"Mamma" hatte wenig zu lachen – Publikum umso mehr

Homberg (rha). "Ich hab nit mehr lang ze lebe!" eröffnet Mamma Hesselbach ihrem Gatten und damit nimmt die Geschichte ihren Lauf. Die Mamma hat dabei wenig zu lachen, das Publikum im Frankfurter Hof am Freitag hatte es umso mehr.

In breitester hessischer Mundart ließ der Schauspieler Jo van Nelsen die Kultfamilie Hesselbach wieder aufleben. Mit Spannung und Lachtränen in den Augen verfolgten die Zuhörer, wie Mamma Hesselbach in der Episode "Der Wahrsager" um ihr Leben fürchten muss.

Beate Goßfelder-Michel hatte sich zum Ausflug in das "Hesselbach’sche Universum", wie sie es nannte, mit einer originalgetreuen Bluse aus den Sechzigern schick gemacht. Als Vertreterin der Kommission Kunst und Kultur hob sie die Bedeutung des Veranstaltungsortes hervor. Als feststand, dass man eine Hesselbach-Lesung veranstalten wolle, habe man nicht lange überlegen müssen. Natürlich sei dafür nur der Frankfurter Hof in Frage gekommen. "Ein kleines nostalgisches Bühnenbild, wir brauchten es nicht zu zaubern!" Denn alles, was es brauchte, um das Rad der Zeit ein bisschen zurückzudrehen, war bereits vorhanden.

Auch van Nelsen war vom stilechten Ambiente sichtlich angetan. Dies sei die charmanteste Einführung gewesen, die er in sechs Jahren Lesung erhalten hat. Van Nelsen hatte eine echte Rarität mitgebracht, die Erzählbände, die Hesselbach-Erfinder Wolfenung der Fernsehserie zusammenstellte, sind nur noch in Antiquariaten zu erhalten.

Die zunächst im Radio veröffentlichte Serie war die erste seit 1945 im Radio präsentierte Familienserie. Ab 1960 entstand auf dieser Grundlage eine Fernsehserie, die im HR ausgestrahlt schnell über die Grenzen des Bundeslandes hinaus bekannt wurde. Die Familie Hesselbach besitzt eine Verlagsdruckerei und besteht aus Babba, Mamma, der ältesten Tochter Anneliese, Sohn Willi sowie den Zwillingen Heidi und Peter. Aus der Serie ist etwa der Ausspruch "Kall, mei Drobbe!" hervorgegangen. Die "Drobbe" sollten auch in der von van Nelsen ausgesuchten Episode "Der Wahrsager" eine Rolle spielen. Mamma Hesselbach träumt davon, auf einem schwarzen Pferd zu reiten. Da ihr der Traum seltsam klar erscheint, berichtet sie ihrer Bekannten Fräulein Lohmeier davon. Diese geht mit ihr zu Frau Becker, denn die verstehe etwas von Träumen.

Zusammen suchen die Drei einen Wahrsager auf, der Mamma eigentlich nur positive Dinge prophezeit, aber auch die seltsame Andeutung macht, dass sie "Uffregunge" vermeiden sollte. "Denn was komme muss, dass kommt."

Über Fräulein Lohmeier erfährt Mamma, dass der Wahrsager ihren baldigen Tod gesehen hat. Das versetzt sie in helle Aufregung. Als sie Babba davon berichtet, versucht dieser sie zu beschwichtigen. Schon bald hat sich die Nachricht in der ganzen Nachbarschaft verbreitet. Auch die Hesselbach’schen Kinder sind eingetroffen, um die letzten Stunden ihrer Mutter mitzuerleben. Immer mehr Anrufe besorgter Bekannter gehen ein und Ernst, Babbas Neffe zweiten Grades, glaubt beim Anblick der Mamma tatsächlich eine Tote vor sich zu sehen.

Als er seinen Irrtum bemerkt, ist er geschockt, versucht aber bald die Todgeweihte zu besänftigen. Er bietet ihr an, zur Beruhigung einige Tropfen Brom. Da Mammas Verfolgungswahn mittlerweile auch die Nerven der Anderen strapaziert hat, nehmen auch Babba und Fräulein Lohmeier einige Tropfen Brom. Kurze Zeit später meinen die beiden Frauen, die Stimme eines "Posaunenengels" zu vernehmen.

In Wirklichkeit ist es jedoch nur die Polizei, die mit einem Lautsprecherwagen durch die Stadt fährt und vor der Einnahme eines wenige Stunden zuvor gekauften Fläschchens Brom warnt. Dieses sei aus Versehen mit einer giftigen Substanz gefüllt worden. Mamma, Babba und Fräulein Lohmeier sind sich sicher, dass das Ende naht. Da stellt sich heraus, dass Ernst das Brom in einer anderen Apotheke gekauft hat und sie doch nicht in Lebensgefahr schweben. Mamma lässt sich dennoch nicht beruhigen. Wenn auch nicht durch Gift, so könne sie ja immer noch durch etwas anderes zu Tode kommen. Die vier Kinder haben derweil einen Aktionsplan entwickelt, mit dessen Hilfe sie die Situation aufklären wollen. Als besonderen Gast bringen sie Frau Becker mit, die irgendwann zugibt, bezüglich der Prophezeiung gelogen zu haben. Zwischenzeitlich bringt sie Babba noch in die unangenehme Situation zu glauben, dass der Hellseher in Wirklichkeit ihn gemeint habe.

Hessisch in all seinen regionalen Facetten bot van Nelsen bei der kuriosen Geschichte. Ob südhessische Mundart oder oberhessischer Dialekt, der Schauspieler und Chansonsänger wechselte mit Leichtigkeit zwischen den Figuren und ihren sprachlichen Eigenarten. Obwohl nur eine Person vorlas, hatten die Zuhörer das Gefühl, der Raum sei mit der Familie Hesselbach und den übrigen Serienfiguren bevölkert. Der genervte Babba, die verängstigte Mamma, das aufrichtige Fräulein Lohmeier und der nimmersatte Ernst erschienen real und erfreuten das Publikum mit ihren Aussprüchen. Mamma: "Überall lauert de Tod, Kall." Babba: "Ja, aber er lauert ebbe nur!" Sätze wie diese trieben den Zuschauer Lachtränen in die Augen, sodass es am Ende nicht verwunderlich war, dass der Applaus für van Nelsen nicht abebben wollte.

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