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Die Mittelhessischen Wasserbetriebe in Gießen arbeiten an der Lösung für ein 75 000-Tonnen-Problem. Die Rede ist vom Schlamm aus den Klärwerken zwischen Limburg und Schlitz, Friedberg und Biedenkopf. Bis 2023 müssen Strategien entwickelt werden, wie die Kläranlagen mit ihrem Abfall künftig umgehen wollen. Ein Vorschlag lautet, ihn zu sammeln und in Gießen zu verbrennen.

Abwasser

Kommunen suchen nach Lösungen für ein schlammiges Problem

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Früher kam Klärschlamm als Dünger auf den Acker, doch diese Zeiten sind vorbei. Was sollen die Kommunen künftig mit den braunen Massen machen?

WC-Spülung betätigt und dann? Für Kläranlagenbetreiber beginnen an dieser Stelle die Probleme. Besonders was das Entsorgen des Klärschlamms betrifft, der nach der Reinigung des Abwassers zurückbleibt. Eine neue Klärschlamm- und Düngeverordnung erschwert bereits seit 2017 das Ausbringen der menschlichen Hinterlassenschaften auf die Äcker. Zudem müssen Klärwerke den weltweit raren Rohstoff Phosphor aus Klärschlamm zurückgewinnen. Bis 2023 müssen Kommunen für ihre Kläranlagen ein Konzept für Schlammverwertung und das Phosphor-Recycling vorlegen. Ab 2029 muss die neue Technik funktionieren.

Für Landwirte ist es künftig kaum noch möglich, Klärschlamm auf ihre Felder auszubringen. Das sagte kürzlich in einer Ausschusssitzung in Homberg Thomas Becker von den Mittelhessischen Wasserbetrieben in Gießen. Der Wert für die erlaubte Stickstoffmenge wurde halbiert: "Also braucht der Bauer jetzt zwei Hektar, wo er vorher einen brauchte."

Wenn er überhaupt noch Flächen findet. Denn es gibt beim Ausbringen noch die Konkurrenz mit anderen Stoffen, Gülle, Mist oder Trester müssen ebenfalls irgendwo hin. Da die Regelungen ständig weiter verschärft werden, ist der Einsatz in der Landwirtschaft künftig keine Option mehr. Das gilt weiter vor dem Hintergrund, dass große Teile im Vogelsberg Wasserschutzgebiet sind, wo das Düngen mit Klärschlamm ohnehin untersagt ist. Die Kosten für die Verwertung des Schlamms, in Homberg beispielsweise sind es 600 Tonnen jährlich, steigen also ständig, machte Becker deutlich. Denn: "Der Markt ist mit Klärschlamm überflutet." Entsorgungskapazitäten fehlen. Die Mittelhessischen Wasserbetriebe in Gießen wollen im Rahmen einer großen Lösung von vielen Kommunen den Schlamm zunächst sammeln, dann in Gießen verbrennen und die so gewonnene Energie ins Fernwärmenetz einspeisen. Aus Mittel- und Nordhessen könnten jährlich bis zu 80 000 Tonnen Schlamm zusammenkommen.

Einen anderen Ansatz verfolgt die Firma Eko-Plant aus Neu-Eichenberg. Sie setzt nicht auf Verbrennung, sondern lässt Schilfpflanzen für sich am Klärschlamm arbeiten. Karl-Toni Zöller berichtete in Homberg, dass 90 Kläranlagen bundesweit nach dem Prinzip der Vererdung arbeiten. Dabei handelt es sich um ein Entwässerungsverfahren für Klärschlamm mit Helfern aus der Natur. Unter Einsatz von Schilfpflanzen werden in Becken Wasser und Feststoffe getrennt. Der Klärschlamm wird in einer Art Kompostierungsprozess umgebaut und erheblich im Volumen verringert.

Alle acht bis zehn Jahre wird das Beet geräumt, der entstandene Stoff kann in der Landwirtschaft verwendet und zu einem geringeren Teil verbrannt werden, sagte Zöller. Er warb für den humusartigen Stoff: "Man kann viel damit machen, aber man hat ihn erst einmal böse gemacht." Dessen ungeachtet werde die Firma das Produkt auf dem Markt gut los. Der Abwasserverband Ohm-Seenbach arbeitet an den Kläranlagen in Königsaasen (Mücke) und in Lumda bereits seit rund zehn Jahren mit diesem Verfahren. In Nieder-Ohmen wird es seit 2012 auf einer Fläche von rund 1,5 Hektar angewendet. Die Beete wurden dort bisher noch nicht geräumt. Die Schilfpflanzen sind nicht besonders gezüchtet oder genmanipuliert, betonte Zöller auf Anfrage, sie seien keine Gefahr für die umliegende Vegetation.

In diesem Jahr bekommen die Homberger ihren Klärschlamm noch entsorgt, sagte Bürgermeisterin Claudia Blum in der Sitzung des Haupt und Finanzausschusses. Dennoch muss man sich für Zukunft überlegen, auf welche Entsorgung die Stadt setzen will. Dazu soll eine Studie in Auftrag gegeben werden. Zudem soll die Anlage von Eko-Plant in Königsaasen besichtigt werden.

Die Ausbringung in der Landwirtschaft ist keine realistische Option mehr, sagte Ausschussmitglied Norbert Reinhardt: "Die Homberger Flächen liegen alle im Wasserschutzgebiet."

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