Viktoria Vogelbacher Beratungszentrum VB
+
Viktoria Vogelbacher Beratungszentrum VB

Kinder leiden stillschweigend

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
    schließen

Viele Kinder leiden unter Alkohol, ohne ihn zu konsumieren. Sie leben in Familien, in denen Vater oder Mutter trinken. Mindestens 3,5 Millionen Alkoholkranke gibt es in Deutschland. Oft übersehen werden deren Familien. Sucht ist aber schlimm für Kinder, deren Bedürfnisse nicht gesehen werden, und die drohen, unter der Last zusammenzubrechen. Wie Sabine.

Heute ist Sabine (Name geändert) ihrer Mutter fast dankbar für die Erfahrung, dass sie sich so entwickeln konnte, wie sie jetzt ist, doch als junges Mädchen war zuletzt häufig viel Hass. Zu schwer war die Bürde für die Elfjährige, den Haushalt zu organisieren, wenn die Mutter wieder einmal betrunken auf dem Sofa lag. Sabine musste schon als Kind Essen zubereiten und spielte in der Schule den Klassenclown, um gesehen und gehört zu werden. Inzwischen ist ihre Mutter trocken und Sabine hat es nach zwei langen Therapien geschafft, mit den schweren Erfahrungen ihrer Kindheit besser umzugehen.

Ihr Beispiel zeigt: Sucht hat viele Folgen, vor allem für die Kinder. Die Überforderung in der Jugend hinterlässt viele Spuren. So haben Kinder aus Suchtfamilien ein sechsmal höheres Risiko, selbst suchtkrank zu werden. Hyperaktivität, Depressionen und aggressives Verhalten sind einige Merkmale, die deutlich häufiger als bei Jungen und Mädchen in unbelasteten Familien auftreten, wie Viktoria Vogelbacher vom Beratungszentrum Vogelsberg sagt. "Den Kindern wird die Unbeschwertheit der Kindheit genommen. Sie müssen früh Verantwortung übernehmen und ihre eigenen Bedürfnisse werden oft nicht erfüllt."

Arbeit am Trauma

Inzwischen hat sie selbst Kinder, aber Sabine erinnert sich noch gut daran, wie sie früher auf dem Heimweg von der Schule immer überlegte, wie ihre Mutter wohl gerade drauf ist, wenn sie nach Hause kommt. Deren Sucht hatte sich über viele Jahre entwickelt. Als das Mädchen neun Jahre alt war, konsumierte die Mutter noch unregelmäßig, nach und nach entwickelte sie sich zur Spiegeltrinkerin. Grund waren unter anderem familiäre Umstände und die Bewältigung des Alltags als junge Mutter, sagt Sabine.

Nur wenn ihre Mutter genug Alkohol intus hatte, konnte sie den Tag überstehen. So wurde es für Sabine normal, nachmittags zu putzen und zu waschen, abends bereitete sie dem Vater das Abendbrot.

Immer wieder kam es vor, dass sie Erbrochenes wegwischen musste. "Es war eine brachiale Sucht", sagt sie, als die Mutter schon morgens den ersten Schluck brauchte. In der Schule hatte Sabine ab der 7. Klasse Schwierigkeiten.

"Ich habe meine Mutter irgendwann gehasst", sagt sie. Als das Mädchen 13 Jahre alt war, konnte ihre Mutter ohne ihr festes Quantum nicht mehr über den Tag kommen. Bei einem Urlaub brach sie wegen der Entzugserscheinungen mit Krämpfen zusammen und kam mit dem Rettungswagen in eine Klinik, danach in den Entzug. Sechs Wochen durfte Sabine ihre Mutter nicht sehen, "das ist eine lange Zeit für ein Kind". Seither ist ihre Mutter trocken und hat sich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen. Sabine hatte in der Zeit des Trinkens der Mutter gut gelernt, zu funktionieren, sie hat aber nicht das erhalten, was ein heranwachsender Mensch dringend braucht. "Ich hatte Glück, meine Großeltern haben mich bedingungslos angenommen und waren immer für mich da."

Sie hat lange gebraucht, das Trauma zu verarbeiten. Sie trinkt wenig und reagiert sensibel, wenn andere Leute in ihrem nahen Umfeld Alkohol konsumieren. In einer Therapie hat Sabine gelernt, die eigenen Bedürfnisse erst einmal wahrzunehmen. "Ich habe oft die Helferkappe auf", erzählt sie, was sich auch auf ihre Beziehungen auswirkte.

Erst nach ihrer zweiten Therapie schaffte Sabine es, sich abzugrenzen. "Ich musste erst lernen, auf mich selbst zu achten und auch zu sagen, wie es mir geht." Inzwischen ist sie ihrer Mutter dankbar. "Sie hat mir einen Weg ermöglicht, auf dem ich gelernt habe, mich mit mir selbst und dem was passiert ist, wohlzufühlen."

Für Viktoria Vogelbacher ist es wichtig, dass Menschen im Umfeld sich über die Folgen von Sucht informieren und Hilfe suchen. "Denn Kinder leiden stillschweigend unter der Sucht der Eltern und wollen die Familie vor dem Stigma bewahren. Deshalb suchen sie keine Hilfe."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare