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Impfen? »Ach, lieber später...«

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Von: Joachim Legatis

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vb_wranze1_300721_4c_1 © Joachim Legatis

Es war ein echter Kraftakt im Dezember 2020, in wenigen Tage das Impfzentrum Vogelsberg in der Hessenhalle Alsfeld einzurichten. Am 30. September schließt es seine Pforten, Zeit für eine Zwischenbilanz. Ausgelastet war es nie, statt der 1000 möglichen Impfungen wurde an Spitzentagen 870 mal der Piks gesetzt. Seit Juli stockt es nun besonders.

Mit über 110 300 verabreichten Impfdosen waren Anfang August 49,9 Prozent der Vogelsberger vollständig geimpft. Wenn man die Erstimpfungen zugrunde legt, sind es 55,2 Prozent. Nicht erfasst sind Aktivitäten der Betriebsärzte. Zum Vergleich: Die Impfquote für Hessen beträgt 62 Prozent bei Erstimpfungen, vollständig geimpft sind 52,9 Prozent.

Neuere Zahlen liegen für das Impfzentrum in Alsfeld vor: Bis Donnerstag gab es 37 313 Erstimpfungen und 33 545 Zweitimpfungen. Die Gesamtanzahl der Impfungen liegt bei 70 858. Hier sind Impfungen durch Haus- und Betriebsärzte nicht einbezogen.

Das ist eine Menge, dennoch wirbt Dr. Erich Wranze-Bielefeld vehement dafür, dass sich mehr Menschen immunisieren lassen. »Wir haben diejenigen erreicht, die überzeugt sind.« Nun gelte es, möglichst viele der noch Ungeimpften zu erreichen, sagt der ärztliche Leiter des Impfzentrums.

Für die nächste Zeit spielt das Impfen ohne Termin im Impfzentrum Alsfeld eine zentrale Rolle. Aktuell kommen bereits 13 Prozent der Besucher unangemeldet vorbei. Um den Besuch zu erleichtern, ist das Impfzentrum sieben Tage pro Woche geöffnet. Täglich erhalten 100 bis 200 Menschen einen Schutz gegen schwere Covid-19-Erkrankungen, sagt Wranze-Bielefeld.

Die Bilanz fällt also positiv aus. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Aktion organisatorisches Neuland bedeutete. Im Dezember wurde das Impfzentrum eingerichtet. »Wir haben das wie eine Katastrophenlage betrachtet«, erinnert sich der ärztliche Leiter. So wurde ein Stab eingerichtet, die Vorbereitungen liefen reibungslos und das Zentrum war so aufgebaut, dass 1000 Impfungen pro Tag möglich waren. »Diese Zahl haben wir nie erreicht.« Zu Beginn war der Andrang groß. Es hat an Impfstoff gemangelt, Monat für Monat wurden Lieferungen vom Land zugesagt, die nicht kamen. »Erst im Juni hat es geklappt«, bis dahin waren aber schon viele geimpft.

Es gibt Dinge, die man besser hätte machen können, wie Wranze-Bielefeld sagt. »So wäre es einfacher gewesen, das Land hätte den Landkreis mit der Organisation beauftragt.« So dauerte es lange, bis die Liste der Menschen, die zu Hause geimpft werden sollten, vom Land zusammengestellt war.

Positiv wertet Wranze-Bielefeld die Ausweitung der Impfkampagne auf die Hausärzte. Die Erfahrungen im Impfzentrum selbst waren positiv. Nur einmal musste Impfstoff vernichtet werden, weil über Nacht ein Kühlgerät ausgefallen ist.

Manchmal kam es vor, dass eine Flasche mit Impfstoff beim Anstechen verunreinigt wurde, weil Gummi aus der Kappe abgebrochen war.

Begeistert ist Wranze-Bielefeld von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. »Mit ihrer Freundlichkeit haben sie zur guten Bilanz entscheidend beigetragen.« Eigentlich war in der Halle ein elektronisches Aufrufsystem für das Arztgespräch eingerichtet, das nach einer Weile ausgefallen ist. »Es läuft besser, wenn Menschen das machen.«

Bis Anfang Juli lief die Kampagne gut, dann ist die Lage gekippt. Das Interesse in der Bevölkerung an Impfungen ließ deutlich nach. »Das deckt sich mit den Erfahrungen in anderen Ländern, jenseits einer Impfquote von 50 Prozent wird es schwierig.« Ein Faktor waren sicher die sinkenden Ansteckungszahlen. Die Quote der kurzfristig abgesagten Impftermine lag eine Weile bei rund 40 Prozent, aktuell liegt der Wert bei etwa 10 bis 20 Prozent. Über das Impfterminportal des Landes werden weniger Termine eingestellt, daher verringert sich auch die Zahl der nicht wahrgenommenen Termine. Impfwillige können über das Impfspringer-Portal einen Termin machen.

Um einen starken Anstieg der Infektionen im Herbst zu verhindern, müssten sich mehr Menschen immunisieren lassen, so der Appell. Denn an der niedrigen Inzidenz habe die Impfkampagne einen großen Anteil, schätzt der Arzt. »Schutzmaßnahmen wie Abstand halten und Mundschutz sind nicht zuverlässig, zu viele Menschen nehmen nicht genug Rücksicht«.

In der Frage, ob Jugendliche im Alter von zwölf bis 18 Jahren ebenfalls geimpft werden sollten, hat Wranze-Bielefeld eine klare Haltung. »Ich würde mein Kind impfen lassen.« Für eine wissenschaftliche Aussage liegen nicht genug Daten vor, deshalb kann der Arzt die Position der Impfkommission Stiko nachvollziehen.

Kräftig mitgeimpft haben die Hausärzte. Wer sich impfen lassen wollte, der ist jetzt geimpft, sagt Susanne Sommer, Allgemeinärztin und Sprecherin ihrer Hausarztkollegen im Kreis. Alle über 60 Jahre wurden von der Praxis kontaktiert und angerufen, Jüngere konnten sich ebenfalls ihre Dosis abholen. Doch es gebe anscheinend viele, die sich nicht impfen lassen wollen, stellen die Hausärzte fest. Lieber abwarten, scheint die Devise: »Warum impfen lassen, ich muss ja nicht.« Andere könnten nicht genau sagen, warum sie den Piks nicht wollen, der im Fall einer Coronavirus-Infektion einen schweren Verlauf mit Krankenhaus recht sicher verhindert. Dabei kann eine Rolle spielen, dass die Inzidenzen derzeit noch relativ niedrig sind. Vergünstigungen oder Vorteile helfen aus Sicht von Sommer nicht, um Menschen zu überzeugen, sich impfen zu lassen. »Ich würde mir einfach mehr Solidarität mit der übrigen Gesellschft wünschen.«

Es sei deshalb zu befürchten, »dass erst die 4. Welle kommen muss,« um das Interesse am Impfschutz neu anzufachen. Sommer ist sicher, »dass die Infektionszahlen wieder hochgehen.« Dann könnte es aber eng werden, wenn über 60-Jährige wieder nachgeimpft werden müssen, die Impfzentren Ende September schließen, der Impfstoff, der im Moment im Überfluss da ist, vielleicht wieder rarer wird. Sommer: So leicht wie jetzt werde man dann wohl nicht mehr an die Impfung kommen. Immerhin sei man in der Praxis bis auf rund 20 Dosen auch vom Impfstoff Astra-Zeneca alles losgeworden, jetzt werde nur noch Biontech nachbestellt.

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Wirbt für »Impfen ohne Termin«: Dr. Erich Wranze-Bielefeld, ärztlicher Leiter des Impfzentrums in Alsfeld. »So leicht wie jetzt kommt man nicht mehr an eine Impfung«, sagen Vogelsberger Hausärzte. © Joachim Legatis

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