In ihrer ergreifenden Präsentation sprach Faten Mukaker von politischen und persönlichen Erfahrungen in Palästina. (cc)
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In ihrer ergreifenden Präsentation sprach Faten Mukaker von politischen und persönlichen Erfahrungen in Palästina. (cc)

Kinderträume zwischen Beton in Palästina

Homberg-Ober-Ofleiden (cc). Wie oft Palästina doch vergessen wird und wie wenig die Deutschen über den Israel-Palästina-Konflikt Bescheid wissen, verdeutlichte Faten Mukarker nun in Ober-Ofleiden.

Sie referierte am Donnerstag in der St. Martin Kirche über "Leben in Palästina – Leben zwischen Mauern". In ihrer ergreifenden Präsentation sprach sie nicht nur von politischen und geschichtlichen Ereignissen, sondern auch von religiösen und persönlichen Erfahrungen.

Pfarrer Bernd Passarge sagte, "viele denken sich: ›Wir können sowieso nicht viel dagegen ausrichten. Was haben wir damit zu tun?". Ein Auslöser für diesen Verdrängungsprozess sei der um sich greifende Fundamentalismus, der Versuch, sich die Welt in einfachen Strukturen zu denken, obwohl dies in einer so konfliktreichen Zeit kaum möglich sei. Man müsse sich immer beide Seiten des Geschehens anhören, um dem entgegen zu wirken, so Passarge.

Die in Bethlehem geboren und in Bonn aufgewachsene Christin begrüßte ihr Publikum mit "Salam", dem arabischen Gruß "Frieden". Ihre ersten Eindrücke von Deutschland stellten einst im Vergleich zu Palästina einen Weltenunterschied dar. Die Luft in Deutschland umschrieb sie als eine Luft, die nach Menschenrechten riecht. "Ich war in einem Land angekommen, in dem sogar Tiere gewisse Rechte haben", erzählte Mukarker.

Nach den erlebten Zuständen in Palästina, die durch den Konflikt mit Israel entstanden waren, kam ihr Deutschland fast futuristisch vor. "Das Flugzeug fühlte sich wie eine Zeitmaschine an. Deutschland schien längst im 21. Jahrhundert angekommen zu sein, im Gegensatz zu Palästina". Palästinenser, egal welcher Religion, seien ohne Sondergenehmigung nicht in der Lage auch nur einen Fuß auf israelischen Boden zu setzen, so verschärft habe sich die Lage.

Ein stetiger Vergleich zwischen Deutschland und Palästina ließ sich weder während ihrer Jugend, noch während ihrer Wiederkehr vermeiden. Sie wuchs zwar in Deutschland, aber nicht als Deutsche auf. "Sobald ich von der Schule nach Hause kam, ließ ich Deutschland hinter der Haustür zurück und trat in eine Welt mit arabischer Mentalität ein. Mein Bruder hatte keine klare Grenze zwischen arabischer und deutscher Welt wie ich, als Frau ist es noch mal um einiges schwieriger. Je älter ich wurde, desto weniger durfte ich", erinnerte sich Mukarker. Davon handele auch ihre Biographie.

Inzwischen arbeitet die vierfache Mutter als Reiseleiterin in Palästina und hält Vorträge in Deutschland, um über die Situation in Palästina aufzuklären. Der Gedanke "Aus den Augen, aus dem Sinn" sei in den Köpfen vieler Politiker, was durch die sechs bis neun Meter hohe Mauer, die Israel von Palästina trennt, bestärkt würde. Auch Bundeskanzlerin Merkel habe Mukarker und ihre Familie enttäuscht. In einer Rede der Kanzlerin zum Jahrestag des Mauerfalls sprach Merkel von einem Freudentag für viele Länder, doch Mukarkers Familie wartete vergeblich auf die Erwähnung Palästinas. Man schien ihre Mauer vergessen zu haben und Mukarkers Tochter fragte sie, wer sie denn eines Tages auf ihre Mauer heben würde, die viel zu hoch und zu schmal zum Tanzen sei. Im Allgemeinen erinnert die Mauer zwischen Palästina und Israel sehr an die Berliner Mauer, auch wenn sie fast dreimal so hoch wie diese und erst zwischen 2002 und 2010 entstanden ist. Dennoch befinden sich auch auf ihrer Oberfläche sozialkritische Graffiti.

Kinderzeichnung von Panzern

Eine Kritik an der Kanzlerin galt ihrem Auftritt zum 60. Geburtstag Israels, denn in China habe sie noch die Missachtung der Menschenrechte kritisiert, verlor aber über die Zustände in Israel und Palästina kein Wort. Im Schatten der Mauer lebten 4 Millionen Palästinenser. Einige von ihnen seien bereit zum Frieden, andere gerieten in extremistische Kreise. Das Wegsehen bei diesem Konflikt gehe aus der Vergangenheit hervor. Nach dem Holocaust hätten sich nur wenige getraut, etwas gegen Israel einzuwenden. Zwei Tage vor dem Vortrag in Ober-Ofleiden trat Mukarker in Weimar auf, wonach sie die Gedenkstätte Buchenwald besichtigte. Die Verfolgung von Juden werde in Israel als Lizenz genommen, Menschen unwürdig zu behandeln. Die Zäune erinnerten sie stark an Palästina und sie fragte sich, was legitime Kritik an Regierungspolitik sei.

Ende der 80er hätten Jugendliche in Palästina israelische Panzer mit Steinen beworfen und wurden dafür erschossen. Die daraufhin unterzeichneten Osloer Friedensverträge wurden jedoch wegen der Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin nie wirklich umgesetzt. Eines Tages fand Mukarker Zeichnungen ihrer Tochter Monika, die Panzer, Soldaten und Beerdigungen zeigten. Da wurde ihr bewusst, was eine Mauer mit einem Mädchen anstellt und was Krieg mit Kindern macht.

Alles was den Palästinensern nach all der Zeit geblieben war, seien ihre kostbaren Olivenbäume, von denen einige der Mauer weichen mussten. Olivenöl sei ein Grundnahrungsmittel und aus Ästen werden Holzfiguren und Besteck gefertigt, deren Verkauf das Einkommen einiger Bürger sichert. Mukarker hatte einige Werke zum Verkauf dabei.

Zum Dank schenkte Pfarrer Passarge Mukarker anstelle von Blumen eine Flasche Wein und eine ahle Worscht.

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