Dienstältester Bürgermeister

Hektisch, aber nett

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Ulrich Künz ist mit 40 Jahren Deutschlands dienstältester hauptamtlicher Bürgermeister. Ein Gespräch über Bürgernähe, Windenergie und politischen Ungehorsam.

40 Jahre Bürgermeister in Kirtorf – darauf sind Sie sicher stolz?

Ulrich Künz: Ja, zumal es am Anfang für mich gar nicht absehbar war, dass ich das 40 Jahre mache. Zwar habe ich es mir zugetraut, aber über einen so langen Zeitraum das Vertrauen der Bürger zu haben, ist schon etwas Besonderes. Dabei ist man abhängig von einer guten Verwaltung und die haben wir hier. Sie hat sich sehr entwickelt, besonders nach der Gebietsreform. So war ein Zusammenführen des kommunalen Ortsrechts nötig. Das war 1977, als ich ins Amt kam, zum Teil erledigt. Davor hat oft der Kreis die Haushaltspläne für die ehemaligen selbstständigen Dörfer aufgestellt.

Heute übersteht mancher Bürgermeister gerade so eine Amtszeit. Haben Sie ein Geheimrezept, wie man so lange im Amt bleibt?

Künz: Es lohnt sich, sich in der Kommunalpolitik über einen so langen Zeitraum zu engagieren. Man kann etwas gestalten, man sieht, was man tut. Mir war auch immer wichtig, die Bürger frühzeitig über anstehende große Projekte zu informieren und sie in die Planung einzubeziehen. Denn kommunalpolitische Entscheidungen betreffen die Bürger ganz direkt. Bürgerbeteiligung und Transparenz sind heute unumgänglich.

Dazu kommen die gute politische Streitkultur in Kirtorf und die lokale Demokratie, die ich versuche stets zu beeinflussen. Bisher ist es immer gelungen, fair und sachlich um gute Lösungen zu ringen.

Wie kamen Sie darauf, Bürgermeister werden zu wollen?

Künz: In der Politik habe ich mich schon mit 16 Jahren engagiert. Im Gießener Raum hatte die CDU damals noch nicht die entsprechende Unterstützung durch die Bevölkerung. Ich wollte helfen, sie nach vorn zu bringen. Eigentlich wollte ich in Großen-Linden Stadtverordneter werden, bin aber wegen meines Berufs dann nach Flörsheim und Grünberg gegangen. Der Vogelsberg hatte auch schon immer eine Bindung an den Gießener Raum. Früher wurden Bürgermeisterstellen öffentlich ausgeschrieben, und da hat die Stelle in Kirtorf gepasst.

Muss ein Bürgermeister aus der Verwaltung kommen?

Künz: Es ist ein großer Vorteil, wenn man die Verwaltung gut kennt. Damals, als ich anfing, war für Bürgermeister die zweite Verwaltungsprüfung vorgeschrieben. Heute ist das ein Fachhochschulabschluss oder der Diplom-Verwaltungswirt.

Wofür ist das wichtig?

Künz: Einen großen Block der Arbeit macht das Aufstellen des Haushaltsplans aus. Der Bürgermeister muss die Ausgaben im Blick haben. Bei unseren finanzschwachen Gemeinden im Vogelsberg ist es eine große Herausforderung, die Bürger nicht zu sehr zu belasten. Dabei haben wir es geschafft, mit hoher Förderung durch Bund und Land eine gute Infrastruktur zu schaffen.

Sind die Dörfer zusammengewachsen?

Künz: Unser Ziel war, alle Ortsteile auf gleicher Augenhöhe zu behandeln. Erst wurden die Gemeinschaftshäuser in den Ortsteilen gebaut, dann in Kirtorf. Wir halten die Vereinsförderung auf hohem Niveau, denn Vereine sind wichtig für den Zusammenhalt.

Kirtorf hat eine Partnerschaft mit Kilb - wofür ist das wichtig?

Künz: Ich verweise da gerne auf Aussagen von Bundestagspräsident Lammert und Bundespräsident Steinmeier, dass die Verantwortlichen auf der kommunalen Ebene, die in der Demokratie groß geworden sind, eine Verpflichtung haben, das geeinte Europa weiter zu entwickeln. Wir leben seit fast acht Jahrzehnten in Frieden und Freiheit, das müssen wir bewahren. Deshalb gibt es diese Partnerschaft. Träger der Partnerschaft sind die Menschen in Kirtorf und Kilb, besonders die Feuerwehren und Sportvereine.

Entscheidend ist, dass die kommunale Spitze das stärkt. Deshalb fahren wir im Mai mit einer Delegation nach Kilb, um uns auszutauschen. Kirtorf ist eine offene Stadt, das zeigte sich, als 1989/1990 viele Russlanddeutsche und Polendeutsche zu uns kamen. Die Deutschstämmigen in Russland und Polen haben in der Vergangenheit einen hohen Preis bezahlt. Nach dem Mauerfall herrschte große Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Das zeigt, dass Europa in den kleinen Landkommunen beginnt.

