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»Hoffentlich geht es nicht so weiter«

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Der Tee bleibt in diesen Corona-Tagen häufig unberührt im Lehrerzimmer stehen. © SCHEPP

Alles beim Alten. Das galt auch am ersten Schultag nach den Weihnachtsferien in Sachen Corona in den Schulen. Leider. Eine Lehrerin einer Gießener Schule hat diesen Tag in all seinen Absurditäten protokolliert. Sie appelliert an die Politik: Nehmt Schülern, Eltern und Lehrern den Druck.

6 Uhr: Der Wecker klingelt: Der erste Schultag nach den Ferien.

6.30 Uhr: Tasse Kaffee, Frühstück, Zeitung lesen. Wie wird es heute werden? Nichts hat sich geändert. Wir starten wieder so wie vor den Ferien: Masken, lüften, testen. Die Omikronvariante ist ansteckender, viele Schüler waren im Urlaub, einige sind geimpft, andere nicht.

6.50 Uhr: Checken der Mails, erste Anfragen von Schülern, die ihre Aufgaben nicht abgeben können. Verschiedene Begründungen werden angegeben. Ich muss schmunzeln. Auch hier bringt 2022 nichts Neues.

7 Uhr: Mir fällt ein, dass ich die Ipads für die 1. und 2. Stunde nicht reserviert habe. Ich hole das schnell nach.

7.30 Uhr: Auf dem Weg zur Schule treffe ich vor dem Schulgebäude einen Kollegen. Erzählungen von den Weihnachtsferien. Es dominiert die Sorge vor dem Schulbeginn. Von totaler Erschöpfung und viel Schlafbedarf in den Ferien wird gesprochen, von unzähligen Klausurenstapeln, die es galt zu korrigieren. Schade, ein Umarmen der Lieblings-Kollegen und -Kolleginnen ist immer noch nicht angebracht.

7.45 Uhr: Tests abzählen für die erste Lerngruppe im Lehrerzimmer. Auf dem Gang zum Klassenraum muss ich einige Schüler darauf aufmerksam machen, dass sie entweder ihre Maske nicht richtig tragen oder die Einbahnstraßenregelung nicht einhalten.

7.55 Uhr: Unterrichtsbeginn. Begrüßung, Formulierung von guten Wünschen für das nächste Halbjahr. Ich merke, dass die Schüler glücklich und froh sind, wieder in die Schule zu dürfen. Wir geben ihnen in dieser Zeit Halt und Struktur; das soziale Miteinander untereinander ist so wichtig. Austeilen der Tests, öffnen der Fenster, die Schüler ziehen sich die Masken vom Gesicht, stecken die Teststäbchen in die Nasen. Die ersten beginnen zu niesen. Ich weise auf die richtige Testweise hin. Einigen Schülern ist bereits kalt. Jacken und Mäntel werden wieder angezogen. Ich mache mir Sorgen, da ich nun in einem Raum mit 30 Schülern ohne Maske stehe, ob meine FFP2-Maske genügend Schutz bietet? Auch mir ist kalt, ich stehe im Zug, die Tür ist geöffnet und alle Fenster auch. Auch ich bin im Wintermantel. Mir fallen die Pressemeldungen ein: Ob die Schnelltest überhaupt geeignet sind?

8.10 Uhr: Ein Schüler wird bestimmt, das Handy für die Tests auf 15 Minuten einzustellen. Die ersten Test-Abfälle müssen eingesammelt werden. Wie so oft fehlen geeignete Mülltüten, ich habe vorsorglich welche in der Tasche und bitte einen Schüler den ersten Müll einzusammeln, die Tüte zu verknoten, aber auf keinen Fall einfach so im offenen Mülleimer zu entsorgen. Insgeheim hoffe ich, dass keiner meiner Schüler einen positiven Test hat.

45 statt 90 Minuten Unterricht

8.15 Uhr: Ich bestimme einen Schüler, der alle 20 Minuten regelmäßig lüftet.

8.20 Uhr: Für den Unterricht wird ein internetfähiges Gerät gebraucht, ich zähle der Schüler ab, die eines von der Schule benötigen. Zehn Geräte werden gebraucht, diese müssen aus dem Lehrerzimmer geholt werden. Gut, dass ich sie heute Morgen reserviert habe.

8.25 Uhr: Der Handywecker klingelt, die Testzeit ist abgelaufen. Ich gehe herum, schaue die Testergebnisse an und sammle die Tests in einer weiteren Mülltüte aus meinem eigenen Bestand ein. Die Schüler, die einen Eintrag in ihr Testheft benötigen, legen es auf den Tisch, ich zeichne das Testheft ab. Mir wird wieder bewusst, dass ich das jetzt dreimal in der Woche machen werde. Das bedeutet, dreimal pro Woche bleiben von 90 Unterrichtsminuten gerade mal 45 Minuten für den Unterricht übrig. Abzüglich der zehn Minuten Maskenpause sind es sogar nur 35 Minuten.

8.35 Uhr: Ich kann kurz vor dem Ende der ersten Stundenende den ersten Arbeitsauftrag formulieren. Nur wenige Schüler habe meine Mail gelesen, mit der ich den Arbeitsauftrag angekündigt hatte. Ich denke mir, dass ich mir das hätte sparen können, habe aber viel Verständnis dafür. Ich muss die Schüler bei Iserv freischalten, die mit einem eigenen Tablet arbeiten. Einige haben ein neues Tablet, das muss erst angemeldet werden, daher muss ich die Freischaltung einige Male wiederholen. Ich stelle fest, dass von 29 Schülern fünf fehlen. Drei davon scheinen in Quarantäne zu sein. Ich versuche diese Schüler per Videokonferenz zu erreichen, sie reagieren aber nicht. Ich bitte ihre Freunde, mit ihnen per Handy Kontakt aufzunehmen. Ich versuche mir zu merken, dass ich mit ihnen heute Nachmittag Kontakt aufnehmen muss,um das Homescooling abzustimmen.

