Hausärzte in der Corona-Krise: Michael Buff und Susanne Sommer schützen sich an der Rezeption hinter Plexiglas. FOTO: RS
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Hausärzte in der Corona-Krise: Michael Buff und Susanne Sommer schützen sich an der Rezeption hinter Plexiglas. FOTO: RS

Heilen mit Abstand

  • Rolf Schwickert
    vonRolf Schwickert
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Man muss sich zu helfen wissen in der Coronakrise - als Arzt und als Patient. Darüber berichten die Hausärzte Susanne Sommer (Mücke) und Michael Buff (Kirtorf/Gemünden). Sie haben in den vergangenen Wochen viel Unterstützung und Einsicht erfahren, medizinisches und organisatorisches Neuland betreten. Nicht alles lief rund. Aber daraus sollte man lernen, meinen sie.

Frau Sommer, Herr Buff, haben Sie Patienten mit dem Coronavirus, und wie gehen Sie damit um?

Michael Buff: Ich hatte bisher drei mit nachgewiesener Covid-19-Infektion, davon waren zwei recht fit und sind nur in Quarantäne gegangen. Einige andere Patienten hatten die klassischen Symptome, die Abstriche waren aber negativ.

Susanne Sommer: Wir hatten auch mehrere Fälle in der Praxis, und nur ein Patient musste bei starkem Husten in die Klinik. Alle anderen waren lediglich in Quarantäne. Die meisten Coronapatienten haben wir telefonisch versorgt, persönlich gesehen haben wir glaube ich nur einen. Vor diesem Hintergrund hatten wir genügend Schutzmaterial.

Wie kann man sich die telefonische Betreuung eines Patienten vorstellen?

Sommer: Die Patienten rufen an, weil sie einen Infekt haben, und die Arzthelferinnen fragen die einschlägigen Symptome ab. Danach telefoniert einer der Ärzte mit den Patienten. Wenn ein Covid-19-Fall möglich erscheint, mailen wir diesem Patienten einen Testauftrag zu, den druckt er sich aus und geht damit zur Covid-19-Teststelle in Alsfeld. So lange bleibt er vorsorglich in häuslicher Quarantäne.

Und wenn jetzt die Behandlung eines Corona-Patienten nötig ist?

Buff: Wir fahren dann zu den Patienten, tragen einen Vollschutz mit Kittel, Handschuhen und - soweit vorhanden - Brille.

Sommer: Wir haben durch einen Zufall vier Visiere bekommen. Der Sohn von einem Patienten hat Visiere mit einem 3-D-Drucker hergestellt.

Buff: Visiere haben wir organisiert über eine Bekannte, die einen kennt, der so was vertreibt.

Sommer: Da läuft viel über Nachbarschaftshilfe. Und wenn ich ältere Patienten besuche, werde ich oft angesprochen: "Ich habe noch FFP2- Masken, braucht ihr die?" Von Lackierern haben wir einige bekommen. Ich denke, die ersten 40 Masken haben wir von Handwerkern bekommen.

Die haben die Masken nicht mehr gebraucht, weil die Auftragslage zurückgegangen ist?

Sommer: Nein, die haben uns gesagt, ihr braucht die Masken, bei euch ist das wichtiger, ihr müsst gesund bleiben.

Buff: Für uns hat eine Näherin 20 Stoffmasken genäht, noch bevor der ganze Run darauf losging. Und ein Schreiner hat bei uns im Ort an einem Samstag die Maschinen angeschmissen, Schutzblenden für die Anmeldung gebaut und dafür nichts genommen.

Wie hat sich der Praxis- alltag verändert?

Buff: Ganz erheblich. Man hat zwar weniger persönliche Patientenkontakte, aber ein deutlich stärkeres Stressmoment. Es ist nichts mehr normal, es gibt keine Routine. Man muss viele Entscheidungen treffen, von denen man nicht sagen kann, ist das nun richtig oder falsch?

Sommer: Ulrich Weigelt, der Vorsitzende vom Hausarztverband, hat die Lage treffend zusammen gefasst: "Weil wir uns so gut organisiert haben, wir Hausärzte, haben wir Wege gefunden, wie wir arbeiten können." So langsam läuft die Versorgung aber auch zentral.

Gibt es neue Fragestellungen im Zusammenhang mit der Infektionskrankheit?

Buff: Als das Ganze losging, gab es eine Einschätzung vom Robert-Koch-Institut, wie mit Covid-19 umgegangen werden soll. Auf dem Papier sieht das ganz logisch aus, aber wie setzt man das in der Praxis um? Man musste neue Konzepte entwickeln.

Sommer: Am Anfang kam man mit Fragen auch nicht immer beim Gesundheitsamt durch. Da hat ja jeder ange- rufen. Aber die haben dann zurückgerufen, informiert und uns gut unterstützt.

Was haben Sie organisatorisch verändern müssen?

Sommer: Wir sind jetzt vom Personal her anders aufgestellt. Wir bieten eine reine Infektionssprechstunde an, getrennt von unseren eigentlichen Praxisräumen, im ersten Stock. Meine Kollegin Dr. Mehriar Aliakbari versorgt diese reine Terminsprechstunde. Die Patienten kommen dann, bleiben im Auto sitzen und werden telefonisch hereingerufen. Die Kollegin fehlt natürlich hier unten in der Sprechstunde.