Sie gestalten seit 40 Jahren Politik im ländlichen Raum mit – werden die Landkommunen an den Rand gedrückt?

Künz: Das sehe ich für uns nicht. Wir haben gegengesteuert. Wenn wir junge Leute in der Region halten wollen, müssen wir Sorge für die Infrastruktur tragen, das gilt auch im kulturellen Bereich. Wir müssen immer wieder bei Land und Bund eine ausreichende finanzielle Ausstattung einfordern. Wir können auch selbst für Wertschöpfung sorgen und beim Ausbau der erneuerbaren Energien Erlöse in der Region halten.

Viele Menschen wollen lieber in der Stadt wohnen, wie ist der Trend fürs Land?

Künz: Es gibt bescheidene positive Ansätze. So wird beim erneuerten kommunalen Finanzausgleich des Landes der demografische Wandel berücksichtigt, das ist gut für uns. Es braucht aber deutliche weitere Schritte. Damals, als die CDU in Hessen in die Verantwortung kam, war die Begeisterung insbesondere im ländlichen Raum groß. Seither haben wir kleine Schritte gesehen, aber die großen Veränderungen müssen in den nächsten Jahren engagiert vorangetrieben werden, damit der ländliche Raum zukunftsfähig bleibt. Denn er hat im Spiel der Kräfte nicht genug Macht. Eine Lösung wäre, wenn wir näher zusammenrücken. So könnten wir mal keinen Haushalt verabschieden, sondern nur auf Probleme hinweisen. Eventuell bringt politischer Ungehorsam eine Verbesserung.

Hat der Vogelsbergkreis in seiner jetzigen Form eine Zukunft?

Künz: Es müssen Einheiten bestehen, die Bürgernähe garantieren. Wenn der Vogelsbergkreis aufgelöst werden sollte, glaube ich nicht, dass dies kraft Gesetzes kommt. Das wird über die Finanzierung der Städte und Gemeinde geregelt. Dass die Landespolitik sich noch stärker für den ländlichen Raum positionieren muss, wie in Bayern, ist für die Zukunftsfähigkeit unserer Heimat zwingend.

Deshalb sollten beispielhafte Initiativen wie die Verlagerung von öffentlichen Arbeitsplätzen in die ländlichen Regionen auch in Hessen machbar sein.

Was ist effektiver für Kommunen: Gemeindeverwaltungsverband oder Fusion?

Künz: Das ist regional sehr unterschiedlich. Auf jeden Fall müssen das die Bürger entscheiden. Bei den hiesigen großflächigen Gemeinden ist ein Zusammengehen über eine gewisse Größenordnung schwierig, aber durchaus sinnvoll. Die Bürgernähe muss bleiben. Antrifttal und Kirtorf zusammen hätten eine größere Fläche als Homberg oder Mücke und wären mit 105 Quadratkilometern drittgrößte Flächengemeinde im Vogelsbergkreis. In Feldatal sieht man die Grenzen eines Gemeindeverwaltungsverbands. Da sind organisatorische Schwierigkeiten in der Verwaltung aufgetreten. Der Zweckverband hat hier die große Chance, Hilfe für die Verwaltungsabläufe in der Verwaltung zu leisten. Wenn man es ernst meint, muss man engere Strukturen schaffen.

Sie sind bis März 2019 im Amt. Wie wird sich Kirtorf entwickeln?

Künz: Ich will Gas geben, um weitere Perspektiven für die Gemeinde zu schaffen. Da geht es um die Neue Mitte, den Ausbau der Kommunikationsflächen und Plätze für Begegnungen sowie Veränderungen des städtebaulichen Bildes mit Dienstleistungsangeboten an Rathaus und Marktplatz. Das will ich mit Parlament und Bürgern erreichen – ich bin ein Harmonie suchender Mensch.

Was würden Sie als größten Erfolg/Misserfolg bezeichnen?

Dazu gehören in erster Linie alle Maßnahmen, um Kirtorf zu einer kinder- und familienfreundlichen Kommune zu machen. Als größten Erfolg möchte ich das sehr frühzeitig Eintreten unserer Stadt für den Ausbau der erneuerbaren Energien bezeichnen. So wurde die Stadt 1985 als erste Solarstadt Hessens vom damaligen Umweltminister Joschka Fischer ausgezeichnet. Es folgte die Errichtung eines Windparkes. Dies war beispielhaft für die damaligen Strukturen. Gleichzeitig war aber die Standortentscheidung des Windparks die größte kommunalpolitische Fehlentscheidung.

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