Eine Konsumentin zieht an einem Joint. SYMBOLFOTO: DPA
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Eine Konsumentin zieht an einem Joint. SYMBOLFOTO: DPA

Jeden Tag Angst vor dem Rückfall

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Tom hat es geschafft. Nach Jahren voller Gewalt und Drogen hat er den Absprung geschafft und baut sich nach einer Therapie ein Leben auf. Zum Antidrogentag erzählt er seine Geschichte.

Diese Droge ist der Teufel in Person", sagt Tom nachdenklich. Er war einige Jahre abhängig von Chrystal Meth, nahm dazu oft einen wilden Mix aus Alkohol, Pillen und Cannabis zu sich, bis der Körper nicht mehr mitmachte. Jetzt ist der 22-Jährige seit eineinhalb Jahren drogenfrei und will seinen Schulabschluss nachholen. Tom (Name geändert) ist einer von rund 600 Betroffenen und Angehörigen, die jährlich im Beratungszentrum Vogelsberg Hilfe beim Ausstieg aus der Sucht erhalten. Zum Antidrogentag am 26. Juni verweist Leiter Matthias Gold auf eine Arbeit, die sich stetig ändert, aber unentbehrlich für Betroffene wie Tom ist.

Lächelnd und offen erzählt Tom von den Jahren, die er zwischen Drogen und Gewalt verbracht hat. Chrystal Meth macht schnell abhängig, es bietet Glücksgefühle, man spürt keine Schmerzen und ist "extrem lange wach". Aber ohne den Stoff im Blut "war ich hochgradig aggressiv", erinnert sich Tom. Damals hat er meist einen langen Mantel getragen, unter dem er eine Machete verborgen hielt. "Man wird paranoid" durch die Droge, ein Kumpel war immer mit einer Pistole unterwegs.

Dabei hatte es für ihn wie für viele andere Konsumenten schleichend angefangen. Etwa mit 13 Jahren hat er zum ersten Mal einen Joint geraucht. Erst mit 16 kam er an Alkohol heran, aber auch an Chrystal Meth. Dazu kamen Pillen, die Ephidrin und MDMA (eine Partydroge) enthalten. Er nahm, was er bekommen konnte, wie Speed, Cannabis und Alkohol. "Man geht auf Partys und ist als Jugendlicher anfällig für so etwas", sagt Tom. Er brach die Schule ab und floh in den Konsum. Bereits mit 18 Jahren machte er den ersten Entzug.

Chrystal Meth verändert den Körper. "Ich habe das zwei- bis dreimal genommen und war drauf"; schnell brauchte er den Stoff immer häufiger. Zu Beginn hält die Euphorie einen ganzen Tag an, später nur noch einen halben Tag. "Und du brauchst eine immer höhere Dosis."

Sehr aggressiv

Tom war in einer Clique unterwegs, die denselben Lebensstil betrieb. Man hing den ganzen Tag herum, war im Ort unterwegs. Schnell kamen kriminelle Delikte hinzu, "ich war hochgradig aggressiv und habe nur Scheiße gebaut." Er versuchte, "nicht so krass kriminell zu werden", aber so ganz gelang das nicht. So besuchte er mit Freunden auch mal Kunden eines Bekannten, um Schulden einzutreiben. Details will Tom nicht erzählen, aber es ist ihm sichtlich unangenehm.

Vor etwa 18 Monaten hat er gemerkt, dass der Körper nicht mehr mitmacht. Er hatte Gras, Pillen, Chrystal und Alkohol genommen, konnte kaum schlafen und essen, wurde "emotional stumpf und kalt". Tom brach den Kontakt zu seinen Kumpels ab und zog in eine andere Stadt. Nach dem Entzug zu Hause war er für Wochen mit Depressionen in einer Klinik, danach in einer Reha-Einrichtung. Erst dort entschied er sich für eine Therapie. "Ich habe mich vorher nicht als Süchtigen gesehen, man sieht das nicht, wenn man drin ist", sagt er. Als Süchtiger "flieht man in den Konsum, man denkt nicht an die Ausbildung oder Probleme".

Gespräche helfen

Jetzt will er den Schulabschluss nachmachen und eine Ausbildung in der Pflege machen. Um den Suchtdruck auszuhalten, ist er froh, verständnisvolle Eltern zu haben und einen guten Freund, mit denen er reden kann. "Ich habe jeden Tag Angst, rückfällig zu werden", dagegen hilft nur Reden mit Vertrauten.

Das ist der Kernbereich dessen, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Beratungszentrums machen, wie Gold erläutert: "Gespräche helfen". In Einzelgesprächen und den Gruppen geht es darum, Alternativen zum Konsum aufzuzeigen. Dabei sind die Menschen mit Suchtgeschichte sehr unterschiedlich. Etwa die Hälfte hat illegale Drogen zu sich genommen, die meisten anderen zu viel Alkohol. Nur wenige kommen wegen Medikamentensucht ins Beratungszentrum. "Wenn sie ihre Pillen nehmen, geht es ihnen gut", sagt Gold.

Dabei ist Sucht ein Problem für sehr viele Menschen. Schätzungsweise 1200 Menschen sterben jährlich an illegalen Drogen, rund 8000 an Folgen des Alkohols. Geschätzt über eine Million Menschen ist medikamentensüchtig. Drogen sind dabei eine Krücke für das Leben, wie es Gold umschreibt. Erst später merken Betroffene, dass die Krücke das Leben schwerer macht. Dann ist es leichter, mit einer Therapie und Gruppenangeboten wieder ohne die Gehhilfe auszukommen.

Mit Skepsis sieht Gold, dass in jüngerer Zeit mehr junge Leute Cannabis konsumieren. Die Debatte um eine Legalisierung der Droge vermittelt ihnen, dass es nicht so problematisch ist. Fachleute raten aber, Cannabis erst ab 21 Jahren zuzulassen, weil bei Jugendlichen die Persönlichkeitsentwicklung leidet. Oft werden sie lethargisch, schwänzen die Schule und machen keine Ausbildung.

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