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Grundschule ist heute anders

  • Rolf Schwickert
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"Die sehen ja so süß aus!" Gemeint sind Erstklässler, wenn sie am ersten Tag Halt an der Schultüte suchen. Aber irgendwann kommt der Schulalltag, wie Claudia Wolf weiß. Die Schulleiterin in Ober-Ohmen wird heute nach 44 Jahren im Schuldienst verabschiedet. Sie hat den Wandel erlebt: bei Kindern, Eltern, Kollegen und der Kultusbürokratie.

Der Wunsch zum Lehrerberuf kam bei Claudia Wolf (65) bereits in der Schule. In der Oberstufe der Theo-Koch-Schule Grünberg hatte ein Mathematiklehrer sie mal kurz unterrichten lassen - dabei war sie auf den Geschmack gekommen. Seit 1981 unterrichtet sie in Ober-Ohmen, war rund zehn Jahre stellvertretende Schulleiterin und steht der Grundschule Oberes Ohmtal seit zehn Jahren vor. Über Veränderungen im Unterricht, bei Kindern und Lehrern spricht sie in einem Interview.

Wie hat sich der Lehrerberuf verändert? Ist etwas weggefallen, ist etwas dazugekommen?

Es hat sich ausgeweitet, es gibt mehr Arbeit. Es ist nicht mehr reines Unterrichten. Wir fördern sehr viel, müssen also Förderpläne und viele Konzepte schreiben. Vor drei Jahrzehnten kamen die Spätaussiedler, bei denen die Kinder kein Deutsch konnten, die mussten integriert werden. Das funktionierte relativ gut, je nach Interesse der Eltern. Später wurde es schwieriger, sie siedelten sich in den Neubaugebieten an und blieben weitgehend unter sich. Von Flüchtlingen hatten wir jetzt nicht so viele, aber auch diese galt es zu fördern. Auch dazu mussten wir Konzepte erstellen. Es gibt auch Hilfen durch Stundenzuweisung, aber es bleibt Mehrarbeit.

Woran merkt man gesellschaftlichen Wandel bei Kindern und Eltern?

Früher gab es nicht die Helikoptereltern, die ihr Kind in Schutz nehmen und sagen: "Mein Kind macht das nicht, das machen nur andere." Wenn Eltern heute mit Kindern nicht klarkommen, werden sie auch mal vor ein elektronisches Gerät gesetzt. Früher haben sich die Kinder ihr Umfeld natürlich erforscht, heute ist das eher digital.

Zu neuen Medien gehört auch das Handy. Wie halten Sie es in der Schule?

Das zieht Kreise bis in die Grundschule: Viele Eltern meinen, Kinder müssen immer erreichbar sein, also auch Handy in der Schule. Aber ich meine, in der Grundschule braucht kein Kind ein Smartphone. Wenn was ist, dann rufen wir von der Schule an.

Müssen Sie oft anrufen?

Da gibt es viel mehr Anrufe als früher, die Hauptgründe sind: "Wo bleibt das Kind?", und im Krankheitsfall wird nicht immer gleich krankgemeldet. Oder wir rufen an, wenn es einem Kind nicht gut geht. Das ist irgendwie in der letzten Zeit viel häufiger der Fall, Kinder sind nicht mehr so hart im Nehmen. Hat sich beispielsweise ein Kind irgendwo gestoßen, will es oft abgeholt werden. Und wir haben deswegen sehr viele Eisbeutel im Umlauf, das ist das einzige Mittel, das wir bei so einem Fall anwenden dürfen. Wir geben dann die Verantwortung an die Eltern zurück.

Eltern nehmen Verantwortung umfassend wahr?

In Teilen haben viele Kollegen und ich den Eindruck, dass Eltern ihre Erziehungsarbeit abgeben. Es ist nicht die Masse, aber das kostet viel Kraft. Man weiß, wie Elternpopulation aussieht: Fünf Prozent spielen sich als Helikoptereltern auf, fünf Prozent kümmern sich nicht besonders um die Schulangelegenheiten ihres Kindes. Dieser kleine Teil desinteressierter Elternschaft kostet Kraft. Warum das so ist, wissen wir nicht. Wenn die Eltern wenigstens Stellung nehmen würden dazu. An diese Eltern kommen wir aber nicht ran, die kommen nicht zu Elternabenden. Und wenn man mal in Kontakt kommt, hat man den Eindruck, es kommt gar nicht an, was man sagt.

Die Buchstaben sind wie früher, die Zahlen sind es auch. Was hat sich gleichwohl verändert?

