Annelie Becker (l.) kauft für die Nachbarn Brigitte Mallow und deren Ehemann Bernd ein. FOTO: RS
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Annelie Becker (l.) kauft für die Nachbarn Brigitte Mallow und deren Ehemann Bernd ein. FOTO: RS

Gute Nachbarschaft

  • Rolf Schwickert
    vonRolf Schwickert
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Die Coronakrise bedeutet gravierende Einschränkungen, und wenn man zudem Risikopatient ist, hat man es noch schwerer, etwa bei Einkäufen. Wie gut, dass es in diesen Fällen hilfsbereite Nachbarn gibt. Aber an der Supermarktkasse ergeben sich für die freiwilligen Einkäufer ungeahnte Probleme. In Mücke hat man das erkannt.

Aus dem Einkaufskorb ragen zwei in Corona-Zeiten wichtige Artikel hervor: neben der Packung Klopapier noch Küchenpapierrollen. Und zu allem Überfluss gibt es zudem zwei Schalen frische Erdbeeren. Brigitte Mallow und Ehemann Bernd sind sehr glücklich, dass sich gleich mehrere Familien aus der Nachbarschaft im Neubaugebiet um die beiden kümmern. Denn beide sind Risikopatienten, sollten das Haus in Atzenhain nur in zwingenden Fällen verlassen.

Nachbarin Annelie Becker hat in diesem Fall die Familie Mallow versorgt, diese Hilfeleistung teilt sie sich mit den Familien Müller, Erb und Kontrakow. In der Krise helfen, das war ihr Anliegen gewesen. Aber dass sie dabei böse Blicke ernten würde, das hätte sie sich im Traum nicht einfallen lassen. Denn beim ersten Einkauf hatte sie gleich zwei Pakete Küchenpapier an der Kasse auf das Band gelegt, unterteilt durch ein Schild "Nächster Kunde", um deutlich zu machen, dass eine Packung nicht für sie war.

Unverständnis an der Kasse

Die Kassiererin ließ sich von der Trennung aber nicht beeindrucken, sagte, man dürfe nur eine Packung je Kunde herausgeben, und nahm die zweite einfach vom Band. "Aber ich hole das für meine Nachbarn, die jetzt nicht aus dem Haus können", hielt Becker tapfer entgegen. Doch das nutzte nichts. Ein an der Kasse hinter Becker wartendes älteres Paar lehnte es zudem ab, die zweite Packung Küchenrolle zu übernehmen, sandte gar "hasserfüllte" Blicke in Richtung Becker, die sie wohl fälschlicherweise als eine "Hamsterin" einordneten.

"Das kann doch nicht sein", dachte sich Becker und sann auf Abhilfe. In Günter Zeuner (Ruppertenrod) von der Senioren-Initiative Mücke fand sie einen hilfreichen Mitstreiter. Gemeinsam kam man auf die Idee, über die Gemeinde Mücke Bescheinigungen auszustellen, die Einkaufshelfer als solche ausweisen. Zeuner sprach in diesem Sinne bei den Mücker Einkaufsmärkten vor, Bürgermeister Andreas Sommer unterstützte die Idee sofort und stellte Bescheinigungen aus.

Diese schriftliche Bestätigung bekommt man wie folgt: Man meldet sich telefonisch bei den unten aufgeführten Ansprechpartnern und erfährt das weitere Verfahren: Marion Dettmann, Tel. 0 64 00/63 25, oder Norbert Kratz, Tel. 0 64 00/15 57, oder Günter Zeuner, Tel. 0 64 00/76 39.

Inzwischen wurden in allen Mücker Ortsteilen 25 Personen die Bescheinigungen ausgestellt, die bei ihren Einkäufen auch die für eine oder zwei weitere Personen erledigen.

In Mücke ist die Nachfrage nach den Hilfeleistungen also sehr groß, sogar eine Fußballmannschaft hat sich als Auslieferer eines Merlauer Marktes als sehr hilfreich erwiesen ( die AAZ berichtete).

Allerdings werden ähnlich gelagerte Offerten in anderen Großgemeinden eher verhalten oder kaum genutzt, wie eine Umfrage der AAZ ergab. So berichtet Pfarrerin Ursula Kadelka aus der evangelischen Katharinengemeinde in Gemünden, dass man immerhin 30 Helfer habe, aber die Nachfrage sei "sehr spärlich". Das hänge wohl zum einen daran, dass alleinstehende, nicht mobile Menschen oder Risikopatienten Rückhalt in der Familie oder Nachbarschaft hätten. Zudem hat Kadelka in Lebensmittelgeschäften eine Beobachtung gemacht, die sie so nicht erwartet hatte: "Die Menschen gehen sehr gerne selbst einkaufen, ausgerechnet auch die Gruppe, die eigentlich zu Hause bleiben sollte." Gleichwohl gilt das Einkaufangebot weiterhin, Interessenten können sich tagsüber an das Pfarramt unter der Telefonnummer 0 66 34/2 29 wenden.

Auch der Burg-Gemündener Ortsvorsteher Florian Albert hat die Beobachtung gemacht, dass die Personengruppe, der eigentlich geholfen werden müsste, sich die Waren gerne selbst nach Hause holt. In dem Ortsteil war auch eine Initiative zum Einkaufen ins Leben gerufen worden, aber innerhalb von drei Wochen hatte es nur eine Nachfrage gegeben. Albert hat zudem den Eindruck gewonnen, dass im Laufe der Zeit die auferlegten Beschränkungen von vielen Menschen leider immer lockerer gesehen werden. In Homberg laufen beim Familienzentrum im ehemaligen Amtsgericht die Fäden für Hilfestellungen in der Corona-Krise zusammen. Bei Leiterin Christiane Enders-Pfeil haben sich viele Personen gemeldet, die für Risikopatienten Besorgungen aller Art übernehmen können. Allerdings hat sie eine Erfahrung wie der Burg-Gemündener Ortsvorsteher Albert gemacht: Nachdem in allen Homberger Haushalten Wurfzettel mit dem Angebot verteilt worden waren, hatte sich lediglich ein Dutzend Interessenten gemeldet. "Viele Leute sind offenbar noch sehr aktiv oder werden von Familienangehörigen oder Bekannten versorgt", zeigt sie sich zufrieden.

Was mögliche Schwierigkeiten beim Einkaufen für Dritte anlangt, so hat Christiane Enders-Pfeil bei den beiden großen Homberger Lebensmittelgeschäften vorgesprochen und ist dort auf Verständnis gestoßen.

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