Die meisten Besetzer holt die Polizei mit einer mobilen Hebebühne aus den Bäumen. FOTO: LKL
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Die meisten Besetzer holt die Polizei mit einer mobilen Hebebühne aus den Bäumen. FOTO: LKL

Keine Eile im Herrenwald

  • vonLena Karber
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Seit drei Wochen laufen die Rodungsarbeiten im Herrenwald. Das mediale Interesse ist mittlerweile zurückgegangen, der Protest jedoch nicht. Ein Besuch vor Ort zeigt: Überwiegend geht es friedlich zu. Im Dannen- röder Forst könnte das jedoch anders werden.

Kurz bevor es losgeht, stimmen sie die ersten Gesänge an. "Power to the People", singt eine junge Frau mit fast schon gospelartiger Stimme - gebt dem Volk die Macht. Sofort erschallt ein vielstimmiges, gleichlautendes Echo aus den Bäumen in ihrer Umgebung. "’Cause the People have the Power", singt eine zweite Frau vor - denn die Menschen haben die Kraft. Wieder folgt ein mehrstimmiges Echo. Dann ertönt der Ruf eines Mannes: "Achtung, Hebebühnen im Anmarsch!"

Am Donnerstagmorgen wimmelt es im Herrenwald von Uniformierten. Die Zahl liegt wohl im hohen dreistelligen Bereich. Sie kommen aus Hessen, aus Nordrhein-Westfalen, aus Bayern. "Ich verstehe nichts, hier sind so viele Nebengeräusche und Dialekte", sagt ein Polizist in sein Handy.

Seit die Rodungsarbeiten vor drei Wochen angefangen haben, ist die Polizei tagein und tagaus damit beschäftigt, A49-Gegner aus den Bäumen des jeweiligen Waldstückes zu bringen. Mittlerweile hat sich laut Pressesprecherin Sylvia Frech keine Routine, aber doch "ein gewisser Tagesablauf" eingestellt: So wird jeden Morgen zunächst das Sicherheitsgebiet abgeriegelt, dann der Wald in diesem Bereich durchkämmt, um Aktivisten zu lokalisieren. Am Mittwoch waren gar keine da, am Donnerstag - das ist schnell zu erkennen - sind es ziemlich viele. Das liege daran, dass an diesem Tag besser vorauszusehen war, wo die Rodungsarbeiten weitergehen, meint Frech. Südostlich von Stadtallendorf sollen die Bagger rollen.

Doch während das Medieninteresse nach wenigen Tagen stark nachgelassen hat, hat es der Protest der A49-Gegner mitnichten. Anfang des Monats wurde im Herrenwald ein erstes Camp geräumt, vergangene Woche ein zweites, das sich neu gebildet hatte. Doch das bedeutet keinesfalls freie Fahrt für die Bagger: Viele Aktivisten leben nicht dauerhaft im Herrenwald, sondern kommen erst morgens - ausgestattet mit nicht viel mehr als warmer Kleidung.

Am Donnerstag haben sich nach Angaben der Polizei etwa 50 Ausbaugegner im Herrenwald eingefunden. Die meisten sitzen alleine auf einem Baum, manche auch zu zweit oder zu dritt. Bei jedem besetzten Baum versucht die Polizei zunächst, die Ausbaugegner mit Worten dazu zu bringen, den Wald zu verlassen und erläutert den rechtlichen Rahmen. Alles wird protokolliert und gefilmt. Schließlich steht, vor allem im Netz, oftmals der Vorwurf der Polizeigewalt im Raum.

Alle Aktivisten aus dem Wald zu holen, ist extrem langwierig. Stunde um Stunde vergeht, obwohl die Polizei mit zwei mobilen Hebebühnen gleichzeitig im Einsatz ist. Von Unruhe ist jedoch nichts zu spüren. Für die Firma DEGES, die mit den Arbeiten beauftragt wurde, seien die Verzögerungen vermutlich ärgerlich, meint Frech. "Aber für uns ist das unser Job. Es dauert eben solange es dauert."

Gegen die Besetzer wird jeweils ein "ganztägiger Platzverweis" erlassen, und sie werden zur Personalienfeststellung abgeführt. Mehr ist meist nicht möglich. Denn dazu müsste man den Besetzern nachweisen können, dass sie Wiederholungstäter sind, erklärt Frech. Das sei jedoch nicht so einfach, weil die Aktivisten häufig ihre Fingerabdrücke unkenntlich machen - etwa mit Teer, Kleber und Glitzerpulver oder Rasierklingen. Gleiches gelte für den Nachweis der Wiederholungstäterschaft mit Lichtbildern, weil sich viele Aktivisten anmalen.

Seit Anfang des Monats kam es zu Steinwürfen auf Polizeiautos und anderen Sachbeschädigungen, aber vereinzelt auch zu Gewalt. Folgt man den Pressemitteilungen der Polizei, dürfte die Anzahl der Festnahmen in den dreistelligen Bereich gehen. Am Donnerstag kommt es zweimal zu Gewalt gegen Polizeibeamte: Ein Mann tritt einem Beamten ins Gesicht und eine Frau versucht, Beamte zu treten, zu bespucken und zu beißen.

Der Großteil der Waldbesetzer leistet jedoch keinen Widerstand, sondern lässt sich ohne Gegenwehr aus den Bäumen holen. Zur Melodie der Kindersendung KIKA-Tanzalarm erklingt dann häufig der Slogan "Du bist nicht allein, du bist nicht allein" aus den Bäumen - oder auch andere Protestbekundungen wie "Gesetzestreue lohnt sich nicht, my Darling" zur Melodie des bekannten Liebeskummer-Schlagers.

Immer wieder hört man auch, wie sich Aktivisten mit den Polizisten, die sie abführen, unterhalten. Es geht um eingeschlafene Füße und darum, ob der andere jeden Tag vor Ort ist. Als eine junge Frau vom Baum geholt wird, lobt die Polizei ausdrücklich, dass sie einen Klettergurt an hat. Selbstverständlich ist das nicht, denn abgesehen von ein paar kleinen Baumhäusern sitzen die meisten Aktivisten am Donnerstag ohne viel Equipment in den Bäumen - und das oft auf sehr dünnen Ästen.

Im Dannenröder Forst dürfte das anders werden. Welche Gruppierungen sich dort aufhalten, weiß die Polizei nicht genau. Aber alle sind sich einig: Das wird wohl eine ganz andere Hausnummer.

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