Der Landschaftsökologe Prof. Kleinebecker kritisiert, dass durch den Bau der A 49 Wald verschwindet und angrenzende Bereiche stark betroffen sind. FOTOS: JOL
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Der Landschaftsökologe Prof. Kleinebecker kritisiert, dass durch den Bau der A 49 Wald verschwindet und angrenzende Bereiche stark betroffen sind. FOTOS: JOL

Größere Lebensräume erhalten

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Im Dannenröder Wald sollen rund 27 Hektar gerodet werden, um die A 49 auf einem drei Kilometer langen und bis zu 90 Meter breiten Streifen zu bauen. Das betrifft lediglich drei Prozent des Waldstücks, argumentieren Befürworter des Baus. Es wird aber eine größere Fläche geschädigt, gibt Till Kleine-becker, Professor für Landschaftsökologie an der Universität Gießen, zu bedenken.

Im Dannenröder Wald soll laut Planungsgesellschaft DEGES für den Bau ein 30 bis 90 Meter breiter und drei Kilometer langer Streifen gerodet werden. Welche Folgen hat das für das Ökosystem in dem Bereich?

Zunächst einmal sind die Folgen für die Fläche selbst gravierend, schließlich existiert in diesem Bereich nach dem Bau kein Wald mehr, sondern stattdessen eine vierspurige Autobahn. Es ist aber mit so einer Baumaßnahme nicht nur die Fläche des eigentlichen Eingriffs betroffen, sondern durch die Arbeiten werden zwangsläufig auch die angrenzenden Bereiche geschädigt. Die dann fertige Autobahn bringt neben der Lärmbelastung, die sich sicherlich direkt auf störempfindliche Tiere auswirkt, auch Veränderungen des Kleinklimas und des Wasserhaushalts mit sich.

Gefällt werden über 150 Jahre alte Buchen und andere große Bäume - welche Folgen hat es für einen Wald, wenn ein solcher Streifen Altbäume verschwindet?

Gerade Altbäume bieten vielen Tierarten Lebensraum. Alte Bäume zeichnen sich durch eine Vielzahl von Strukturen aus: Es brechen Äste ab, es entstehen temporäre Kleinstgewässer in Astgabeln und Stammmulden, morsche Stamm- und Astbereiche dienen zum Beispiel Spechten als Nahrungshabitat und zum Höhlenbau. In diese ziehen wiederum Fledermäuse oder Siebenschläfer als Nachmieter ein. Diese Liste ließe sich noch fast beliebig fortführen. Mit zunehmendem Alter eines Bestandes steigt, zumindest bei einer ökologisch angemessenen Bewirtschaftung oder im ungenutzten Wald, auch der Anteil an Totholz. Gerade starkes Totholz hat in Waldökosystemen eine herausragende Bedeutung als Lebensraum, da je nach Standortbedingungen hochspezialisierte Organismen auf solche Strukturen angewiesen sind. So gibt es hochspezialisierte Holzkäfer oder Pilze, die auf Totholz einzelner Baumarten angewiesen sind, darauf, ob das Totholz liegt oder steht, es besonnt oder nicht besonnt ist. Aus ökologischer Sicht ist es also wichtig, alte Bäume zu schützen, zu erhalten und auch sterben zu lassen.

Der Rodungsbereich soll etwa 27 Hektar umfassen, rund drei Prozent eines 1000 Hektar großen Waldstücks. Sind gravierende Folgen zu erwarten, oder ist das eine Kleinigkeit?

Drei Prozent hört sich erst mal nicht viel an, aber man muss bedenken, dass ein geschlossener Wald in zwei Teile zerteilt wird. Ein einfaches Rechenbeispiel: Nehmen wir einen geschlossenes, quadratisches Waldstück von einem Quadratkilometer, also 1000 mal 1000 Meter. Die Summe der Kantenlängen beträgt hier 4000 Meter. Bauen wir nun eine Straße und teilen den Wald diagonal in zwei Dreiecke, beträgt die Kantenlängensumme beider Waldstücke mehr als 6800 Meter. Das heißt mit jeder Zerschneidung nehmen Randeffekte zu, die verbliebene nicht durch Randeffekte beeinflusste Fläche nimmt überproportional ab, und ein Wald ist irgendwann kein Wald mehr.

