"Gucken von der Terrasse auf den Schornstein"

Homberg (ks). Ein Unternehmerehepaar gegen eine aufgebrachte Bürgerschaft: Das Vorhaben "Kleintierkrematorium" im ehemaligen Getränkemarkt auf der Hardt in Homberg erhitzt auch die Gemüter.

In einer Informationsveranstaltung kam es am Montag Abend im Güntersteiner Hof zum heftigen Schlagabtausch. Die Betreiber der geplanten Anlage versuchten die bestehenden Vorbehalte auszuräumen, trafen aber auf die ablehnende Stimmung der rund 50 Teilnehmer. So fürchten Anwohner nicht nur Emissionen, sondern auch Probleme beim Anblick der Anlage und offenkundig eine Abwertung der bestehenden Wohnbebauung in dem Mischgebiet. Die Initiative will jetzt prüfen, ob die vom Regierungspräsidium in Gießen erteilte Genehmigung rechtens ist und ansonsten dagegen vorgehen.

Anwohner Sandro Wittig erklärte den Grund der Zusammenkunft, man sei zu Beginn des neuen Jahres von den Plänen (die AZ berichtete) "mehr als überrascht worden." Der Bericht habe "Entsetzen" bei ihm ausgelöst." Jetzt wolle man versuchen, sachlich über die Planung zu informieren. Bei einem ersten Treffen waren vergangene Woche bereits technische Details der Anlage vorgestellt worden. Nun wurde seitens der Unternehmer noch einmal betont, "dass Ihnen hier eine Gefahr vorschwebt, wie sie keinesfalls gegeben ist".

Das Tierkrematorium werde keine Tierkörperverwertung à la Hopfgarten, in Homberg sollten in einer sogenannten "atypischen Kleinanlage" mit geringer Durchsatzmenge circa 40 Kilogramm Tierkörper pro Stunde verarbeitet werden. Laut Genehmigung werden schädliche Stoffe durch den Verbrennungsprozess bei 850 Grad eliminiert. Christof Skirlo: "Wenn Sie ihren Kamin einmal anfeuern, blasen Sie mehr Dreck in die Luft als wir mit unserer Anlage in einem ganzen Jahr." Mit der modernen Anlage würden die zulässigen Grenzwerte für Emissionen sogar um das 10- bis 20fache unterschritten.

Zum Genehmigungsverfahren teilte er mit, dies sei im nichtöffentlichen Rahmen erfolgt, wie es bei einer solchen Anlage üblich sei, nur zahlreiche Behörden und Verbände werden gehört. Baurechtlich sei alles ok, so Skirlo, und verwies auf seinen umfangreichen Genehmigungsordner, es sei "keinerlei Umweltbelastung oder gesundheitliches Risiko" zu erwarten.

Man könne auf Kosten der Skirlos nach Kassel fahren, um die dortige Anlage zu besichtigen. Das sei nicht ganz vergleichbar, so ein Einwand, die dortige Anlage sei mit Filter ausgerüstet, was bei der geplanten Homberger Anlage nicht der Fall sei.

Die Tiere werden laut Skirlo in einem Spezialfahrzeug in PE- oder Baumwollsäcken angeliefert, dann geht es in den Hygienebereich, über die Waage ins Kühlhaus und anschließend zur Verbrennung in den Ofen. Die Halter können die Asche mitnehmen, notfalls auch die eines einzigen Hamsters. Das sei mit wenig Aufwand machbar, hieß es, da die Hitze von vorherigen Verbrennungsvorgängen ausreiche. Derzeit betreiben die Skirlos bereits eine Kühlanlage für Tierkörper in der Homberger Schillerstraße, "da können Sie die Anwohner ruhig fragen, ob die etwas davon mitkriegen."

Zum weiteren Ablauf sagte Skirlo, der Ofen werde montiert und nach dem Trocknen der Schamottteile könne die Verbrennung starten. Dabei sei ein Ingenieur, der die Anlage mit entwickelt hat, vier Wochen vor Ort, um den ordnungsgemäßen Ablauf in einer Probe-Brennphase zu kontrollieren und notfalls nachzujustieren. Die Anlage "vom weltweiten Marktführer" werde zudem regelmäßige auf die Abgaswerte hin kontrolliert. Falls nur ein einziger Wert nicht stimme, werde die Anlage automatisch abgeschaltet. Er beteuerte auf Nachfrage, dass eine Erweiterung etwa um einen zweiten Ofen nicht geplant ist. Die rund 50 Besucher der Veranstaltung bleiben bei ihrer Skepsis und Ablehnung: "Hier wohnen so viele Leute drumherum, wir wollen das nicht haben," meinte eine Frau. "Warum bauen Sie denn nicht in Deckenbach?". Dort habe man kein geeignetes Objekt gefunden, so Christof und Marion Skirlo. "Was ist mit den Arzneien, die den Tieren vielleicht vorher verabreicht wurden, bevor sie starben?" Diese Chemie "fliegt doch nachher auch oben aus dem Kamin raus," so ein Anwohner. Auch diese Rückstände verbrennen, so Skirlo, das sei wissenschaftlich belegt.

Zudem würden die Tiere in PE- oder Baumwollsäcken verbrannt. Der Zweifel blieb: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass da nichts rauskommt," so ein Zuhörer. Der Tierbestatter verwies auf Müllverbrennungsanlagen, wo ein viel giftigeres Gemisch verbrannt werde. "Deshalb ist auch die Krebsrate in der Frankfurter Nordweststadt die höchste in der ganzen Stadt," meinte ein Teilnehmer des Treffens. Das Interesse galt auch der Frage, warum bei der Anlage kein Filter eingebaut werde, was in diesem Fall nicht notwendig sei, hieß es. Für viele blieb es dabei: "Wir wollen die Anlage nicht." Auch deshalb nicht, weil man sonst ständig aus seinem Vorgarten oder von der Terrasse aus auf den Schornstein schaue. Der Schornstein müsse wegen der Nachbarschaft eine gewisse Höhe (hier 12,50 Meter) haben, wurde seitens der Betreiber mitgeteilt.

Sandro Wittig zeigte sich "verärgert über Ablauf und Werdegang," so hätten bereits im Februar vergangenen Jahres Gespräche stattgefunden. Und auch das Bauamt habe Bescheid gewusst. Einige Gewerbebetriebe im näheren Umfeld seien wohl vom Vorhaben informiert worden, aber nicht alle.

Nach einer lebhaften Diskussion wurde überlegt, wie man weiter vorgehen will. So sei hier auch die Politik gefordert, hieß es. Eine Unterschriftensammlung wurde initiiert, an diesem Abend lagen Listen aus. Zudem werden Spenden gesammelt, um einen Anwalt mit einer Überprüfung des Genehmigungsverfahrens beauftragen zu können. Ferner wurde gegen das Genehmigungsverfahren Widerspruch beim RP eingelegt. Bei einem neuerlichen Treffen voraussichtlich kommende Woche sollen dann weitere Aktionen besprochen werden.

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