Wenn der Gutachter am Baum klopft

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Für den Bau einer Windkraftanlage soll ein Gutachter nahe Brauerschwend prüfen, ob seltene Vögel am vorgesehenen Standort nisten. Er schlägt mit einem Stock gegen den Baum. Der tierische "Mieter" des Baums fliegt aus Angst davon – damit ist ein Hindernis beim Bau von Windkraftanlagen beseitigt.

Die Geschichte klingt so unglaublich, dass man sie für erfunden halten könnte. Es gibt aber ein Beweisvideo. Und das ist kein Einzelfall, wie Harry Neumann von der Naturschutzinitiative (NI, siehe Kasten) auflistet. Er dokumentiert gleich mehrere sogenannte Vergrämungsattacken auf Greifvögel. So habe die Forstgesellschaft Riedesel in Lauterbach unmittelbar neben brütenden Greifvögeln Bäume gefällt und das Holz aufgearbeitet. "Auch das verscheucht die Greifvögel und ermöglicht Pachteinnahmen beim Betrieb von Windenergieanlagen."

Ein besonders krasser Fall ist aber der des sogenannten Baumklopfers, den die Naturschutzinitiative dokumentiert hat. Aktiv wurde der Mann im Wald nahe der Abfalldeponie am Bastwald bei Brauerschwend. Dort finden Greifvögel wie der Rotmilan perfekte Lebensbedingungen und sind entsprechend häufig. An der Deponie gibt es zahlreiche Mäuse und Ratten als Nahrungsgrundlage, der vielfältige Wald mit alten Bäumen bietet gute Nistmöglichkeiten, wie Neumann erläutert. Bislang stehen zwischen Waldstück und der Bundesstraße Alsfeld-Lauterbach zwei Rotoren. Geplant sind dazu sechs im vorderen Bereich und sechs weitere im Waldstück hinter dem Deponiegelände. Bereits 2012 hat die Staatliche Vogelschutzwarte dringend davon abgeraten, Windenergieanlagen in diesem Bereich zu bauen, weil so viele Milane und Bussarde dort leben. Für die Genehmigung der neuen Anlagen sind Gutachter unterwegs, die Horste von geschützten Greifvögeln ermitteln und mögliche Standorte der Anlagen festlegen sollen. Die Marburger Gutachter im Auftrag der Hessen Energie haben nach Angaben der NI sieben Horste im Nahbereich der Standorte gefunden. Als die Vogelsberger Mitglieder der NI und weitere Naturschützer selbst nachzählten, fanden sie 25 Horste. Davon müssen nicht alle belegt sein. Ab Februar/März kommen die Greifvögel aus den Winterquartieren, und dann schauen die Experten, welche Horste angeflogen werden. Etwas später wurde der NI ein Video zugespielt, das einen Gutachter am 27. März dieses Jahres bei einem Beobachtungsrundgang zeigt. Derselbe Mitarbeiter ist noch einmal am 10. April zu sehen, als er mit einem Stock an einen Habitatbaum, auf dem sich ein Greifvogelhorst befindet, an der Rinde herumschlägt und -kratzt. "Das soll Geräusche imitieren, die zum Beispiel ein Waschbär beim Hinaufklettern macht", sagt Neumann. Der Greifvogel im Nest ergreift in einem solchen Fall die Flucht. Ein Vogelexperte wisse genau, "dass man so etwas nicht macht", betont Neumann. NI-Aktive haben im März am betreffenden Baum einen Rotmilan im Anflug gesehen, im April herrschte dort Ruhe. "Das war eine eindeutige und bewusste Vertreibung des Vogels, dafür gibt es keine andere Erklärung", erbost sich Neumann.

Er kritisiert, dass in diesem Bereich nach Auffassung der NI gezielt und systematisch daran gearbeitet werde, Horste geschützter Arten zu entfernen und/oder geschützte Arten aus diesen zu vertreiben, um dort Windenergieanlagen zu ermöglichen. So habe die private Forstgesellschaft einen bekannten Horstbaum im Winter 2017 gefällt und gezielt im März und April dieses Jahres Fällarbeiten unmittelbar neben einem Horst durchgezogen.

Damit verstoße die Waldgesellschaft gegen das Naturschutzgesetz und die gute forstliche Praxis. Nun will die NI auf das Vorlegen der Genehmigungsunterlagen warten, um die Unterlagen beurteilen zu können. In einer achtseitigen Dokumentation wendet sich die Naturschutzinitiative (NI) gegen mehrere Maßnahmen im Zusammenhang mit Windparkplanungen, die gegen den Schutz bedrohter Tiere verstoßen.

Dem Landesvorsitzenden Harry Neumann liegt besonders das Schicksal der Greifvögel am Homberg zwischen Alsfeld und Rainrod am Herzen. Dort sollen Horstbäume über eine Ausnahmegenehmigung gefällt werden, und die Investoren der Windkraftanlagen wollen dafür an anderer Stelle drei künstliche Horstbäume errichten. "Das wäre ein ungeheuerlicher Vorgang, wenn es so kommt", wettert Neumann. Und weiter: "Das wäre eine abenteuerliche Aktion des Regierungspräsidiums als Genehmigungsbehörde und der Windkraftindustrie und nicht vereinbar mit europäischem Naturschutzrecht." Die NI kündigt vorsorglich Klage an.

Übrigens hat sich der "Baumklopfer" bei der Polizei gemeldet. Der 37-Jährige hat nach Angaben des Hessischen Rundfunks bei der Polizei behauptet, er habe nicht gegen geschützte Vögel vorgehen wollen.

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