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Klimawandel bringt trockene Bäche

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Von: Joachim Legatis

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Michael Denk Hess. Umweltministerium © Joachim Legatis

Der Vogelsberg wird trockener, davon zeugen ausgetrocknete Bäche und das Verbot, Wasser aus Bächen zu entnehmen, wie im Vorjahr geschehen. Das führen Experten des Landes auf den Klimawandel zurück, einen Zusammenhang mit der Wasserförderung für das Rhein-Main-Gebiet verneinten sie.

Versiegende Quellen wie in Ulrichstein und trockene Bachläufe im Vogelsberg bieten Grund zur Sorge. Deshalb hat der Kreistag beschlossen, durch Experten klären zu lassen, wie kritisch es um die Wasserversorgung im Kreis aussieht. Einen Aufschlag hierfür lieferten Spezialisten des Landes in der jüngsten Sitzung des Umweltausschusses. Ihr Fazit: Der Klimawandel bedroht die Grundwasserneubildung im Hohen Vogelsberg, weil weniger Regen fällt und die Verdunstung zunimmt.

Darauf hat das Land bereits reagiert und kontrolliert seit einigen Jahren genauer, dass die Wasserförderung für das Rhein-Main-Gebiet den Grundwasserspiegel nicht unter einen Mindestwert sinken lässt. »Das Land hat sich auf den Weg gemacht, sich an den Klimawandel anzupassen«, sagte Michael Denk, Abteilungsleiter Wasser im Umweltministerium.

Das nahmen die Kreispolitiker in der Sitzung unter Leitung von Maximilian Ziegler mit einiger Skepsis zur Kenntnis. So erinnerte Dieter Welker (FW) daran, dass in Vogelsberger Orten Auswirkungen der Trockenheit zu erleben waren. Kreisbeigeordneter Dr. Jens Mischak erinnerte daran, dass im vergangenen Jahr sogar die Entnahme von Wasser aus Bächen verboten wurde, weil die Pegel weit abgesunken waren. Leßmann sieht darin die Folgen des Klimawandels. Quellen und Brunnen in den höheren Lagen des Vogelsbergs speisen sich aus »schwebenden Grundwasserhorizonten«, die nicht mit den Brunnen verbunden sind, aus denen Wasser für Frankfurt gepumpt wird.

Diese Besonderheit des Vogelsbergs erläuterte der Geologe mit Schwerpunkt Wasser in einer Präsentation. Demnach ist der ehemalige Vulkan in Schichten aufgebaut, die unterschiedlich wasserdurchlässig sind. Im Oberwald auf der Kuppe des Massivs regnet es viel, davon sickert ein Teil des Wassers bis in eine tief liegende Grundwasserschicht, aus der sich am Fuß des Massivs die Brunnen der OVAG zur Versorgung des Rhein-Main-Gebiets speisen. Ein anderer Teil des Niederschlags wird in Wasserblasen aufgefangen, die in den oberen Bereichen des ehemaligen Vulkans auf wasserundurchlässigen Schichten entstanden sind.

Diese schwebenden Grundwasserhorizonte versorgen die Brunnen in Ulrichstein, Mücke, Grebenhain und anderen Orten. Aus diesen Vorkommen speisen sich auch Quellen in den Vogelsbergorten. Die großen Wasserwerke für den Frankfurter Bedarf liegen am Fuß des Massivs und sind nicht mit den Wasserblasen weiter oben verbunden. Wenn unten Wasser abgepumpt wird, habe das keine Auswirkungen auf die Vorkommen in höheren Lagen.

Der Grundwasserstand wird an vielen Stellen im Land kontinuierlich geprüft. Ein Ergebnis davon war, dass Anfang der 1990er Jahre die »umweltschonende Wassergewinnung im Vogelsberg eingeführt wurde«, wie Michael Denk erläuterte. Im Unterschied zu den bis dahin erteilten Förderbescheiden wird dabei nicht nur auf die maximale Fördermenge geschaut.

Wenn ein vorher festgelegter Grundwasserstand unterschritten wird, muss die OVAG das Abpumpen komplett einstellen, sagte Denk. Ziel ist es, die Umweltschäden durch die Grundwasserentnahme zu begrenzen.

Das erläuterte Leßmann am Wassergebiet Inheiden, aus dem viel Wasser in den Ballungsraum fließt. Bis 1960 durften laut Wasserrecht bis 14 Millionen Kubikmeter Wasser jährlich abgepumpt werden. Bis 1984 waren es sogar bis zu 25,5 Mio. cbm pro Jahr, was ein Austrocknen des Feuchtgebiets zur Folge hatte. Das Wasserrecht ist inzwischen auf 16,5 Mio. cbm pro Jahr reduziert. Die Feuchtgebiete sind wieder vernässt, wie Leßmann illustrierte.

Mehr Trockenjahre

Nunmehr geht es auch um die Bewältigung des Klimawandels. Politik, Wirtschaft und Bürgerinitiativen haben an einem »Leitbild Wasser« gearbeitet, um die Wasserversorgung der Zukunft zu beschreiben. »Da geht es darum, sparsamer mit dem Wasser umzugehen und keine neuen Quellen zu erschließen«, fasste es Denk zusammen. Das Land Hessen fördert Kommunen, die ihre Wasserversorgung modernisieren wollen.

Leßmann erinnerte daran, dass es bereits in früheren Jahren ausgetrocknete Bachläufe gab. Bei Untersuchungen in den 1960er und 1990er Jahren wurden trocken gefallene Strecken aufgezeichnet. »Das ist ein natürliches Phänomen, das hat nicht unbedingt etwas mit der Förderung zu tun.« Im Durchschnitt kommt in Hessen fünfmal mehr Niederschlag in die Böden, als herauspumpt wird.

Ein zunehmendes Problem ist der Klimawandel, so Lißmann. Seit 2003 gab es keine »Nassjahre« mehr, also Winter, in denen sich die Böden wie ein Schwamm vollsaugen konnten. Es wird in diesem Jahr wohl überdurchschnittlich viel Regen herunterkommen, aber das gleicht das Ausdörren der Vorjahre nicht aus. Zudem kommt der Regen vermehrt als »Starkregen« herunter und fließt schnell ab, statt langsam in den Boden einzusickern. Hinzu kommt die höhere Verdunstungsrate durch steigende Temperaturen. Die Folge: »Trockenjahre werden durch den Klimawandel häufiger vorkommen«.

Im Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie HLNUG gibt es ein Fachzentrum zum Klimawandel. Dessen Experten können im Kreistag weitere Infos geben, schlug Leßmann vor.

Der detailreiche Vortrag ließ die Abgeordneten etwas ratlos zurück. So erinnerte Dr. Mischak daran, dass eigentlich vom Kreistag beschlossen worden war, eine Studie zu Folgen von Klimawandel und Grundwasserentnahme zu beaufragen. Doch nun sei unklar, welche Zielrichtung eine solche Untersuchung hat. Michael Ruhl (CDU) regte an, in der nächsten Ausschusssitzung weitere Informationen zu erhalten. Dem entsprach Vorsitzender Ziegler.

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Fällt immer wieder trocken: Die Ohmquelle bei Ulrichstein. Experten des Landes sehen den Klimawandel als Ursache. © Joachim Legatis

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