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Haussperling wieder Sieger

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Von: Lena Karber

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Im Rahmen der »Stunde der Wintervögel« wurden bundesweit in diesem Jahr in 117 908 Gärten 4 234 124 Vögel gezählt, 10 138 davon an 210 Meldepunkten im Vogelsberg. Am häufigsten wurde der Haussperling gesichtet, der auch unter dem Namen »Spatz« bekannt ist. SYMBOLFOTO: BRITTA PEDERSEN /DPA © Red

Im Rahmen der vom NABU organisierten »Stunde der Wintervögel« werden im Januar deutschlandweit Vögel gezählt, auch im Vogelsberg. Laut Thomas Steinke vom NABU-Kreisverband gibt es hierzulande durch das abwechslungsreiche Mittelgebirge zwar einige Highlights, insgesamt entspreche die Entwicklung jedoch dem bundesweiten Trend: die Zahl der Vögel sinkt.

Das hat zahlreiche Ursachen.

Zum zwölften Mal wurden in diesem Jahr bundesweit Vögel gezählt - auch im Vogelsbergkreis. Im Rahmen der »Stunde der Wintervögel« waren alle Bürger zwischen dem 6. und dem 9. Januar dazu angehalten, eine Stunde lang an einem bestimmten Ort - etwa der Futterstelle im eigenen Garten - die Vögel zu zählen und dem Verband bis zum 17. Januar zu melden, wie viele Expemplare welcher Art sie gesehen haben. Die Beobachter seien zwar nicht fachkundig, aber der NABU stelle Hilfsmittel bereit, mit denen sich die Vögel gut erkennen lassen, sagt Thomas Steinke vom Kreisverband Vogelsberg. »Und durch die sehr große Zahl der Daten kann man doch gute Aussagen machen.«

Auf der Homepage des Verbandes sind die Ergebnisse öffentlich einsehbar und lassen sich auch nach Kreisen filtern. Dabei zeigt sich, dass der bundesweit Erstplatzierte auch hierzulande die Nase vorn hat. »Der Sieger ist, wie schon viele Jahre, der Haussperling«, erläutert Steinke. Den zweiten Platz belegt im Vogelsberg in diesem Jahr die Kohlmeise, den dritten die Blaumeise und den vierten der Feldsperling. »Das sind Arten, die eigentlich jeder an seinem Futterkasten im Garten beobachten kann«, sagt Steinke.

Zwar gibt es kleinere regionale Abweichungen - so kommen etwa Feldsperlinge eher auf dem Land oder an Ortsrändern vor und weniger in Städen - insgesamt sind das jedoch Vogelarten, die bundesweit sehr häufig gesichtet wurden. Und auch in Hinblick auf die Vorjahre gibt es laut Steinke keine größeren Überraschungen. Im Gegenteil: Faktoren, die zu kurzfristigen Schwankungen führen, gibt es immer wieder. Beispielsweise waren die Blaumeisten-Bestände 2020 wegen einer Lungenkrankheit eingebrochen, den Daten des NABU zufolge erholen sie sich aber gut.

Auch von dem Witterungsverlauf des jeweiligen Jahres hängt laut Steinke eine Menge ab. Wenn die Fruchtbildung bei den Waldbäumen gut sei, könne man zum Beispiel weniger Vögel in den Gärten beobachten. Die Vögel haben es dann schlicht nicht nötig, dort auf Futtersuche zu gehen.

Doch was nützt die Vogelzählung überhaupt, wenn es so viele Faktoren gibt, die zu jährlichen Schwankungen führen können? Zum einen sei die Aktion eine gute Werbung für das Thema Naturschutz und bringe Menschen dazu, sich mit der Umwelt auseinanderzusetzen, meint das NABU-Vorstandsmitglied. Zum anderen liefere die Erhebung Grundlagen, um Aussagen über die langfristige Entwicklung der Bestände zu treffen.

Der Vogelsberg als Mittelgebirge zeichnet sich laut Steinke durch viel Abwechslung zwischen Wald und Offenland aus. »Er bietet in seiner Naturausstattung zum Beispiel im Vergleich zu der Wetterau, die hauptsächlich durch Agrarflächen geprägt ist, eine relativ hohe Attraktivität für viele Tiere«, sagt er. Deshalb gebe es in der Region auch eher seltene Vogelarten wie den Schwarzstorch und einen recht großen Bestand an Rotmilanen, der Kolkraben sei quasi flächendeckend verbreitet und der Uhu nicht nur längst zurückgekehrt, sondern inzwischen weit verbreitet. »Es gibt also schöne Highlights«, fasst Steinke die Situation vor Ort zusammen. Insgesamt sei die Entwicklung aber so wie überall: »Es gibt immer leichte Auf- und Abbewegungen, aber im langfristigen Trend sinken die Gesamtzahlen eher.«

Nach Einschätzung des Naturschützers liegt das an »Faktoren, die nicht einfach mit kleineren Stellschrauben zu verändern sind«, sondern eines »Systemwechsels, der nicht nur an der Fassade kratzt und diese ein bisschen grün anmalt«, bedarf. Der Wald müsste naturnäher bewirtschaftet, Landwirtschaft weniger exzessiv betrieben, auf den Einsatz von Gift verzichtet werden. Es brauche mehr Bio-Betriebe als aktuell geplant und es müsse Energie eingespart werden, ebenso wie Trinkwasser, etwa durch Stellschrauben wie die Verpflichtung, für Toilettenspülungen Brauchwasser zu nutzen.

Nicht alle negativen Einflüsse auf die Umwelt wirken sich direkt auf die Vögel aus, aber auch indirekte Auswirkungen gilt es zu beachten - Stichwort Insektensterben. Ihre Menge sei um 75 Prozent zurückgegangen, betont Steinke. »Man kann sich vorstellen, dass es uns Menschen schlecht gehen würde, wenn wir uns nur noch ein Viertel der Nahrungsmittelmenge zur Verfügung stehen würde. Und genauso geht es den Vögeln.«

Der Einzelne kann laut Steinke etwas dazu beitragen, die negativen Auswirkungen auf die Umwelt zu verringern, indem er beim Einkaufen zu, Beispiel darauf achtet, wo die Lebensmittel herkommen und wie sie produziert wurden. Durch Klimaveränderungen und die damit verbundenen Wetterextreme sowie durch das viel thematisierte Artensterben sei das Interesse an der Umwelt aber zuletzt gestiegen, glaubt er. »Viele machen sich inzwischen Gedanken.«

Ein Indiz dafür könnten die steigenden Teilnehmerzahlen bei der »Stunde der Wintervögel« des NABU sein. »Im Vogelsberg ist die Beteiligung mit 210 Meldepunkten aber eher bescheiden«, sagt Steinke. Immerhin 10 138 Vögel wurden dabei allerdings gemeldet, also im Schnitt 48 pro Garten, während es im Bundesdurchschnitt 36 pro Meldepunkt waren.

Die Ergebnisse der »Stunde der Wintervögel« sind online unter www.nabu.de/tiere-und- pflanzen/aktionen-und-projekte/stunde-der-wintervoegel/ergebnisse/21784.html zu finden.

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