A49-Weiterbau

Kosten schöngerechnet?

  • Kerstin Schneider
    VonKerstin Schneider
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Kaum ein Straßenprojekt war so umkämpft wie die A 49. Während das Vorhaben Jahrzehnte ungewiss dahin dümpelte, soll es nun ganz schnell gehen.

Ein unermüdlicher Streiter gegen die Autobahn A 49 ist seit Jahrzehnten Reinhard Forst aus Amöneburg. Akribisch hat er die Pläne begleitet, die Unterlagen dürften bei ihm inzwischen eine ganze Stube füllen. Er hat erst kürzlich die Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag ausgewertet. Forst: »Die Antwort enthält eine Reihe sich widersprechender Aussagen und Punkte, die gesellschaftlich diskutiert werden müssen.«

So seien die jetzigen Kostenangaben für den heimischen Bereich völlig neu und würden zu denken geben. Die erwarteten Baukosten von Neuental-Bischhausen bis zur A 5 bei Gemünden-Felda betragen nun 874,9 Millionen Euro. Das sind Kilometerkosten von 20,54 Millionen Euro. 2003 hätten die erwarteten Kilometerkosten erst bei 9,8 Millionen Euro gelegen (bei einer Einbeziehung der damals zum Projekt A 49 gehörenden Verbreiterung der A 5 von Gemünden/Felda bis zum Reiskirchener Dreieck) und in 2011 dann bei 13 Millionen Euro.

Innerhalb von zwölf Jahren hat es beim Autobahnprojekt eine Kostensteigerung von über 100 Prozent gegeben, kritisiert Reinhard Forst. Normal? Aus seiner Sicht nicht. Vor allem die massive Kostensteigerung in den vergangenen vier Jahren werfe Fragen auf. »Tatsächliche Kostensteigerungen scheiden meiner Ansicht nach aus,« meint Forst. Möglicherweise seien die Kosten zuvor schöngerechnet worden, um das höchst umstrittene Vorhaben durchzubringen. Und nun sei wohl die Anpassung an die Realität erfolgt. Beim zuständigen Bundesverkehrsministerium heißt es dagegen, die Kosten von 2003 seien mit denen von heute nicht mehr vergleichbar – »wegen der unterschiedlichen Projektzuschnitte«. Es könne der Eindruck entstehen, als hätten sich infolge der Umplanung die Kosten erhöht. Dies sei aber nicht der Fall. Nach Aussage des damaligen hessischen Wirtschaftsminiters Alois Rhiel ist die Trasse durch die Umplanung gar um 40 Millionen Euro billiger geworden.

Es muss geprüft werden, ob bei der A 49 ein Sonderfall vorliegt, ob sich darin eine generelle Tendenz bei Autobahnprojekten widerspiegelt oder ob es sich um »eine Spezialität bei Projekten handelt, die privat gebaut und betrieben werden sollen«, meint Reinhard Forst. Er zweifelt auch die vom Ministerium erneut angeführten Reduzierungen von Abgas- und Umweltbelastung durch den Autobahnbau an. Das zu behaupten, sei »absurd«. Nach wie vor bezweifelt Forst zudem, dass der Raum durch diese Autobahn einen wirtschaftlichen Aufschwung erfährt. In der Antwort aus Berlin wird auch darauf verwiesen, dass durch den Bau der A 49 rund 20 000 Fahrzeuge in 24 Stunden von der A7/A5 weg und auf die A 49 verlagert werden. Dagegen stehe aber die Aussage in der Planung, dass täglich rund 5- bis 10 000 Fahrzeuge von A7/A5 auf die A 49 verlagert würden. Für den Abschnitt von Schwalmstadt bis zur A 5 wird eine Verkehrsbelastung zwischen 38 000 und 47 000 Kfz pro Tag prognostiziert, in der Projektbewertung von 2011 zwischen 37 000 und 38 000 Kfz.

Es ist laut Forst überhaupt »nicht nachvollziehbar, zu welch exorbitanten Widersprüchen es bei den Angaben zur Belastungsdifferenz (Abnahme der täglichen Fahrzeugbewegungen auf den genannten Straßen durch Bau der A 49) kommt«.

Die Tragweite des Eingeständnisses, dass Belastungszahlen nicht personenbezogen berechnet werden, müsse seitens der Planer unbedingt erläutert werden. Er habe schon vor Jahren darauf hingewiesen, sagt Forst. In Hessen waren nur Orte und Kfz-Zahlen Zielgrößen bei der Frage von Belastung oder Entlastung. Das führe dazu, dass es keine Rolle spielt, ob 37 oder 370 Personen in einem Ort durch eine bestimmte Verkehrsmenge neu belastet (oder von dieser Verkehrsmenge entlastet) werden.

Die innerörtliche Verkehrszunahme durch den Bau der A 49 betreffe vor allem die einwohnerreichsten Orte Homberg-Ohm, Treysa und Stadtallendorf. Laut Forst gibt es keine Belege für die »Entlastungswirkung« der A 49 in einer Gesamtbilanz.

Die in Kirtorf ansässige Schutzgemeinschaft Gleental gibt es ebenfalls noch. 50 Personen sind noch aktiv, auch wenn es vor Jahren schon einmal über 100 waren, sagt Vorsitzender Christoph Schulze-Gockel. Mit dem Aufstellen von Protestschildern in Erbenhausen und Lehrbach wollen die Mitglieder mahnen. Und beim Aufstellen der Schilder sei nicht klar gewesen, »wie belastbar die Kosten-Nutzen-Rechnung bei der Autobahn ist.« Nach wie vor bleibe festzuhalten, dass die Kosten pro Kilometer deutlich höher als bei anderen Autobahnprojekten ausfallen. Und eines ist laut Schulze-Gockel ganz klar: »Die Region wird stark verändert.« Er bleibt dabei, dass es »günstigere, bessere und schneller zu bauende Alternativen zur Autobahn gibt‹«. Und er geht davon aus, dass die Betroffenheit vor Ort wieder steigt, »wenn bei Neu-Ulrichstein gebaut wird.« Die Schutzgemeinschaft will sich jedenfalls weiter für die Natur einsetzen. So werde man auch ein Auge auf die beginnende Flurbereinigung haben. Hier stellt sich laut Schulz-Gockel die Frage, woher die vielen Flächen, insbesondere zum Ausgleich für den Eingriff in die Landschaft kommen sollen. In Homberg selbst ist derzeit wenig bis kein Protest zu hören, auch in Maulbach seien entsprechende Initiativen »tot«, heißt es. Einzelne Privatleute wollen sich dort aber weiter wehren.

Das Autobahnstück von Fritzlar bis Gemünden soll in einem öffentlich-privaten Projekt (ÖPP) mit Geld von Unternehmen finanziert werden. Diese betreiben üblicherweise die Strecken und erhalten im Gegenzug jahrzehntelang die Einnahmen der Lkw-Maut. Eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung soll ergeben, ob das ÖPP-Vorhaben günstiger ist als die Komplettfinanzierung durch den Bund. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Solange werden auch die Gelder für den Weiterbau nicht freigegeben.

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