Kommen in der Corona- Krise weniger Patienten in die Praxis?

Sommer: Wir haben einen Patientenrückgang in der Praxis, telefonieren jetzt aber sehr viel mit Patienten. Insgesamt ist es aber wohl ein Patientenrückgang von 20 bis 30 Prozent.

Buff: Das sind bei uns auch ungefähr 30 Prozent, und da laufen wir finanziell am Limit. Denn die Betriebskosten blieben unverändert.

Viele Patienten stellen normale Arztbesuche zurück, hinterlässt das bei denen Spuren?

Sommer: Anfang Mai habe ich mit den Hausbesuchen wieder angefangen, unter Schutzmaßnahmen. Danach habe ich oft mit den Kollegen der Gerontopsychiatrie in Lauterbach telefoniert. Ich habe noch nie so viele ältere Menschen angetroffen mit psychiatrischen Symptomen: Personen die auf dem Sofa sitzen, die nur der Betroffene sieht, andere hören Stimmen oder wähnen nachts bei sich Leute im Haus. Da sind ganz viele unverarbeitete, unterbewusste Ängste. Das war schon sehr speziell und von der Lauterbacher Gerontopsychiatrie wurden wir gut unterstützt. Außerdem mussten wir viele Notfall-Hausbesuche fahren. Wir konnten auf unsere chronischen Fälle nicht mehr so ein Auge haben. Man telefoniert zwar, aber das persönliche Gespräch bringt für die Diagnose natürlich viel mehr.

Buff: Bis Ostern hatten wir alles runtergefahren. Wir verdienen ja unser Geld auch mit Sachen, die nicht unbedingt akut sind. Das können Gesundheitsvorsorgen und andere Vorsorgeleistungen sein, Chronikerprogramme, Impfberatung und so weiter.

Herr Buff, haben auch Sie mit einer Umorganisation reagieren können?

Buff: Wir können in unserer Praxis in Kirtorf eine räumliche Trennung von Patientenströmen nicht umsetzen. Von fünf Ärzten ist immer einer zu Hause, einer macht Homeoffice und Telefonrückrufe. Wer eine Erkältung hat, kommt nicht spontan in die Praxis, sondern wird zurückgerufen. Außerdem fahren wir jetzt wieder enorm viele Hausbesuche. In Gemünden arbeiten ein Arzt und drei Arzthelferinnen, von denen eine immer zu Hause ist. Ziel ist es, bei einer möglichen Infektion eines Arztes oder einer MFA den Praxisbetrieb dennoch aufrecht- erhalten zu können.

Gab es mit den Lockerungen der Kontaktbeschränkungen auch wieder mehr Betrieb in den Praxen?

Buff: Ja, der ganze chirotherapeutische Bereich war ja auf Null gestellt. Das läuft jetzt wieder an. Die Leute konnten auch nicht mehr in die Sportstudios, jetzt kommen sie mit Rücken- und Kopfschmerzen.

Sommer: Ich habe meinen Patienten gezeigt, wo man auf Youtube Übungen findet, und ich habe ihnen Anleitungen auf Papier an die Hand gegeben.

Buff: In den Sportstudios oder bei Vereinen hat man auch Geselligkeit. Das ist jetzt nicht, und darunter leiden die Leute psychisch. Das kann dann auch physische Folgen haben.

Wird das Jahr 2020 so weiter gehen, wie wir es gerade erleben?

Sommer: Ich befürchte es.

Buff: Ich hoffe es nicht. Aber wir werden uns wohl dran gewöhnen, an Masken, ans Händewaschen, an Abstand. Es hat jetzt einen riesen Schwung in der Telemedizin gegeben mit Videosprechstunden...

Sommer: Videosprechstunden machen wir nicht, weil wir noch ein grundsätzliches Problem mit dem Internet- anschluss haben. Heute ging schon wieder kein Telefon und kein Fax. Ein optimaler Anschluss würde 60 000 Euro kosten, momentan endet der Anschluss von Unitymedia beim Nachbarn.

Buff: Der Vorteil ist, man kann junge Menschen kurz sehen, hat so einen zusätzlichen Eindruck. Wir wollen das jetzt installieren.

Sommer: Groß-Eichen, Sellnrod, da habe ich nicht mal Telefonempfang, wenn ich Hausbesuche fahre.

Was würden Sie sich jetzt noch in der Situation wünschen?

Buff: Mir reicht die ehrliche Anerkennung, die uns - nicht anders als sonst - entgegen- gebracht wird. Klatschen kann man den Krankenhäusern, die oft rund um die Uhr am Limit arbeiten.

Sommer: Ich würde mir wünschen, dass Hausärzte mehr in Strategieplaungen einbezogen werden. Auch würde ich mich freuen, wenn die Menschen geduldiger in dieser Zeit miteinander umgehen würden. Wir in der Praxis versuchen, allen im Rahmen unserer Möglichkeiten zu helfen.

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