Nach dem verheerenden Feuer vor 135 Jahren wurde die Landstraße nach Homberg breiter angelegt, Familien siedelten aus dem alten Ortskern aus. FOTOS: JOL
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Nach dem verheerenden Feuer vor 135 Jahren wurde die Landstraße nach Homberg breiter angelegt, Familien siedelten aus dem alten Ortskern aus. FOTOS: JOL

Großbrand prägt das Dorf

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Ein verheerender Brand hat das Gesicht des Dorfes Appenrod geprägt. Heute vor genau 135 Jahren ging der alte Ortskern mit Kirche und Schule in Flammen auf, 30 Familien standen ohne Obdach da. Der Wiederaufbau bot die Chance auf bessere Wohnstätten und eine beeindruckende Sandsteinkirche.

Eine Katastrophe bietet oft eine Chance auf Neubeginn. Das ist in Appenrod gut zu erkennen. Nach einem gewaltigen Brand vor 135 Jahren gestalteten die Dorfbewohner den Ortskern neu, errichteten eine Sandsteinkirche und ließen Platz für eine breite Ortsdurchfahrt, wie sie heute zeitgemäß ist. So prägte ein Unglück das Gesicht des modernen Dorfs, woran Ortsvorsteher Richard Fleischhauer im Gespräch erinnert.

Der Großbrand vom 13. August 1885 ist fester Bestandteil des gemeinsamen Erfahrungsschatzes im Ort: "Davon weiß jeder", sagt Fleischhauer. Die Erinnerung wird wachgehalten durch eine Gedenktafel an der Kirche und das Gedenkläuten an jedem 13. August, das an die Katastrophe vor 135 Jahren erinnert. Zudem ist eine Zeichnung auf einer Wand im DGH zu sehen, die das Dorf nach dem Brand zeigt. Gut erkennbar sind die Schutthaufen in der Ortsmitte.

Ausgangspunkt war der Glimmstängel eines neunjährigen Jungen. Diese selbst gerollte Zigarre enthielt noch Glut, als er sie wegwarf. Die Lokalzeitung fasste das weitere Geschehen so zusammen: "Dieses entzündete das nahe Stroh und die eingebrachte Frucht. Der starke Wind fachte die Flammen an, und es fielen 46 Gebäude dem wütenden Element zum Opfer." Das Zitat hat Heimatforscher Dr. Wolfgang Seim ermittelt.

Das Ergebnis war schlimm, 30 Familien verloren ihr Heim. Nur ein Gebäude im alten Ortskern überstand im Flammenmeer. Damals standen die Höfe zwischen der heutigen Hauptstraße und der Maulbacher Straße eng beieinander, was die Ausbreitung der Flammen begünstigte. Auch die Fachwerkkirche von 1685 und das Schulhaus brannten ab. Besonders schnell griffen die Flammen auf die Dächer über, auf denen Strohpuppen unter die Ziegel gestopft waren. Begünstigt wurde das Feuer zudem durch die zur Erntezeit gut gefüllten Lagerräume in den Scheunen.

Löschversuche blieben ohne Erfolg, der alte Ortskern brannte fast vollständig nieder. Der Junge, der das Feuer ausgelöst hat, wanderte später übrigens nach Amerika aus.

Der Brand löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus, wie Seim in seinem Bericht schreibt. Viele Bürger spendeten, damit die Familien wieder neu anfangen konnten. Den meisten war nicht genug Zeit geblieben, Hausrat und Wertgegenstände zu retten. Der Brand prägt das Gesicht des heutigen Appenrods, weil danach die Landstraße und die Maulbacher Straße im Ort verbreitert werden konnten. Vor 1885 war der Karrenweg nach Homberg vielleicht halb so breit wie heute.

An der Straße siedelten sich einige der Familien an, die vorher im Ortskern gelebt hatten. Manche pflanzten sogar Obstbäume vor das Haus. Den Familien im alten Ortskern blieb mehr Platz rund um die Gebäude. So konnten nun Wege zwischen den Häusern angelegt werden, was vorher nicht möglich war. Einige der Häuser entstanden mit gebrauchten Balken, das Fachwerkskelett alter Häuser wurde damals gerne wiederverwendet. Das klappte bei Fachwerkhäusern recht gut, und man sparte die Zimmermannsarbeiten an den Balken.

Noch eine Neuerung betrifft den Wohnkomfort: "Die Häuser wurden höher gebaut, die Räume hatten endlich ausreichende Deckenhöhen, vorher waren sie in der Regel 1,60 bis 1,70 Meter hoch", sagt Fleischhauer. In den alten Häusern hatten sich die Bewohner daran gewöhnt, oft den Kopf einzuziehen. Bis Herbst 1887 waren die Wohnhäuser wieder errichtet. Auch das Schulhaus wurde wieder gerichtet.

Trotz des Bauens an den eigenen Häusern war es den Appenrödern wichtig, wieder eine Kirche im Dorf zu haben. So sammelten sie für den Neubau und legten am 13. August 1888 den Grundstein für eine neue Kirche. Diesmal war sie in Sandstein ausgeführt, der in der Gemarkung "Im Weizenrod" nahe der Ortslage gebrochen wurde. Bis Herbst 1890 bauten die Bewohner an der stattlichen Dorfkirche, "das war eine enorme Leistung, die die Menschen vollbrachten", sagt Fleischhauer.

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