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Gottesdienst und Lagerfeuer

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Von: Lena Karber

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An Weihnachten fühlen sich viele Senioren besonders einsam - nicht nur während der Pandemie. SYMBOLFOTO: FRANK RUPENHORST/DPA © Red

Weihnachten verbringen die meisten Leute mit ihrer Familie. Menschen, die in einem Pflegeheim leben, können das oftmals nicht - und viele fühlen sich daher gerade an Heiligabend sehr einsam. In der Seniorenresidenz »Goldborn« in Homberg haben die Mitarbeiter deshalb im Vorfeld abgefragt, wie die Bewohner Weihnachten gerne verbringen würden. Erol Karaaslan, der heute Abend für die Senioren da sein wird, gibt einen kleinen Einblick.

Weihnachten gilt als Fest der Liebe und der Familie. Für viele Menschen ist der 24. Dezember zudem mit Erinnerungen an die Kindheit verknüpft und mit Gewohnheiten, die im Laufe des Lebens zu festen Traditionen wurden. All das macht das Fest für Menschen, die in einer Pflege- oder Senioreneinrichtung leben, zu einer emotionalen Angelegenheit. »Für manche hängt Weihnachten mit schönen Erinnerungen zusammen, die sie auch als etwas Positives wahrnehmen«, sagt Erol Karaaslan vom Seniorenzentrum »Goldborn« in Homberg. »Für andere, die vielleicht auch keinen Besuch bekommen, ist es etwas Negatives.«

Zum zweiten Mal in Folge erschwert zudem Corona die Situation in den Einrichtungen. »Die aktuelle Lage bedrückt die Bewohner natürlich«, erzählt Karaaslan. Denn statt dem Wiedersehen mit der ganzen Familie, sind die Besuchsmöglichkeiten im Moment sehr begrenzt - zeitlich und auch in Bezug auf die Besucherzahl. »Die Vorgaben ändern sich tagtäglich, und wir bekommen ständig E-Mails, wie die Besuchszeiten ablaufen sollen«, sagt er.

Besonders freuen sich wohl die Bewohner, die in diesem Jahr wieder bei ihren Familien feiern können - was im letzten Jahr nicht möglich war. In Absprache mit den Betreuungskräften habe man aber auch viele Besuchstermine vereinbaren können, sagt Karaaslan. Bei gutem Wetter ist das Ganze etwas einfacher. »Dann ziehen wir unsere Bewohner warm an und bringen sie nach draußen, wo sie Zeit mit der Familie verbringen können.«

Allerdings bekommen nicht alle Bewohner Besuch. Bei 80 bis 90 der 113 Senioren schauen laut Karaaslan regelmäßig Angehörige vorbei, bei anderen leben diese zu weit entfernt - oder es gibt gar keine mehr. »Wir haben uns einen Plan gemacht«, sagt er. »Die Bewohner, die kaum oder gar keinen Besuch bekommen, werden von uns vermehrt Einzelbetreuung kriegen.«

Zudem hat die Einrichtung vor den Feiertagen mehrere Tablets besorgt, über die diejenigen, deren Angehörige zu weit weg leben, videotelefonieren können. »So bekommen sie wenigstens einen kleinen Eindruck davon, wie es zu Hause ist«, sagt Karaaslan.

Im »Goldborn« gibt es in diesen Tagen außerdem eine Reihe von Besonderheiten, die dazu beitragen sollen, den Bewohnern ein schönes Fest zu bereiten. Zum Beispiel fand jüngst ein kleiner Weihnachtsmarkt mit Besuchern statt, der laut Karaaslan im Vorfeld vom Ordnungsamt abgesegnet worden war und bei den Bewohnern sehr gut ankam. Zudem gibt es heute einen Gottesdienst, und selbstverständlich werden auch Geschenke verteilt.

Doch das sind nicht die einzigen Beschäftigungsangebote. »Wir haben in den vergangenen Tage sehr viele Gespräche mit den Bewohnern geführt, um herauszufinden, was sie sich wünschen, wie es dieses Jahr sein soll«, erzählt Karaaslan. Dabei konnten die Bewohner ihre Wünsche aufschreiben.

Leider erreicht man damit aber nicht alle Senioren. »Es gibt Bewohner, die nichts eingetragen haben und nur ihre Ruhe haben wollen«, erzählt Karaaslan. Das sei in der Regel biografisch bedingt, erklärt er voller Verständnis. »Wenn man die Vorgeschichte kennt, weiß man, warum die Leute gerne alleine sein möchten.«

Auf den übrigen Zetteln standen neben dem Wunsch nach Zeit mit der Familie häufig gemeinsame Ausflüge. Deswegen will die Einrichtung am Wochenende dem Wunsch einiger Bewohner nachkommen, eine kleine Wanderung zu unternehmen. »Mit einem offenen Lagerfeuer«, sagt Karaaslan. Nun müsse nur noch das Wetter mitspielen.

»Wir haben versucht, die Dienste über die Weihnachtstage mit sehr viel Personal zu besetzen und möchten auf jeden Wunsch eingehen«, betont Karaaslan. Dabei habe der Homberger Einrichtung in die Hände gespielt. dass sich einige Mitarbeiter, die wenig Wert darauf legen oder Weihnachten gar nicht feiern, freiwillig für die Spätdienste gemeldet hätten.

Einer der Freiwilligen ist Erol Karaaslan selbst. »Ich bin türkischer Herkunft, und wir feiern kein Weihnachten«, erklärt er. Daher hat er die Erfahrung, an Heiligabend zu arbeiten, schon öfter gemacht. »Es ist schön«, erzählt er. »Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass die Bewohner gerade an Heiligabend viel mehr Redebedarf haben und sich eine familiäre Atmosphäre wünschen.« Beim gemeinsamen Abendessen kehre diese dann häufig ein. »Wir haben viele langjährige Mitarbeiter und Bewohner, sodass wir mittlerweile eigentlich wie eine Familie sind«, sagt er. »Das merkt man im Alltag vielleicht nicht so, aber an solchen Feiertagen schon.«

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