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Totengebet für Opfer der NS-Herrschaft in Homberg

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Von: Joachim Legatis

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Anrührendes Gedenken herrschte am Donnerstag in Homberg in der Marktstraße. Erinnert wurde an Erna und Nathan Dessauer sowie ihre Tochter Irmgard, für sie wurden Stolpersteine verlegt.

Ein großer Kreis an Personen hat sich am Donnerstag auf der Marktstraße in Homberg unweit des Rathauses versammelt. 15 Mitglieder der Familien Weihl und Jakob hatten sich von Israel auf den Weg gemacht, um Erna, Nathan und Irmgard Dessauer ein ehrendes Gedenken zu bereiten. Mit Vertretern aus Magistrat und Stadtparlament umrahmten sie die Verlegung von Stolpersteinen für die kleine Familie, die einst im Haus Marktstraße 22 gewohnt hat. Sie flüchtete Mitte der 1930er Jahre in die Niederlande, 1936 wurde das Anwesen verkauft, vor dem nun die Messingplatten im Pflaster liegen. Besonders bewegend war das Totengebet auf hebräisch, das »Kaddish«, das Rafael Ben Mordechai für die Cousine seiner Mutter, ihren Ehemann und die 16-jährige Tochter Irmgard sprach. Sie sind 1943 in den Konzentrationslagern Sobibor und Auschwitz getötet worden. Dem jüdischen Brauch folgend, verteilten dafür die Besucher an jeden Mann eine »Kippa«, die Kappe zum Beten.

Mutter kann nicht über Tat sprechen

Ausführlich berichtete Irith Joseph, die Schwester Rafaels, über ihre Erinnerungen an die Dessauers. Ihr eigener Rufname in der Familie war Irmgard, nach der ermordeten Groß-Cousine. In den Erinnerungen ihrer Großtante heißt es über ihr Ende: »Ferner kamen in Auschwitz eine Cousine mit ihrem Mann aus Homberg an der Ohm um. Ihre sehr schöne, einzige, wohlbehütete und über alles geliebte Tochter, 16 Jahre alt, wurde vorher nach Deutschland als Offiziersgabe zurückbeordert (sie waren nach Holland emigriert) und dann ermordet.«

Irith verwies in ihrer Ansprache darauf, dass ihre Mutter Chava nicht über diese schreckliche Tat sprechen konnte. Sie habe vielmehr von ihre Kindheit im benachbarten Gemünden und vom Beeren-Pflücken im Wald erzählt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten habe sich der Bürgermeister in Nieder-Gemünden noch zu den Juden bekannt, habe in Festkleidung bei ihnen eingekauft, trotz des Boykotts.

Juden seit dem Mittelalter

1934 verließen die Familie Weihl Homberg und die Jakobs Gemünden, um in Palästina ein neues Leben zu beginnen. Vor neun Jahren besuchten die Nachfahren zum ersten Mal wieder die Heimat der Vorfahren. Vor eineinhalb Jahren reifte der Entschluss, der Ermordeten mit Stolpersteinen zu gedenken.

Bürgermeisterin Claudia Blum hieß besonders die 15 israelischen Besucher willkommen. Sie freute sich, dass die Stadtverordneten so positiv auf die Anregung Irith Josephs reagiert haben. Auch die Hauseigentümer hätten der Verlegung der Erinnerungsplaketten sofort zugestimmt. »Es ist wichtig, dass auch an die jüdischen Homberger erinnert wird«, fügte sie an.

Die jüdische Gemeinde habe wohl bereits im Mittelalter bestanden. Wieder gegründet wurde sie »wahrscheinlich um 1707«, wie Blum aus Unterlagen von Ehrenbürgermeister Walter Seitz zitierte. 1828 lebten 88 Juden in der Kleinstadt an der Ohm, 1925 waren es noch 40. Bis 1940 zogen alle jüdischen Homberger weg. Leider war die Flucht von Erna, Nathan und Irmgard Dessauer nach Holland »nicht weit genug«. Sie wurden deportiert und 1943 ermordet. »Durch Ihren Besuch werden aus Namen Menschen. Menschen, die hier in Homberg gelebt haben und hier nicht bleiben konnten, da sie hier in Homberg Gewalt und Terror ausgesetzt waren.«

Die Stolpersteine erinnerten an das Leid von Millionen jüdischer Menschen, wie die Bürgermeisterin sagte. Sie ermahnten die Passanten, »jeder Form von Antisemitismus entgegenzutreten und für ein friedliches Miteinander einzutreten«. Nach einem Treffen im Rathaus gab es einen Rundgang zu ehemaliger Synagoge, dem jüdischen Friedhof und dem Schloss.

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