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Kind nach Zertreten von Raupe mit Tritten gestraft

Alsfeld (rs). "Damit er weiß, wie sich eine Raupe beim Zertreten werden fühlt, wurden die Kinder aufgefordert, den Jungen zu treten." So fasste die Richterin am Amtsgericht am Donnerstag in der Urteilsbegründung zusammen, was eine rund zweistündige Verhandlung gegen einen 72-Jährigen aus ihrer Sicht ergeben hatte.

Der Rentner hatte nach Überzeugung von Gericht, Staatsanwaltschaft und Nebenklage (der geschädigte Junge) Anfang September vergangenen Jahres eine Gruppe von Dritt- und Viertklässlern aufgefordert, dem Jungen, der sich hatte hinknien müssen, jeweils einen Tritt zu verpassen. Die Körperverletzung war im Rahmen einer schulischen AG passiert, die der naturbegeisterte Ruheständler geleitet hatte. Der Junge hatte zuvor eine Raupe absichtlich zertreten. Die Verurteilung zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 20 Euro ist noch nicht rechtskräftig.

Es war die letzte Stunde der AG an der Grundschule in einer Kreisgemeinde, als es zu der Tätlichkeit kam, die dem Jungen blaue Flecken am Rücken einbrachte. Laut Anklage hatte das Opfer zudem mit Fieber und Erbrechen reagiert. Der naturbegeisterte Angeklagte hatte in den vergangenen Jahren schon mehrfach Gruppen mit Kindern und Jugendlichen geleitet, um sie an die Tier- und Pflanzenwelt heranzuführen. Das Wissen dazu hatte er sich selbst angeeignet, pädagogische Kenntnisse hat er keine.

Deshalb war er nach eigenen Angaben immer froh gewesen, wenn entweder Eltern oder eine Lehrkraft die Gruppen unterstützt hätten. Das sei bei der letzten Gruppe leider nicht der Fall gewesen, sein Ansinnen auf Unterstützung sei vom Schulleiter mit dem Hinweis beschieden worden, er könne die rund 20 Kinder starke Gruppe ja teilen. Das aber hätten die Kinder nicht gewollt.

So versuchte der Senior der großen Gruppe sein Wissen zu vermitteln und registrierte zu seinem Leidwesen, dass das Interesse unter den Dritt- und Viertklässlern nicht nur der Natur galt. So hätten sich Kinder immer wieder gestritten, teilweise genau das getan, was er vorher verboten habe. Dabei habe sich das spätere Opfer besonders hervorgetan. Zum angeklagten Vorgang ließ sich der Rentner ein, das Zertreten der Raupe durch den Jungen hätten ihm Kinder berichtet. Diese habe er aufgefordert, den Jungen herbeizuholen und dabei sei es zum Gerangel unter den Kindern gekommen. Darauf seien wohl die Verletzungen des Jungen zurück zu führen. Keinesfalls habe er das Kind zum Knien und die anderen Kinder zum Treten des Jungen aufgefordert, das widerspreche schon seinen ethischen Grundsätzen. Dass es dann schließlich zu einer Anzeige gekommen sei, könne er sich nicht erklären.

Die anschließende Befragung des getretenen Jungen sowie eines runden Dutzend zehn- bis zwölfjähriger Kinder als Zeugen gestaltete sich so, dass nur die Richterin mit den Kinden sprach. Fragen der Verfahrensbeteiligten formulierten diese an die Richterin, die das Ganze dann kindgerecht "verpackte". Bei dieser besonderen Art der Beweisaufnahme teilte der betroffene Junge mit, er habe einen "Wurm" zertreten, daraufhin hätten ihn dann die anderen Kinder getreten. Warum? "Das hat der Mann gesagt", meinte der Bub mit Blick auf den Angeklagten. Außerdem habe der Mann ihn aufgefordert, sich hinzuknien.

Ein zehnjähriges Mädchen hatte gesehen, wie der später getretene Junge eine Raupe zertreten hatte. In Erinnerung hatte sie auch die Aufforderung des Angeklagten, dass sich der Jungen "setzen" und jedes Kind ihn treten sollte. Auch sie habe der Aufforderung Folge geleistet, den Jungen aber "nur einmal und ganz leicht getreten". Zuhause habe sie von dem Vorfall gleich berichtet, ihre Mutter habe sich daraufhin sofort bei den Eltern des Opfers telefonisch entschuldigt.

Nach diesen beiden den Angeklagten belastenden Aussagen regte die Richterin erstmals ein Rechtsgespräch an, der Verteidiger des Seniors lehnte allerdings ab, wollte zunächst eine weitere Zeugin hören. Aber dieses Mädchen hatte den Konflikt nur in der Schlussphase gesehen, weil es in ein Bestimmungsbuch für Pflanzen vertieft gewesen war. Registriert hatte sie allerdings, dass der Angeklagte sich bei den Kindern aufgehalten hatte. Gesehen hatte sie, dass das Opfer nicht alleine hatte aufstehen können, zwei Kinder hätten ihm geholfen.

Das zweite Angebot zum Rechtsgespräch wurde daraufhin von der angeklagten Seite angenommen. Die Richterin stellte mit Wiederaufnahme der Sitzung fest, dass ein Geständnis als erheblich strafmildernd gewertet worden sei, und der Verteidiger teilte mit, der Angeklagte lege ein Geständnis im Sinne der Anklage ab.

Der Vertreter der Anklage stellte fest, dass von einer mittelbaren Täterschaft der Körperverletzung des Angeklagten auszugehen sei. Das hätten sowohl das Geständnis - wenn auch sehr spät - und die Zeugenaussagen ergeben. Der Senior habe sein überlegenes Wissen als Aufsichtsperson benutzt, um Kinder als strafunmündiges Werkzeug zu missbrauchen. Aufgabe als Gruppenleiter wäre aber gewesen, dass alle Kinder die Natur-AG unbeschadet beenden. Neben klaren Worten zur Verfehlung des Angeklagten äußerte der Anklagevertreter aber auch Anerkennung, dass der Rentner jahrelang Kinder und Jugendliche mit der Natur vertraut gemacht habe. Seine pädagogische Fehlleistung sei wohl im Affekt erfolgt. Letztlich genüge eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 20 Euro, die nicht in das Führungszeugnis eingetragen wird.

Diesen Einschätzungen schloss sich der Rechtsanwalt der Nebenkläger an, und ergänze mit Blick auf den Angeklagten, Gewalt könne nicht Bestandteil von Erziehung sein. Da habe der Pensionär wohl einen schlechten Tag gehabt. Der Verteidiger verwies lediglich auf das Geständnis und äußerte sich nicht zum Strafmaß.

Wegen Körperverletzung in mittelbarer Täterschaft verurteilte die Richterin den Angeklagten zu der von der Staatsanwaltschaft geforderten Geldstrafe.

Der Angeklagte ließ während der Urteilsbegründung durch Haareraufen und Kopfschütteln erkennen, dass er mit dem Gehörten nicht einverstanden war. Er ist nach dem Vorfall aus der Kreisgemeinde in ein anderes Bundesland gezogen, um, wie er in der Verhandlung gesagt hatte, "den Verleumdungen und dem Rufmord zu entgehen". Ob das Urteil rechtskräftig wird, ist noch offen.

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