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Bürgermeister Lothar Bott auf dem Sportplatz Nieder-Gemünden, der eine Überflutungsfläche der Felda bildet, die entlang der Bäume im Hintergrund verläuft.

Keine Neubauten am Flussufer

  • Joachim Legatis
    VonJoachim Legatis
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Die Flutkatastrophe der jüngsten Zeit zeigt, wie zerstörerisch Wassermassen sein können. Die Menschen müssen sich immer häufiger auf Starkregen und Frühjahrsfluten einstellen, dazu gibt es in Hessen Hochwasserschutzprogramme. Eine Folge davon ist das Verbot von Baugebieten an der Felda.

Die Flutkatastrophe, die besonders Orte in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz verwüstet hat, zeigt, wie hilflos Menschen den Naturgewalten ausgeliefert sein können. Kleine Bäche wurden zu reißenden Strömen, die Straßen und Häuser überflutet haben. Solche Jahrhundert-Hochwasser gibt es zunehmend häufiger. Überschwemmungen in Orten wie Ermenrod, Köddingen und Berfa nach Starkregen sowie bei Schneeschmelze in Ober-Ohmen und Nieder-Gemünden führen auch im Vogelsberg zu erheblichen Schäden.

Um diese Schäden zu minimieren, haben Experten im Auftrag des Landes die Überschwemmungsbereiche der hiesigen Bäche vermessen. Daraus erwachsen Empfehlungen an die Kommunen - denn die sind für den Hochwasserschutz der Bürgerinnen und Bürger zuständig. Das bedeutet am Beispiel Gemünden, dass einige Bereiche tabu für Baugebiete sind, wie Bürgermeister Lothar Bott erläutert.

So könnte der Bereich am Sportplatz Nieder-Gemünden für Hausbau genutzt werden, wenn er nicht im Überflutungsbereich der Felda liegen würde. Das gilt für den ganzen Auenbereich zwischen Burg- und Nieder-Gemünden, wo die Felda in die Ohm mündet.

Bürgermeister Bott unterscheidet zwischen zwei Regen-Phänomenen: Dem örtlich begrenzten Starkregen und dem Frühjahrs-Hochwasser nach der Schneeschmelze. So gab es vor rund drei Jahren in Rülfenrod ein örtliches Gewitter. Bott: »Zwei Stunden Starkregen haben Fluten von den umliegenden Ackerflächen ausgelöst«. Der ausgetrocknete Boden nahm das Wasser nicht auf, eine schlammige Brühe rauschte in den Ort hinein.

Gegen solche Wetterkapriolen kann man wenig machen, während die regelmäßigen Hochwasser im Winter und Frühling kalkulierbar seien. Dann treten Felda und Ohm in der Aue von Nieder-Gemünden über die Ufer, die Landstraße ist regelmäßig überflutet.

Wie ein guter Hochwasserschutz aussehen kann, hat das Land 2010 für den Einzugsbereich der Fulda mit Antrift und Schwalm untersucht. Fünf Jahre später folgte eine Untersuchung im Bereich der Lahn mit den Zuflüssen Felda und Ohm. Das Ergebnis ist ein Hochwasserrisikomanagementplan (HWRMP).

Dabei wurden für die Ohm drei Hochwasserszenarien untersucht, wie das Regierungspräsidium mitteilt. So ermittelte man die Flächen, die bei einem Hochwasser, das statistisch gesehen alle zehn Jahre auftritt, geflutet werden. Als HQ 100 wird eine Wassermenge angenommen, die alle 100 Jahre den Bach entlang rauscht. Als »Extremereignis« gilt HQ 200, also eine Wahrscheinlichkeit von einmal alle 200 Jahre. Daraus resultieren Karten mit den Flächen, die dann jeweils das überschießende Wasser aufnehmen.

Geld fehlt

Ein Ergebnis ist ein Maßnahmenkatalog für die Kommunen am Ufer. Um Antreff und Schwalm zu bändigen, sind Hochwasserrückhaltebecken bei Treysa, Heidelbach und Angenrod angelegt. Für den Hochwasserschutz an Ohm und Felda sind die Kommunen zuständig. Das kritisiert Lothar Bott, denn die Kommunen seien juristisch dem Land zugeordnet. »Wenn ich das als Kommune umsetzen soll, brauche ich auch die Finanzen.« So gebe es lediglich Vorschläge des Landes, denn wenn es verpflichtend wäre, müsste das Land auch für die Kosten aufkommen.

Immerhin kann ein anderes Landesprogram auch dem Hochwasserschutz dienen. Der Ortenröder Bach zwischen Elpenrod und Nieder-Gemünden wird über das Landesprogramm »100 wilde Bäche« naturnäher gestaltet. Ziel ist es, mehr Windungen zuzulassen, die das Wasser verlangsamen. Der Bach hat einen großen Einzugsbereich, Maßnahmen an ihm entlasten die Felda.

Das Land hat sich auch mit dem Aspekt der lokalen Starkregenereignisse befasst, wie der Sprecher des RP sagt. Durch diese können auch weitab von Gewässern Schäden durch Überflutungen auftreten. Fließwege entstehen in Gräben und Geländesenken und konzentrieren sich in Richtung Taltiefpunkt. Das Land hat im Rahmen des Projekts »Klimprax - Starkregen und Katastrophenschutz für Kommunen« Unterlagen erstellt.

Extremwetterereignisse werden laut Experten aufgrund des Klimawandels wahrscheinlich verstärkt vorkommen. Das Land hat dazu ein dreistufiges Informationssystem vorgelegt. Es beinhaltet eine Starkregenhinweiskarte, eine Karte der Fließpfade und eine Starkregen-Gefahrenkarte. Die Karten sind auf der Internetseite des Landesamts für Naturschutz HLNUG zu finden. Mit erfasst sind die Schadenspotenziale der betreffenden Gegend.

Der RP-Sprecher weist besonders darauf hin, dass Kommunen die jeweiligen Fließpfade berechnen lassen können. Auch das geschieht über Experten des HLNUG. Fließpfade entstehen durch Taleinschnitte und Hangneigungen. Die Untersuchung im hügeligen Vogelsberg ist deshalb ausgesprochen sinnvoll, fügt der Sprecher an.

Der Hochwasserschutz fließt bei Bauplanungen ein, wie lothar Bott in Gemünden beobachtet. So wollte Hessen Mobil im Überflutungsbereich bei Nieder-Gemünden die Landstraße etwa 20 Zentimeter höher legen. das wurde abgelehnt, um den Abfluss des Wassers nicht zu behindern. Auch bei der Erneuerung des Brühlstegs am Sportplatz Nieder-Gemünden wurde über die Durchflussmenge der Felda gesprochen. Dann aber zeigte sich, dass der dahinter liegende Bahndamm mit der Brücke das eigentliche Nadelöhr bildet. Das alte Sportheim Burg-Gemünden liegt im Überflutungsbereich, hat aber Bestandsschutz. Wegen der Hochwasser hat die Gemeinde darauf verzichtet, den Jugendraum dort einzurichten.

Überschwemmungen wie im März 2020 kommen bei Nieder-Gemünden immer wieder vor.

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