Die zunehmende Zerschneidung der Landschaft ist ein generelles Problem im Naturschutz, und wir sollten unbedingt die größeren zusammenhängenden Lebensräume, die wir noch haben, erhalten und wieder miteinander vernetzen. Gerade bei Altwäldern ist dies bedeutsam, weil so ein Ökosystem ja nicht im Handumdrehen wiederhergestellt ist oder an anderer Stelle als Ausgleichs- oder Ersatzmaßnahme gepflanzt werden kann - so etwas dauert Jahrhunderte. Und denkt man auch nur annähernd in solchen Zeiträumen: Wissen wir, ob wir in 30 oder 50 Jahren solche Verkehrsinfrastrukturen noch in dem Maße benötigen oder ob Mobilität nicht ganz anders stattfinden wird? Da kann man zwar nur spekulieren, aber meine Überzeugung ist: Nein. Natürlich sind Einwände von Bewohnern stark befahrener Ortschaften, die durch einen Autobahnbau möglicherweise entlastet werden, verständlich und berechtigt. Trotzdem sollte man sich fragen, ob man mit solch einer Maßnahme nicht in die Vergangenheit investiert.

Vorgesehen ist der Bau einer Wildbrücke mit Wasserlauf unter anderem für Molche - werden solche Brücken von Tieren angenommen?

Grundsätzlich sind solche Querungshilfen schon in der Lage, getrennte Gebiete für Tiere erreichbar zu machen. Allerdings ist Wildbrücke nicht gleich Wildbrücke. In welchem Maße so eine Brücke angenommen wird, hängt neben der generellen Standortwahl zum Beispiel von der Breite der Brücke ab, ob diese für landwirtschaftlichen Verkehr freigegeben ist oder vom Lärmpegel der zu querenden Verkehrsinfrastruktur, insbesondere zu Verkehrsspitzen. Die meisten Untersuchungen zur Effektivität von Wildbrücken wurden für größere Säugetiere gemacht und bestätigen, dass man jede Querungshilfe einzeln betrachten muss und deren Nutzen nicht per se gesichert ist, sondern von den eben genannten Faktoren abhängig ist.

Ob so eine Maßnahme auch für Molche, hier ist es insbesondere der Kammmolch, sinnvoll ist, kann ich so nicht beurteilen. Grundsätzlich muss man aber sagen, dass solche Querungshilfen sehr teure Maßnahmen darstellen, und man im Einzelfall immer eine Kosten-Nutzen-Analyse durchführen sollte. Schließlich ließen sich mit mehreren Millionen Euro auch andere, vielleicht sinnvollere Naturschutz- oder Renaturierungsprojekte umsetzen. Grundsätzlich bleibt aus meiner Sicht festzuhalten: Die beste Maßnahme zur Verhinderung zunehmender Landschaftszerschneidung und damit abnehmender Verbindungen von Lebensräumen ist der Nichtbau von als Barriere wirkender Verkehrsinfrastruktur.

Bei Maulbach wird ein 30 Meter tiefer Streifen Waldrand gerodet. Welche Folgen hat das für den übrigen Wald?

Ich kenne den konkreten Bereich nicht aus eigener Anschauung. Aber ein alter strukturreicher Waldsaum ist schon ein Wert an sich. Wenn man diese gewachsene Struktur entfernt, wirkt sich das natürlich auch auf die Waldfläche aus.

Ohne jetzt erneut mit Randeffekten zu argumentieren, kann dies auch negative forstwirtschaftliche Folgen mit sich bringen. So schützen zum Beispiel gut ausgebildete Waldränder den Baumbestand im Innern vor Wind, das heißt: Bei Sturmereignissen steigt das Risiko des Windbruchs. Und dieses Holz ist dann in aller Regel nur noch als Brennholz zu vermarkten.

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