Demenz

Im Walzertakt gegen das Vergessen antanzen

  • schließen

Sitztanz im Walzertakt mag für Menschen ohne Einschränkungen langweilig sein. Menschen mit Demenz kann man damit eine Freude machen. Ein Angebot gibt es bald in Homberg.

Lautes Lachen klingt im Flur des Familienzentrums hinein. Die Frauen und der eine Mann haben offenkundig einigen Spaß bei den Übungen, die im Saal veranstaltet werden. Dort wird zum Beispiel ein knallroter Ball über den Boden gerollt und der Empfänger nennt ein Gartengerät mit dem Anfangsbuchstaben, der als Karte vor ihm liegt. Kurz darauf balancieren die Frauen und der Mann einen Tischtennisball auf einem Becher und schnipsen mit der anderen Hand. Mit viel Gelächter wird versucht, den Ball auf den Boden dotzen zu lassen und mit dem Becher wieder einzufangen. Das klappt nicht immer, macht aber viel Spaß beim Hinterherjagen.

Ebenso viel Freude möchten die Teilnehmer künftig in den sogenannten moment-Gruppen bieten. Sie nehmen an einem Kurs des Landessportbundes teil, um eine Gruppe aufzubauen, in der Menschen mit Demenz Bewegung und mentales Training verbinden. Die Fortbildung ist eine Gemeinschaftsveranstaltung von Familienzentrum und Turnverein Homberg. Sie greift eine Idee auf, die bei einem Treffen zur Seniorenarbeit in Homberg aufkam.

Ute Dietz ist Übungsleiterin beim TVH und hat den Vorschlag des Zentrums gerne aufgenommen. Unterstützt wird sie von Cordula Kirchert, die selbst ihren demenzkranken Mann pflegt. Über Mund-zu-Mund-Propaganda kam schnell eine Gruppe interessierter Frauen zusammen. Das war die Bedingung des Landessportbundes, um die Fortbildung im Vogelsberg anzubieten – statt wie üblich in Frankfurt.

Vom Familienzentrum ist Ute Bromm dabei. Insgesamt fünf Hombergerinnen haben die Fortbildung absolviert, die dieser Tage zu Ende gegangen ist. Von den insgesamt 15 Teilnehmern kommen die meisten aus der Umgebung, zwei aus Seligenstadt. Sie haben in drei Modulen viel über Demenz und darauf abgestimmte Bewegung gelernt, wie Amelie Dürfeldt vom Familienzentrum berichtet. Dabei ging es um Alterssimulation, Sturzvorbeugung, Gedächtnistraining und Bewegung im Alter. 40 Lerneinheiten binnen drei Monaten sind für das Zertifikat nötig.

"Wir müssen bei den Übungen darauf achten, dass vieles im Sitzen gemacht wird, weil die Menschen oft in der Beweglichkeit eingeschänkt sind", erläutert Ute Dietz. Die Übungen werden langsam vorgeführt und enthalten auch Aufgaben für das Gedächtnis. Typisch sind die Ballspiele. So wird ein Ball von einem Teilnehmer zum anderen gerollt. Jeder Empfänger zählt zwei Zahlen von 100 rückwärts. Oder man hat eine Karte mit einem Buchstaben vor sich liegen und nennt ein Küchengerät mit dem Anfangsbuchstaben von der Karte. Schön sind auch die Übungen mit Musik: "Walzer und Cha-Cha-Cha kennen die Menschen aus der Zeit, als sie jünger waren", sagt Dietz. "Wir haben viel getanzt, das war toll." Dabei sprechen die Übungen eher das Langzeitgedächtnis an, viele ältere Menschen können sich keine Dinge aus der jüngeren Vergangenheit merken. "Sie singen die alten Volkslieder gerne mit, aber das Lied, das wir vergangene Woche übten, ist vergessen". Die Gruppe bringt Menschen zusammen, von denen sich einige wegen der Erkrankung aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen haben. Das Angebot für Menschen mit Demenz soll auch die Angehörigen entlasten, die zwei bis drei Stunden Freizeit für sich selbst bekommen. Denn die Gruppe wird von mindestens zwei Übungsleiterinnen betreut. Einer passt dabei auf, dass kein Teilnehmer hinausgeht und zum Beispiel gedankenverloren den Heimweg antritt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare