+
Im Vogelsbergkreis sieht man immer weniger Rinder auf den Weiden. Hier eine Gruppe bei Hainbach.

Landwirtschaft

In vielen Orten keine Milchkuh mehr

  • schließen

Schwarzbuntes oder rotbuntes Holstein-Rind oder Fleckvieh, Rinder sind die wichtigste Einkommensquelle der Landwirte. Dennoch gehen die Bestandszahlen zurück.

Beginnt die Rinderdämmerung? Rund 11,95 Millionen Milchkühe, Mastrinder, Zuchttiere, Mutterkühe oder Kälbchen stehen in den Ställen und auf der Weide von Flensburg bis Berchtesgaden, 332 000 (2,8 Prozent) weniger als ein Jahr vorher. Im Vogelsbergkreis geht die Rinderhaltung ebenfalls zurück. Aktuell werden 51 399 Tiere gehalten, 1596 (3,1 Prozent) weniger als vor einem Jahr. Aktuell ist der geringere Bestand laut Bauernverband eher eine Wetterfolge: "Die Ursache liegt in den 2018 gestiegenen Kuhschlachtungen. Aufgrund der Futterunsicherheit nach der langen Trockenheit selektierten viele Landwirte verstärkt Kühe und Färsen aus." Trotzdem werden die Ställe wohl weiter leerer: "Längerfristig wird sich der Trend der sinkenden Erzeugung von Rindfleisch in Deutschland fortsetzen", steht im Situationsbericht 2018/19.

Das kann Landwirt Jörg Schlosser bestätigen. Er hat einen großen Betrieb in Nieder-Ohmen, der ursprüngliche Hof liegt im Dorf, der Aussiedlerhof unterhalb des Kratzberges. Er glaubt nicht an einen nachhaltigen Effekt bei der Bestandsreduzierung wegen Futtermangels. Seit dem Aufheben der Milchquote vor fünf Jahren ordne sich der Markt neu: "Es ist auch ein Selektionsprozess über den Preis, dessen Ende nicht alle Betriebe erleben".

Hinzu kommt der Strukturwandel wegen Betriebsübergaben und der aus Landwirte-Sicht immer schärferen Auflagen. Stehen die Betreiber eines landwirtschaftlichen Betriebes vor dem Rentenalter, stellt sich die Frage der Nachfolge. Diese Frage muss die nachfolgende Generation beantworten, die im Falle eines Milchviehbetriebes bereit sein muss, bis zu 90 Wochenstunden zu arbeiten und das in 52 Wochen im Jahr.

Wegen dieser enormen Belastung haben sich laut Schlosser in den vergangenen Jahren viele Betriebe vom arbeitsintensiven Milchvieh verabschiedet oder haben auf Nebenerwerb zurück gefahren. Diejenigen, die ganz aufgegeben haben, verpachten das Land in der Regel an die verbliebenen Betriebe, die damit sehr groß werden.

So kommt es, dass es in vielen Mücker Ortsteilen keine Milchkuh mehr gibt. In Nieder-Ohmen gibt es mit dem Hof Schlosser nur noch einen großen Betrieb, in einem kleineren Gehöft werden noch zwei oder drei Tiere gehalten. In Atzenhain und Ilsdorf gibt es je einen großen Betrieb, zwischen Nieder-Ohmen und Ober-Ohmen gibt es solche Höfe gar nicht mehr. Vor diesem Hintergrund merkt Schlosser an: "Da können nicht mehr viele aufhören."

Es bleiben im Westkreis noch beispielsweise große Höfe wie Casper in Kirtorf, Gemmer in Romrod oder Steuernagel in Eudorf. Eine Sonderstellung hat der Ulrichsteiner Selgenhof mit der einzigen noch im Kreis verbliebenen Molkerei. Solche gab es noch vor rund 30 Jahren in Groß-Eichen, Groß-Felda und Nieder-Gemünden.

"Die ganze Familie muss dahinter stehen", sagt Milchbauer Schlosser, wenn er an die Arbeit und die Erlösmöglichkeiten denkt. Bei ähnlich großen Betrieben in der Nachbarschaft in Büßfeld und Bleidenrod ist das der Fall. Aber man dürfe sich den Stundenlohn nicht ausrechnen. Darauf hatte kürzlich der Eudorfer Landwirt Heiko Rau (Hofgut Dotzelrod) hingewiesen. Wenn nichts auf dem Feld oder im Stall zu tun ist, baut Rau eine Entlüftungsanlage für die Ställe. Dabei hilft ihm sein Vater. Eine Firma könnte sich Rau nicht leisten.

"Im Geschäftsjahr 2018/19 gab es einen Preisverfall am Milchmarkt", erinnert sich Schlosser. Und seit April/Mai sei der Milchpreis stetig gesunken. Derzeit arbeite er mit einem Basispreis von rund 30 Cent je Liter, nötig wären 40 Cent. Auswege? "Man könnte auf Bio umstellen", heißt es immer wieder einmal. Aber das verlangt einen langen Atem und der Markt sei gesättigt, weiß Schlosser. Denn die Zahl der Konsumenten, die bereit sind, "Biopreise" zu zahlen, bleibt klein. Ein Beleg ist die Upländer Bauernmolkerei, an die fünf Höfe aus dem Kreis liefern. Bei dieser Zahl wird es wohl erst einmal bleiben. Bei der Molkerei heißt es: "Wir können im Augenblick leider nur sehr begrenzt neue Landwirte aufnehmen. Wenn wir neue Betriebe aufnehmen, liegen diese in regionaler Nähe zur Molkerei".

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare