Karl-Heinz Theiß oberhalb von Burg-Gemünden. FOTO: RS
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Karl-Heinz Theiß oberhalb von Burg-Gemünden. FOTO: RS

"Gossensprache lehne ich ab"

  • Rolf Schwickert
    vonRolf Schwickert
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Im Rücken drei Windkraftanlagen, im Tal Burg-Gemünden: Karl-Heinz Theiß findet an solchen Stellen seine Themen, die die Leser aus seinen "Guten Morgen" kennen. Mittlerweile sind über 1000 Texte erschienen. Auf der Bank am Gedenkstein des Obst- und Gartenbauvereines erzählt Theiß im Interview wie er zum Schreiben kam, was für ihn Mundart und die immer wieder mal aus dem Tal hoch schallenden Klingeltöne bedeuten.

Herr Theiß, wie lange schreiben Sie schon "Guten Morgen"?

Ich weiß es nicht ganz genau. Der erste "Guten Morgen" müsste etwa 2008 gewesen sein. Ursprünglich hatte ich die erschienenen Artikel ausgeschnitten und aufgeklebt, aber dann merkte ich, das geht auf die Dauer nicht, und dann habe ich alles eingescannt. Dabei habe ich nicht mehr das Datum berücksichtigt, sondern die Texte nur noch durchnummeriert. Deshalb weiß ich jetzt, dass ich 1000 geschrieben habe.

Wie kamen Sie auf die Idee, Beiträge zum "Guten Morgen" zu liefern?

Der Ursprung war, dass ich mich in meiner Mittagsruhe gestört fühlte. Das waren die Klingeltöne der fahrenden Geschäfte vom Bäcker, den Eisensammlern, dem Eisverkäufer, dem Fischwagen, dann kommt ein Metzger: Die machen sich mit unterschiedlichen Klingeltönen bemerkbar. Und all das innerhalb von zwei Stunden. Weil der Text dazu auch erschienen ist, habe ich Spaß dran gefunden.

Wie kommen Sie zu Ihren Themen?

Mir sind immer mal Randthemen über den Weg gelaufen, oder auch mal was aus dem Weltgeschehen. Dinge, über die ich mir ganz eigene Gedanken mache. Inzwischen habe ich ja auch einen kleinen Fanclub, und die sagen schon mal, du hast Ideen, da denkt man überhaupt nicht dran.

Nach den vielen "Guten Morgen" ist Ihr Blick sicher geschärft, sie prüfen jetzt automatisch Situationen oder Meldungen auf die Verwertbarkeit.

Ja, das auf jeden Fall. Man guckt genauer hin. Zum Beispiel da unten am Baum, da sind die Reste eines Insektennestes, und da gehen andere achtlos vorbei. Oder kürzlich der Windschutz für Frühlingspflanzen bei einem Geschäft. Die Plane bewarb mit Bildern schneebedeckter Tannen den Verkauf von Weihnachtsbäumen, und das kurz vor Ostern. Daraus habe ich dann geschlussfolgert, dass jetzt schon Gutscheine für Weihnachtsbäume verkauft werden. Das ist dann meine Fantasie, und das macht die Geschichte aus.

Haben Sie im Laufe der Zeit einen eigenen Schreibstil entwickelt?

Ich fange meistens anders an, als mit dem, um das es mir geht. Mein eigentliches Anliegen folgt dann am Schluss. Das halte ich so auch bei meinen Mundartvorträgen: Die Pointe gehört an den Schluss. Oder ich lasse am Schluss auch mal irgendwas weg und überlasse es dem Leser oder Zuhörer, sich seinen Teil zu denken.

Einer breiten Öffentlichkeit sind Sie ja durch Ihre Vorträge in und zum Thema Mundart bekannt. Wie kamen Sie dazu?

Mein Ziehvater war Lutz Dönges alias Hieronymus Cäsar. Der war zum 25. Hessentag 1985 in Alsfeld in der Jury bei einen Hobbyliteraten-Wettbewerb. Damals war ich der Einzige, der einen Text in Mundart eingereicht hatte. Damit habe ich den 3. Platz gewonnen und hinterher meinte Dönges zu mir: "Jung, mach weiter." Von da an bin ich an der Mundart hängen geblieben. Inzwischen habe ich rund 150 Reime in Mundart geschrieben.

Heute sind Sie auch treibende Kraft bei Mundart-Stammtischen, Ihr Interesse an Sprache hat sich ausgeweitet.

Ja, mittlerweile frage ich, wo einzelne Wörter her kommen, wie alt sie sind, und welche Bedeutungen sie im Laufe der Zeit hatten. Es gibt vielerlei Einflüsse, etwa aus dem Jiddischen, aus dem Französischen, der Gaunersprache und dem Manischen und heute aus dem Englischen. Der enorme Einfluss des Englischen macht mir Kummer, denn es werden auch Begriffe genutzt, die klingen nur englisch. Aber der Engländer selbst nutzt sie gar nicht. Das Wort Handy ist so ein Beispiel.

Was kritisieren Sie noch an der aktuellen Sprache?

Gossen- oder Fäkalsprache greift auch in den Medien oder bei Künstlern um sich. Das lehne ich strikt ab. Heinz Schenk hat dazu mal was Richtiges bemerkt: "Vom Scheitel bis zum Nabel sind es Witze, vom Nabel bis zur den Füßen sind es Zoten."

Sind Sie in der Schule schon durch besondere Texte aufgefallen?

Ja, in der 5. oder 6. Klasse waren meine Aufsätze einem Lehrer sehr positiv aufgefallen. Als ich die Schule 1961 verließ, hat der Lehrer gebeten, mein letztes Aufsatzheft behalten zu dürfen. Die Texte darin wollte er anderen Schülern als Muster zeigen. Das war damals eine ganz hohe Auszeichnung.

Haben Sie Ihre sprachliche Ausdrucksfähigkeit auch beruflich nutzen können?

Wenn individuelle Briefe geschrieben wurden, war ich gefragt. Abteilungsleiter rieten dann ihren Mitarbeitern: "Geh doch mal beim Theiß vorbei, der soll noch mal drüber- lesen".

Haben einige in den "Guten Morgen" aufgegriffene Themen in der Leserschaft eine besondere Resonanz hervorgerufen?

Ja, das kam auf mit dem Kürzel (tsz). Da haben mich die Leser erkannt und immer mal angesprochen, dass ein Thema gut in die Zeit gepasst habe oder ihr Erstaunen ausgedrückt, wie man denn auf solche Sachen kommen kann. Es hat sich bisher noch kein Mensch negativ geäußert. Die Leute kennen meinen Schreibstil und wissen, dass ich gerne Sachverhalte aufgreife, die viele Menschen erst gar nicht wahrnehmen. So ist es auch mit meinen Fotos. Beim Spazierengehen habe ich immer einen Fotoapparat dabei und halte beispielsweise besondere Ast- oder Rindenausformungen fest, in die man Gesichtszüge oder Tiere hinein interpretieren kann.

Und was machen Sie noch in ihrer Freizeit?

Ich habe Freude an der Sprache, ich lese auch sehr viel. Meistens lese ich etwas, das mit der Realität zu tun hat, etwa Schicksale, das Thema Organspende oder wie geht die katholische Kirche mit ihren Mitarbeitern um, die etwa den Zölibat nicht einhalten. Wenn ich die Bücher gelesen habe, stelle ich sie meist in ein Regal in der Apotheke. Dort kann sich dann jeder bedienen, und andere stellen dort auch Bücher rein.

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Im Tal klingelt es. "Das ist der Eismann, der kommt dreimal die Woche", sagt Theiß. Vor zwölf Jahren waren solche Klingeltöne Anlass für den ersten "Guten Morgen" gewesen.

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