Mitte 2016 gab es noch ehrenamtlich einen Sprachkurs in der Gemeinschaftsunterkunft Ulrichstein, hier unterrichtet Wolfgang Diesing (an der Tafel) Mohammad und Abdullah Shartah, Sabri Abd Alrahman sowie Shaban Habas, es lauscht Lesepatin Gabi Kreisel. ARCHIVFOTO: JOL
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Mitte 2016 gab es noch ehrenamtlich einen Sprachkurs in der Gemeinschaftsunterkunft Ulrichstein, hier unterrichtet Wolfgang Diesing (an der Tafel) Mohammad und Abdullah Shartah, Sabri Abd Alrahman sowie Shaban Habas, es lauscht Lesepatin Gabi Kreisel. ARCHIVFOTO: JOL

Immer weniger Flüchtlinge

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Zum Bedauern aus der Politik hat die Flüchtlingsunterkunft Ulrichstein geschlossen. Das liegt im Trend: Immer weniger Geflüchtete kommen in den Kreis, es sind noch drei Menschen pro Woche. Die haben aber auch gute Chancen auf Integration.

Ulrichstein hat Einwohner verloren und das stößt Karl Weisensee negativ auf. Der Stadtverordnetenvorsteher findet es "sehr bedauerlich", dass 34 geflüchtete Menschen die Gemeinschaftsunterkunft an der Durchgangsstraße der Kernstadt verlassen haben. Die Einrichtung wurde geschlossen, die Bewohner kommen in anderen Orten des Kreises unter.

Hintergrund ist das Insolvenzverfahren des Betreibers, der Neuen Arbeit, die das Gelände gepachtet hatte. Es werden mehr Gemeinschaftsunterkünfte geschlossen, das spiegelt die gesunkene Zahl an Flüchtlingen wider, wie Hans-Ulrich Merle und René Lippert vom Amt für soziale Sicherung des Kreises erläutern. "In der Hochphase der Flüchtlingsbewegungen haben wir 48 Gemeinschaftsunterkünfte genutzt, nun sind noch 33 in Betrieb", sagt Merle. Die Einrichtungen nehmen Menschen auf, deren Asylverfahren noch läuft. Wenn sie als Verfolgte anerkannt werden oder Abschiebeschutz besteht, können die Männer, Frauen und Familien eigenständig eine Wohnung mieten. Wenn sie abgelehnt werden, wäre Abschiebung die Folge.

Die Geflüchteten werden nach einem bestimmten Schlüssel auf die Landkreise verteilt. In den Jahren 2015/2016 kamen zeitweise über 50 Menschen pro Woche im Vogelsberg an, wie sich Merle erinnert. Im zweiten Quartal 2016 sank die Zahl dann auf 12 bis 18 Personen pro Woche. Inzwischen sind es deutlich weniger, die Bilanz für 2018 weist 241 Zuweisungen auf, im vergangenen Jahr sank die Zahl auf 165. Aktuell kommen durchschnittlich drei Menschen pro Woche neu in den Kreis. Die Hauptherkunftsländer sind unverändert Syrien, Afghanistan, Iran und Irak.

Weniger Verfahren

Hierbvei sind allerdings Familienangehörige von anerkannten Flüchtlingen nicht erfasst, da sie kein Asylverfahren durchlaufen. "Das sind vergleichsweise kleine Zahlen", sagt Merle. Die genaue Zahl der Geflüchteten, die im Vogelsberg leben, ist den Experten des Amts nicht bekannt. Im Dezember 2019 bezogen 1223 Menschen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz oder nach dem Sozialgesetzbuch 2, also Grundsicherung für Arbeitsuchende, wie Lippert aufzählt.

Diese Menschen haben einen Aufenthaltsstatus, das bedeutet, dass sie nicht abgeschoben werden können. Bei Syrern geschieht das mit Blick auf den seit Jahren laufenden Krieg. Seit Kurzem werden Afghanen aus Hessen nicht mehr in das Bürgerkriegsland abgeschoben, es gibt aber keinen offiziellen Verzicht auf Abschiebungen.

Jedenfalls nimmt die Zahl der laufenden Verfahren immer weiter ab. Deshalb werden im Kreisgebiet weniger Gemeinschaftsunterkünfte benötigt. Neuankömmlinge werden inzwischen erst einmal in der Erstaufnahmeeinrichtung Gießen untergebracht. Familien bleiben dort bis zu sechs Monate, Alleinstehende bis zu einem Jahr, um dann erst auf die Landkreise verteilt zu werden. Dort werden auch Sprachkurse angeboten. "Wir haben außergewöhnlich gute Quoten von Menschen, die mit dem Niveau B 2 abschließen", berichtet Merle. Das bedeutet Sprachkenntnisse, mit denen man sich im Alltag flüssig verständigen kann. Die sind eine wichtige Grundlage, um einen Job zu finden.

Das wird flankiert von vielen Ehrenamtlichen, die sich auch nach Jahren noch sehr engagiert um die Geflüchteten kümmern würden, wie Lippert ergänzt. So stellen sie Kontakte zu Firmen her, um Arbeits- und Ausbildungsplätze zu finden. "Wir haben eine beachtliche Integrationsleistung im Vogelsberg erbracht", fasst Merle die Erfahrungen zusammen. Die übersichtlichen Ortschaften, die eher kleinen Gemeinschaftsunterkünfte und das Engagement der Ehrenamtlichen begünstigten die Anpassung an die Umgebung.

Wie viele Flüchtlinge im Kreis geblieben sind, wissen Merle und Lippert nicht. "Bestimmt mehr als 1000 sind geblieben", schätzt Merle. Denn im Amt gibt es nur Unterlagen von Menschen, die im Asylverfahren sind oder weiterhin Leistungen nach dem SGB II beziehen. Wenn die Verfahren abgeschlossen sind, verlieren sie eine ganze Reihe von ihnen aus den Augen.

Sicher kann Lippert belegen, dass rund 500 Flüchtlinge aus dem Vogelsbergkreis wieder weggezogen sind. 160 haben eine Arbeit hier aufgenommen und verdienen damit ausreichend für ein selbstständiges Leben. 130 bekommen eine Aufstockung, weil die Löhne niedrig sind.

Merle und Lippert sind sehr froh darüber, dass es keine fremdenfeindlichen Vorfälle im Umkreis der Gemeinschaftsunterkünfte gegeben hat. Nur in einem Ort seien rassistische Aufkleber aufgefallen.

Das gegenseitige Kennenlernen habe Barrieren abgebaut. "Es hilft, wenn ein Arbeitgeber feststellt, dass der neue Mitarbeiter gut anpackt, auch wenn es mit der Sprache noch hapert", so Lippert.

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