In hessischen Ulrichstein im Vogelsberg ist ein Wolf unterwegs. Er kommt den Menschen immer näher. (Symbolbild)
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In hessischen Ulrichstein im Vogelsberg ist ein Wolf unterwegs. Er kommt den Menschen immer näher. (Symbolbild)

„Ich habe geschrien und mich groß gemacht“

Vogelsberg: Wolf taucht in Garten auf – In Ulrichstein geht die Angst um

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Im Raum Ulrichstein im Vogelsberg (Hessen) ist ein Wolf sesshaft. Jüngst stand er im Garten von Sandra Funk-Gerhardt, die geistesgegenwärtig richtig reagierte.

  • Rund um Ulrichstein im Vogelsberg (Hessen) ist ein Wolf unterwegs.
  • Das Raubtier verliert immer mehr die Scheu vor Menschen.
  • Nun stand der Wolf bei einer Frau aus Ulrichstein im Garten.

Ulrichstein – Die Vogelsberger Wölfin wird immer zutraulicher, wie Sandra Funk-Gerhardt auf die harte Tour erfahren musste. Als sie neulich abends den Parson-Russel Tilda in den Garten des Hauses in Unter-Seibertenrod brachte, kam das Raubtier bis auf fünf Meter heran. »Ich habe geschrien und mich groß gemacht, erst dann ist er langsam weggelaufen«, erinnert sich die Mutter zweier Kinder. Der Wolf hat »kein Erschrecken und keine Scheu gezeigt«. Nun will sie die zuständige Ministerin Priska Hinz und die Wolfsbeauftragte des Landes, Susanne Jokisch, zum Zelten in ihren Garten einladen. »Dann können sie einmal einen Wolf in freier Wildbahn erleben.«

Sandra Funk-Gerhardt findet die Situation unverantwortlich. Sie hat Angst um ihre zwei Kinder, zumal der Wolf auch schon einmal morgens um 6 Uhr oder abends ab 19 Uhr hinter dem Wohnhaus der Familie am Rand des Stadtteils von Ulrichstein heult. Ihre zwei Hunde lässt sie im Dunkeln nicht mehr allein in den eigenen Garten. Dann schaltet sie die Strahler an, nimmt eine Taschenlampe und legt die Haustiere an die Leine. So war das auch am vergangenen Freitagabend gegen 21.30 Uhr. Sie hat extra noch einmal mit der Taschenlampe über das Grundstück und die Nachbarwiese geleuchtet. »Dann sehe ich den Wolf über den Pool nach unten zu uns in den Garten springen, ich war starr vor Schreck«, erinnert sie sich. Das Tier bleibt in etwa fünf Metern Entfernung stehen und schätzt die Lage ab. Funk-Gerhardt macht sich groß, fuchtelt mit der Taschenlampe und schreit ihn an, bis er sich langsam wieder trollt.

Wolf im Vogelsberg: Hessen haben Angst auf dem Weg zur Schule

Als das Tier weggelaufen ist, geht sie langsam zurück ins Haus. Dort flüchtet der neun Monate alte Parson-Russel schnell unter den Esstisch. »Ich war fix und fertig, ich habe echt Panik bekommen«, erinnert sie sich.

Anwohnerin Sandra Funk-Gerhardt stößt abends mit Hund Tilda auf die Wölfin.

Im Sommer hatte ihr Mann bereits eine Begegnung mit dem Tier. Auch damals kam der Wolf auf wenige Meter heran und ließ sich durch Schreie und Anleuchten nur zum gemächlichen Wegtrotten bewegen. Vor ein paar Monaten traf ein Nachbar mit einem Wolf zusammen, als er seine beiden Dalmatiner ausführte. Er ist langsam rückwärts zu seinem Haus gegangen, stets den Wolf im Gefolge. Er kam ihm bis auf zehn Meter nahe und lief ihm bis zur Haustür nach.

»Die Leute haben Angst, ihr Kind allein im Garten spielen zu lassen, auch tagsüber nicht«, beschreibt Funk-Gerhardt die Stimmung. Wenn ihr Sohn morgens zum Schulbus geht, leuchtet die Familie mit extra angeschafften starken Taschenlampen die Wegränder ab. »Wir haben Angst, dass wir morgens in den Carport kommen und der Wolf steht da und fühlt sich bedroht«, ergänzt die Seibertenröderin.

Begegnungen wie diese treiben auch Landwirt Bernd Weiß um, der bei der Kontrolle des Mutterkuhstalls und der Biogasanlage aus Vorsicht immer die Scheinwerfer des Autos angeschaltet lässt. Er berichtete bei einem Treffen mit Landrat Manfred Görig davon, dass die Wölfin bei Unter-Seibertenrod lebt. »Sie ist so nah an den Menschen - teilweise ist sie bei Tag im Ort unterwegs, das macht uns große Sorge«, schildert Weiß die bedrückende Situation.

Wolf in Ulrichstein (Hessen): Menschen fühlen sich alleingelassen

Dabei fühlen sich die Menschen in Unter-Seibertenrod durch die Experten alleingelassen. Das Tier ist gerne am Ortsrand unterwegs, wo unter anderem die Familien Gerhardt und Weiß leben. Wildkameras haben bereits viele Bilder des Tieres und eines etwas kräftigeren Wolfs eingefangen, berichtet Funk-Gerhardt.

»Das ist ein Raubtier, und es testet aus, wie nahe es gefahrlos an uns herankommen kann.« Tipps von Experten gelten für Wölfe, die eine Scheu vor Menschen haben. »Das, was hier geschieht, existiert nicht in den Beschreibungen«, kritisiert Funk-Gerhardt. Vielleicht könne man es mit Gummigeschossen auf Distanz halten.

Bereits seit Monaten fordern Vertreter der Landwirtschaft und aus der Vogelsberger Politik ein effektives Programm gegen den Wolf. So wirft Landrat Manfred Görig der zuständigen Ministerin Priska Hinz vor, nur ein »schwammiges Wolfs-Management« zu betreiben. Kritisiert werden unzureichende Förderungen für Landwirte. Auch die FDP befasst sich wiederholt mit dem Thema. Das Grundproblem ist, dass Wölfe nicht vorsorglich gejagt werden dürfen. Wölfe sind in der EU und in Deutschland streng geschützt.

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