Das regelmäßige Glockengeläut bekommt in der Corona-Krise eine neue Bedeutung. FOTO: DPA
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Das regelmäßige Glockengeläut bekommt in der Corona-Krise eine neue Bedeutung. FOTO: DPA

Glockenläuten statt Gottesdienst

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Seelsorge bedeutet Nähe. Und was ist in Zeiten, in denen Nähe untersagt ist? Darüber informiert Propst Matthias Schmidt im Interview. In der Corona-Krise haben sich die Kirchen als sehr innovativ erwiesen. Pfarrer zeichnen ihre Gottesdienste in leerer Kirche auf, machen sie online den Gläubigen zugänglich. Oder man besinnt sich auf das Glockenläuten. Denn das ruft zum gemeinsamen Gebet. Das findet dann zwar nicht an einem Ort, aber zumindest zeitgleich statt. Gemeinschaft in der Krise mit Distanz.

Gottesdienste dürfen nicht mehr gefeiert werden. Sind die Kirchen komplett geschlossen?

Matthias Schmidt:Wir öffnen zahlreiche Kirchen für das persönliche Gebet. Solche Räume für Stille, Gebet und für die Sorgen sind für viele Menschen wichtig, ganz unabhängig davon, ob sie religiös sind oder nicht. Und die Kirchen werden auch genutzt. Auf den Internetseiten der jeweiligen Kirchengemeinden oder der evangelischen Dekanate finden sich auch Hinweise auf Öffnungszeiten. Manche Gemeinden legen außerdem Briefe mit tröstenden und ermunternden Worten in Geschäften, Apotheken oder bei Ärzten aus. Selbst wenn uns jetzt gerade nach Nähe und Berührungen zumute ist, in den Kirchen gilt aber auch Abstand halten.

Wie können die Kirchen noch Menschen zuhören, sie trösten und ermutigen?

Schmidt:Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer sind erreichbar! Sie telefonieren jetzt viel mit Kranken, Alten und Menschen in Quarantäne. In Ausnahmefällen ist ein persönlicher Besuch möglich, wenn Sterbende begleitet werden. Die Mitarbeitenden der Telefonseelsorge berichten: "Die Einsamen sind in dieser Zeit noch einsamer. Und die Ängstlichen noch ängstlicher." Das zeigt sich auch an den Zahlen der Anrufe. Telefonseelsorge ist eine wichtige Form der Begleitung! Wir teilen die Sorgen durchs Zuhören. In den Gemeinden wurde, wie überall in unserer Gesellschaft, schnell solidarisch und gemeinschaftlich gehandelt, etwa bei den Einkäufen. Auch wenn wir Abstand halten müssen, rücken Menschen innerlich zusammen.

Was bedeutet das für die Krankenhausseelsorge?

Schmidt:Im Moment können wir noch bei Einhaltung aller Hygieneregeln Kranke in den Kliniken besuchen, wenn wir gerufen werden. Viele Patienten sind auch telefonisch am Krankenbett erreichbar. Wir halten aber genauso den Kontakt zu den Angehörigen, die sich gerade jetzt noch sehr viel mehr Sorgen machen.

Was ist mit Beerdigungen, mit Taufen, Hochzeiten, den bevorstehenden Konfirmationen?

Schmidt:Taufen, Hochzeiten, auch die Konfirmationen müssen verschoben werden. Das passiert oft schon durch die Familien, die ja selbst spüren, dass sie jetzt kein unbeschwertes Familienfest feiern können - und auch dürfen. Beerdigungen finden selbstverständlich statt. Und die Trauernden sind nicht allein. Wir halten uns an staatliche Vorgaben, um Menschen nicht zu gefährden. Also müssen wir die Trauergespräche mit dem nötigen Abstand und in kleiner Runde in den Pfarrämtern führen. Bei den Beerdigungen achten wir gemeinsam mit Bestattern und Friedhofsämtern darauf, dass Menschen sich nicht anstecken. Auch damit, dass wir die Personenzahl einschränken müssen. Es werden sich jetzt neue Möglichkeiten und Räume für Trauer und Abschied entwickeln.

Erlebt die Kirche durch das Ausweichen auf digitale Medien einen Modernisierungsschub?

Schmidt:Ja, es ist deutlich, wie wichtig es ist, uns über Internetseiten und in den Social-Media-Kanälen anzutreffen. Ich bin wirklich froh, dass wir damit längst begonnen haben. Einzelne Pfarrerinnen und Pfarrer, auch Gemeinden, sind vertraut mit Facebook oder Instagram. Wir registrieren, wie hilfreich und tröstlich auch diese Vernetzung ist. Und das wird miteinander geteilt! Einzelne Kolleginnen und Kollegen setzen sich jetzt einfach vor die Kamera ihres Notebooks und zeichnen einen Zuspruch auf oder feiern eine Andacht in ihrer Kirche, die sie als Video auf YouTube einstellen.

Gerade ältere Menschen erreichen Sie aber damit nur begrenzt.

Schmidt: Deshalb erinnern wir auch an das gute, alte Läuten unserer Kirchenglocken. Obwohl sie täglich erklingen, haben viele fast vergessen, dass sie zum Gebet aufrufen. Wir sind so an den Klang der Kirchenglocken zu bestimmten Zeiten gewöhnt, dass viele die ursprüngliche Bedeutung fast vergessen haben. Glocken rufen zum Gebet. Jetzt sagen wir es weiter: Denkt aneinander, wenn ihr es abends um 18 Uhr läuten hört. Stellt euch ans offene Fenster, haltet inne und betet in Gedanken miteinander. Ich bin sicher, dass das auch Menschen anrührt, die nicht religiös sind. Also: Wir sind miteinander verbunden, wenn wir auch daheim bleiben müssen.

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