9 Uhr: Die Schüler machen eine kurze Maskenpause. Das heißt, sie verlassen den Klassenraum und gehen an die frische Luft.

9.30 Uhr: Im Lehrerzimmer sind alle Fenster offen. Ich kann mich an das geöffnete Fenster stellen und kurz meine Maske lüften. Ich höre von einem positiv getesteten Schüler. Die Kollegin ist aufgeregt und muss sich erst wieder beruhigen.

9.33 Uhr: Ich wollte mir eigentlich einen Tee kochen, dafür bleibt aber keine Zeit mehr. Ich muss in die nächste Klasse gehen; es ist meine und die Freude über das Wiedersehen ist groß. Wenn ich einen Klassenraum betrete, fällt mir immer wieder ein, warum ich diese ganzen Absurditäten ertrage: Ich tue es für meine Schüler.

Testreste im eigenen Müllbeutel

9.40 Uhr: Auf Nachfrage stelle ich fest, dass vier Schüler erst zur dritten Stunde gekommen und nicht getestet sind. Ich muss zurück ins Lehrerzimmer und vier Schnelltests holen. Die Schüler müssen sich ans offene Fenster setzen und ihre Tests durchführen. Die ersten ziehen sich wieder ihre Jacken an. Erneut wird ein Schüler gesucht, der auf Lüftungszeiten und Maskenpause achtet.

9.45 Uhr: Der Unterricht kann beginnen, allerdings warten die vier Schüler noch auf ihr Ergebnis.

9.55 Uhr: Das Ergebnis steht fest, alle negativ. Wieder Müll einsammeln und Testhefte abzeichnen. Einige stellen fest, dass sie bei der individuellen Notenbesprechung vor den Ferien krank waren, also biete ich an, dies auf dem Flur in Einzelgesprächen nachzuholen. Dort sitzen noch drei andere Kollegen, die dies auch tun.

11 Uhr: In der zweiten Pause gelingt es mir zwar, einen Tee zu kochen, aber ich finde keine Zeit, ihn zu trinken. Auf dem Weg ins Lehrerzimmer hatte ich eine Auseinandersetzung mit zwei Schülern, die keine Maske aufhatten und es dafür auch keine Erklärung gab.

12.30 Uhr: Die letzten Stunden verliefen normal: Maskenpausen. Lüften. Kälte. Jacken an- und ausziehen. Ich versuche eine Schülerin in Quarantäne per Videokonferenz zum Plenumsgespräch dazuzuschalten, sie versteht uns nicht. Der Versuch wird abgebrochen. Es macht mir Bauchschmerzen, dass ich am ersten Schultag bereits mit drei Lerngruppen á ca. 30 Schülern Kontakt hatte; plus der Schüler auf dem Gang, also über hundert Personen.

12.40 Uhr: Ich führe mit einem Schüler ein Krisengespräch auf dem Flur. Es dauert ungefähr 15 Minuten. Die anderen Schüler arbeiten selbstständig im Klassenraum. Nach diesem Gespräch habe ich nur einen Wunsch an die Politik, an das Kultusministerium: Nehmt den Druck raus! Das würde Schülern, Eltern und uns Lehrern guttun. Denn auch nach den Ferien werden wieder viele Arbeiten geschrieben. Die Schüler haben zum Teil in der Woche zwei Arbeiten zu schreiben und zusätzlich mindestens eine Klausurersatzleistung in Form einer Präsentation. Sie haben die Ferien durchgearbeitet. Das ist Wahnsinn!

Weniger Arbeiten und Themen

13 Uhr: Ich trinke den kalten Tee und gehe ins Sekretariat, um mein Benutzerkennwort zu holen, damit ich die Noten im Computer eintragen kann. In zwei Lehrerzimmern funktioniert die Eingabe nicht, ich frage einen Kollegen. Er kann nicht helfen. Endlich finde ich einen Computer, an dem die Eingabe funktionieren soll, eine Kollegin hilft mir. Ich bewundere, welch tolle App sie hat, um Noten zu erfassen. Das will ich auch. Die Zeit wird knapp. Um 14 Uhr habe ich eine Arbeitsgruppe zur Unterrichtsplanung. Ich komme zu spät.

15.30 Uhr: Die Arbeistgruppe ist fertig. Zu Hause. wartet die Planung der nächsten Tage, die Beantwortung verschiedener Mails, das Organisieren des Homescoolings für die Schüler in Quarantäne, die Absprachen mit den Kollegen dazu.

16.30 Uhr: Anruf eines Journalisten, ob ich ein Protokoll über den ersten Schultag nach den Ferien schreiben könne. Ich werde es mir überlegen. Denken die, ich hätte sonst nichts zu tun?

17 Uhr: Videokonferenz mit einer Mutter, deren Kind Schulangst hat. Ich denke wieder an das Kultusministerium. Eine Arbeit weniger, ein Thema weniger, das würde den Schülern helfen. Und es würde keine Bildungskatastrophe auslösen.

18 Uhr: Ich schreibe eine Aktennotiz zu dem Gespräch.

18.30 Uhr: Feierabend.

19 Uhr: Ich denke an den Journalisten und beginne das Protokoll des ersten Tages nach den Schulferien zu schreiben. Hoffentlich geht es nicht so weiter.

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