und aussöhnen können". Das gelang unter anderem über Märchen. "Meine Mutter hat jedes Märchen im Fernsehen angeschaut - und es gab nichts Schöneres für sie, wenn ich es mit ihr gemeinsam geschaut habe und sie mir erzählen konnte, was sie an dem Märchen so mag." Passend dazu nennt sie ihr Werk, das am Wochenende in Groß-Eichen zu sehen ist, "Holla is in the House" (Holla ist im Haus), welches sich auf das Bild der Erd- und Himmelsgöttin Holla beziehungsweise die Märchenfigur Frau Holle bezieht.

Besonders auffällig ist die erste Station, eine Eisenstele. Sie steht für das Martyrium, das ihre Mutter als Kind erlebte, darüber leuchtet versöhnlich eine Lichtkrone. "Sie soll bleiben und wird, wenn technisch alles klappt, jede Nacht leuchten", kündigt Toepfer an. Station zwei ist ein Iglu, das als Hundehütte diente. Ein Monitor darin zeigt Momentaufnahmen aus dem Leben und vom Wiederfinden von Mutter und Tochter. Die dritte Station ist der "Platz der Frau Holle", ein eindrucksvoll gewachsener Holunderbaum, der eine Licht- und Toninstallation erhält.

Als sie nach dem Tod der Mutter im Mai den Hundezwinger abbauen ließ, kam der wunderschöner Holunderbaum dahinter zum Vorschein. "Für mich ist der Baum das Ziel der Installation. Die Vision, dass das Göttliche einem hold ist beziehungsweise einem hold sein sollte."

Das Fachwerkhaus hat einige Nebengebäude, darunter ist ein früherer Kuhstall. Das unter anderem brachte die Künstlerin auf die Idee, ein Kulturhaus aufzubauen. Das "Holla-Haus" soll eine Möglichkeit bieten, Stadt- und Landbewohner zwischen Frühjahr und Herbst zu kulturellen Events auf dem Land zusammenzubringen. Dort könnten Akteure unterschiedlicher Bereiche (Club-Musik, Jazz, Poetry Slam, Live-Acts) auftreten. "Ich würde gern Künstler aus ganz Deutschland hierher holen", sagt Toepfer. Im Haus will sie dafür eine moderne und zeitgemäße Infrastruktur zur Verfügung stellen, unter anderem mit Kameratechnik und schnellem Internet.

Sie will auch Menschen aus der Umgebung einladen, Projekte umsetzen: "Es gäbe zum Beispiel auf dem freien Platz die Möglichkeit, Workshops anzubieten".

Noch ein paar Sätze zu ihrer Arbeit: Sonja Toepfer ist Videokünstlerin sowie Autorin, und sie nahm an der letzten Documenta teil. Die Mutter zweier erwachsener Töchter setzt sich in ihrer künstlerischen Arbeit besonders mit Aspekten zur Gedenkarbeit und Religion auseinander (mehr Infos unter www.sonjatoepfer.de).

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