Das Rechnen hat sich nicht verändert, aber die Zugänge dazu. Beispielsweise Geometrie liegt mir sehr am Herzen, die Kinder müssen ein räumliches Vorstellungsvermögen bekommen. Oder der Umgang mit Geld. Das können Kinder teilweise nicht mehr, weil es in ihrer Lebenswirklichkeit nicht vorkommt. Die Eltern zahlen oft mit Karte, und in vielen Dörfern gibt es keine Geschäfte mehr. Das ist ein Gesellschaftswandel, der sich auf die kindlichen Lebensumstände auswirkt. Eigentlich wären dazu die Eltern in der Pflicht. Das ist wie Schuhe binden: Unsere Sportlehrerinnen sagen gerne "Nehmt die Sportschuhe mit Klettverschluss". Sonst sind sie nur am Schuhe binden.

Wie ist es um den Wissensstand der Kinder bestellt, wenn sie die Grundschule verlassen. Hat sich da etwas verändert?

Nach Lernstandserhebungen im dritten Schuljahr in Mathematik und Deutsch ist der Wissensstand in den vergangenen Jahren relativ gleich geblieben. Das, was Kinder können sollen, hat sich allerdings erweitert.

Man hört Klagen von Firmen, dass Auszubildende nicht mehr den Wissensstand wie früher haben.

Das betrifft auch die weiterführenden Schulen. Und schlechte Schüler gab es schon immer. Früher gab es Sonderschule und Förderschule, heute haben wir Inklusion. Wir haben eine Förderschullehrkraft mit 30 Stunden. Die ist zwar auch für Einzelförderung da, aber meistens geht es um Beratung und Überprüfung. Und in das Erstellen der Förderpläne sind auch die Regelschullehrer eingebunden. Pro Klasse kann man einen Bedarf von drei oder vier Förderplänen ansetzen.

Seit einigen Jahren gibt es auch Teilhabeassistenten, die Mitarbeit von Schülern im Unterricht fördern.

Bis der Bedarf für eine Teilhabeassistenz gegeben ist, steht eine Diagnostik an, die Eltern müssen einen Antrag stellen, und das Jugendamt muss dem zustimmen. Derzeit haben wir zwei Teilhabeassistenten und eine Schulalltagsbegleiterin. Das ist ein Sonderprojekt des Vogelsbergkreises, um im Vorfeld einer Teilhabeassistenz einen Schüler unterstützen zu können. Damit will man auch vermeiden, dass den Schülern mit Teilhabeassistenz der Stempel einer Behinderung aufgedrückt wird. Und manchmal reicht das auch aus, um in einer ersten Klasse dem Kind in den Schulalltag zu helfen.

Aufgaben der neuen Arbeitskräfte haben Lehrer früher auch übernommen?

Das ist die Folge des gesellschaftlichen Wandels und der Inklusion. Da müssen einfach mehr Professionen rein in die Schule. Früher sind die Kinder ausgesondert worden oder mussten ständig wiederholen.

Was raten Sie jemandem, der Lehrer werden will?

Sie müssen es aushalten, mit Kindern zu arbeiten, unabhängig vom Alter der Schüler. Kinder stellen Forderungen an die ganze Person, man muss sich immer auf neue Situationen einstellen. Und täglich grüßt das Murmeltier, ist hier nicht.

Heute verbringen die Kinder mehr Zeit in der Schule. Wie ist das in Ober-Ohmen geregelt?

Kinder können bis 15 Uhr in der Schule bleiben. Das ist nur durch das Ganztagsangebot und durch die Unterstützung des Fördervereins möglich. Der Förderverein bietet zudem seit elf Jahren eine Betreuung vor dem Unterricht an. Das ist nötig, weil alle Kinder mit Bussen gebracht werden, aber auch mal in der ersten Stunde keinen Unterricht haben. Das ist auch ein Zeichen gesellschaftlichen Wandels. Nur durch die Betreuung sind Familie und Beruf miteinander vereinbar.

Geben Kinder was zurück?

Durchaus, ich habe sehr viel Freude empfunden, wenn ich gesehen habe, wie aus einem Erstklässler, der am Anfang relativ wenig konnte, ein gestandener Viertklässler wurde, der mit guten Noten die Grundschule verlassen hat. In den vier Jahren Grundschule sieht man eine rasante Entwicklung, insbesondere im ersten Schuljahr. Man sieht den Lernzuwachs und die Freude der Kinder, wenn sie was geschafft haben.

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