Aufwühlende Erinnerung an Schulzeit anno 1928

Kirtorf/Alsfeld (jol). »Ich hätte viel früher nach Kirtorf fahren sollen, um noch mehr Menschen zu treffen, die etwas erzählen können«, etwas traurig und aufgewühlt ist Robert Balk beim Besuch auf Spuren seiner Familie.

Kirtorf/Alsfeld (jol). »Ich hätte viel früher nach Kirtorf fahren sollen, um noch mehr Menschen zu treffen, die etwas erzählen können«, etwas traurig und aufgewühlt ist Robert Balk beim Besuch auf Spuren seiner Familie. Der Rentner ist mit seiner Frau Fran aus den USA in den Vogelsberg gekommen, um mehr über die Heimat seiner Vorfahren zu erfahren, der Familie Plaut, die über Generationen in der Kleinstadt gelebt hat. Besonders beeindruckte ihn das Gespräch mit den wenigen Zeitzeugen, die noch jüdische Kirtorfer kannten. So erinnerte sich die 92-jährige Lina Engel an die Schulzeit 1928 mit Balks Mutter Gertrude. Balk besuchte zudem Angenrod mit seinem alten Friedhof und die Altstadt von Alsfeld.

In Kirtorf hatte Lokalforscher Albert Naumann einen Rundgang vorbereitet, um den Balks an zwei Tagen die früheren Zeiten vor Augen zu führen. An Naumann war Balk über den Münchener Reisespezialisten Dr. Dieter Banauch gekommen. Dieser war über den Förderverein Jüdische Geschichte auf Naumann und seine Recherchen über das jüdische Kirtorf aufmerksam geworden. Naumann hat in vielen Zeitzeugen-Gesprächen die Erinnerungen an die jüdischen Familien erfasst. So konnte er die Spuren der Familie Plaut nachzeichnen.

Man besuchte den Friedhof, auch weil Balks Großmutter Rosalie »Recha« Plaut die letzte Jüdin im Ort war, die nach ihrem natürlichen Ableben 1936 noch auf dem Friedhof an der Straße nach Lehrbach beerdigt wurde. Seine Mutter Gertrude konnte der Ermordung durch Flucht in die USA entgehen. Das galt auch für die Geschwister, während ihr Vater in Kirtorf blieb und später in den Osten deportiert und ermordet wurde. »Er fühlte sich zuerst als Deutscher, der den Krieg mitgemacht hat und sicher war, dass ihm nichts passiert«, erläuterte Fran Balk. Das Elternhaus seiner Mutter an der Straße Neustädter Tor konnte Balk nicht mehr sehen, es ist um 1960 herum abgerissen worden. Heute befindet sich dort ein Elektrogeschäft.

Naumann konnte aber die anderen Punkte mit Bezug zur jüdischen Geschichte zeigen, so das Gebäude des ehemaligen Ritualbades, das zu einem Gehöft gehört. Man sah einige Häuser, die einst jüdischen Familien gehörten. Auffallend zeigte sich das Haus von Nagelschmied Elias Hirsch. Es trägt einen gut erhaltenen Prunkgiebel, den ein Sohn von Elias Hirsch errichten ließ, und der von den nachfolgenden Besitzern erhalten wurde. Auf dem Marktplatz steht ein Denkmal für die Teilnehmer und gefallenen Soldaten des Krieges 1870/71.

Darauf sind auch jüdische Bewohner vermerkt, deren Grabsteine auf dem Friedhof zu finden sind. Er führte auch zu dem Haus am Ortsausgang in Richtung Lehrbach, in dem die letzten Juden Kirtorfs bis 1942 untergebracht waren. Per Lkw transportierten die Nazis sie ab und brachten sie über das KZ Theresienstadt in Tötungseinrichtungen in Osteuropa.

Die Besucher aus den USA freuten sich sehr, so umfassend über die jüdische Geschichte informiert zu werden. »Sie sind ein guter Mensch«, betonte Robert Balk gegenüber Naumann. Es sei wichtig, die Erinnerungen zu sammeln, um zu wissen woher man kommt.

Eine weitere Station des Besuchs war Angenrod, das frühere »Klein-Jerusalem«, das die Balks mit Banauch und Joachim Legatis vom Förderverein ansteuerten. Prof. Dr. Ingfried Stahl begleitete die kleine Gruppe über den alten jüdischen Friedhof, der eine eindrucksvolle Anlage darstellt, obwohl der größere ältere Teil in m Dritten Reich abgetrennt wurde und immer noch eine Weide ist. Dort konnten die Balks sehen, wie weit sich deutsche Juden an ihre Umwelt angeglichen hatten. Auf den Grabsteinen waren das Eichenlaub oder ein Eisernes Kreuz zu finden, Symbole die aus der christlichen Umgebung übernommen wurden.

An der »Judengasse« erinnerte Stahl an die Ansiedlung von Schutzjuden, die gegen eine Extra-Steuer vom lokalen Adel mit Schutzbriefen ausgestattet wurden. Sie durften um 1806 kleine Häuschen in der Judengasse erwerben. Um 1860 herum waren in Angenrod knapp 42 % der Bewohner jüdisch, noch heute dürften einige Ortsbewohner auch Menschen jüdischen Glaubens unter ihren Vorfahren haben, wie Stahl erläuterte. Er verwies auf eine Gen-Untersuchung, die für Deutschland ergeben habe, dass bis zu 30% der Bevölkerung auch jüdische Vorfahren hat. Am Haus Speier stellte Joachim Legatis das Projekt für eine Erinnerungsstätte in dem historischen Bau vor. Der herunter gekommene Bau an der Durchgangsstraße gehört einer Erbengemeinschaft in den USA, dort könnte in authentischer Umgebung eine Ausstellung eingerichtet werden. Das sei vor Ort nicht populär, aber einige offizielle Stellen unterstützen das Projekt.

In Alsfeld erkundeten die Balks mit Stadtführerin Daniela Eichelberger das Regionalmuseum. Nach den vielen Informationen des Vormittags gab es eine Pause in einem Restaurant, bevor ein Rundgang die Stadtgeschichte verdeutlichte. Dabei nahmen die Besucher die Stolpersteine zur Erinnerung an Opfer des 3. Reichs mit großem Interesse zur Kenntnis.

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