Das neue Dorf am Südhang des Bernhard. FOTOS: PM
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Das neue Dorf am Südhang des Bernhard. FOTOS: PM

Gerichtsort und Verkehrsknotenpunkt

  • Rolf Schwickert
    vonRolf Schwickert
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Wie entstanden Burg- und Nieder-Gemünden? Dazu findet man Hinweise in einer Sage. Gesichert ist hingegen, dass in Nieder-Gemünden einst ein Gericht war, und auf dem heute noch bekannten Galgenberg ein Gerüst für die Missetäter stand. Im Vorfeld der 1250-Jahr-Feier befasst sich Bernd Reitz heute mit der Zeit zwischen der Ersterwähnung und 1945.

Im ersten Teil der Serie anlässlich des 1250-jährigen Bestehens von Nieder-Gemünden wurde auf die Zeit bis zur ersten urkundlichen Erwähnung eingegangen. In dem nun folgenden Abschnitt wird der Versuch unternommen, die Geschichte Nieder-Gemündens von dieser Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges darzustellen.

Von größerer Bedeutung für die Bezeichnung Gemunden und damit für Nieder-Gemünden sind zwei Urkunden. Diese sind bei Dronke Tradition unter der Nummer 81 und 82 aufgeführt. Dort überträgt ein Giselbrecht dem heiligen Bonifatius "in dem Dorfe Gemunden eine Rodung, die der Fluss Feltcruccha durchfließt". Der Fluss "Feltcruccha" entspringt bei der heute noch so genannten Wüstung Feldkrücken (südöstlich von Elpenrod). Da es sich bei dem erwähnten Fluss keinesfalls um die Felda handeln kann, wird die "Feltcruccha" zum Beleg für das heutige Nieder-Gemünden und gibt die ersten Anhaltspunkte für die Existenz des Dorfes. Heute ist das Gewässer als das Örtenröder Wässerchen bekannt. Auch der Ort Örtenrod ist ebenso wie Feldkrücken eine erloschene Siedlung.

Um Klarheiten in Bezug auf geschichtliche Gegebenheiten aufzuzeigen, ist auf eine weitere Urkunde aus dem Jahre 1372 hinzuweisen: Kaiser Karl erteilte dem Grafen Gottfried von Ziegenhain das Privileg, dass "im Dorfe Gemunden zukünftig ein Markt seyn soll und dass er dasselbe vesten möge mit Mauern und Thornen, auch daselbst einen gewöhnlichen Wochenmarkt anlegen, dazu ein Straßengericht, Stock und Galgen nach Gewohnheit des Reichs haben möge".

Damit ist auch auf das Gericht Gemünden zu verweisen, es bildete einen Gerichtsbezirk, der sich auf der Grundlage der fuldischen Vogtei herausgebildet hatte; er bestand im Jahr 1311 aus 15 Dörfern.

An dieser Stelle ist zu bemerken, dass sich in Nieder-Gemünden auch eine mittelalterliche Zollstelle befand, welche zuvor Burg-Gemünden (1390) besessen hatte.

Auf dem Galgenberg, rechts der Straße nach Elpenrod, stand das Hochgerüst in Nieder-Gemünden. Die Urteile dazu wurden im Rathaus gesprochen, das "Urteilsstübchen" des Rathauses ist auch heute noch älteren Nieder-Gemündenern vom Namen her bekannt. Der Flurname "Scheuergerüst" gibt auch im Jahr 2020 dazu Zeugnis.

Wenn man in der Folge großzügig durch die Jahrhunderte geht, so ist auch auf den Festredner anlässlich der 1200-Jahr-Feier 1970 zu verweisen. Prof. Fred Schwind von der Universität Marburg kam dabei zu dem Schluss: "Es ist von spärlichen Nachrichten aus der Geschichte Nieder-Gemündens auszugehen." Vorhanden sind einige historische Belege von Karl Erb. Er war es, der seit den 1950er Jahren die Heimatforschung in vielfältigen Studien intensiv betrieb. Karl Erb hat die Geschichte vom "Alten Dorf zu Nieder-Gemünden" bewahrt, wonach es, begründet auf alte Flurnamen, die Sage gibt, dass die erste Siedlung Nieder-Gemündens am Zusammenfluss von Ohm und Felda war. Die andauernden Überschwemmungen an dieser Stelle seien den Bewohnern lästig geworden, und der Dorfrat habe beschlossen, eine Umsiedlung vorzunehmen. Über den Ort der Umsiedlung sei es zu Differenzen gekommen, aufgrund derer ein Teil der Bewohner ohmaufwärts zog und um den Felskegel an der Ohmfurt das Dorf Burg-Gemünden gegründet habe. Der Rest der Ortsbürger lenkte seine Schritte feldaaufwärts und baute seine Hütten, da wo jetzt Nieder-Gemünden auf der Karte und in natura zu finden ist. Soweit die Sage.

Beim Sichten weiterer Unterlagen ist jedoch erkennbar, es muss tatsächlich eine erste Siedlung gegeben haben, eben ein "Altes Dorf". Darauf weisen heute noch die gebräuchlichen Flurnamen "Gärten im alten Dorf" an der Straße nach Rülfenrod hin. Flurnamen östlich der Straße nach Elpenrod deuten ebenso darauf hin, man kennt die "Alte Mühle". In Vergessenheit geraten sind in diesem Bereich die alten Flurnamen "Vorm Korlen an der Gmein", "Bey den Galgen an der Gemein" oder "Am Weitenborn an der Gemein".

Die Gründe für die Umsiedlung der Bewohner auf den heutigen Kirchenhügel (Rathausplatz) dürften verschiedener Art gewesen sein, als wichtigster lässt sich angeben, dass die "Altenburg" (eine Bergkuppe in der Gegend des alten Dorfes), die nicht nur Fliehburg in Kriegs- und Notzeiten, sondern auch ein Ort altgermanischer Götterverehrung war, durch das Christentum ihres Kultwertes beraubt wurde.

Seit alters her war das Dorf ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, als Nord-Süd-Verbindung führte die sogenannte Kurze-Hessen durch Nieder-Gemünden: Heute noch heißt der über den Bernhard führende Weg "Die Straß", sie führt zur Abspann, die quer zur Straße laufende Verbindung ist der "Pilgerpfad".

Die frühere Nord-Südverbindung ist durch die Autobahn abgelöst worden, beim Bau der Autobahn wurden in der Gemarkung "Hirschbach" Hufeisen gefunden, die diese Aussage stützen.

Auch die Kriegszeiten sind nicht spurlos an Nieder-Gemünden vorübergegangen, und je weiter das Geschichtsbuch zurückgeblättert wird, umso spärlicher fließen die Informationen. Vom Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 geben zugängliche Kastenrechnungen Zeugnis; Zerstörungen wurden auf "Gemeinkosten" wiederhergestellt. Die ersten beiden schlesischen Kriege gingen unbemerkt an Nieder-Gemünden vorüber, mit dem 3. Schlesischen Krieg (7-jähriger Krieg) war auch Nieder-Gemünden ab 1756 ein "Tummelplatz ausländischer Heere".

Kaum hatte sich das Dorf erholt, "brannte die Fackel des Krieges", entfacht durch den Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789, erneut. Infolge dessen und der neu erworbenen Freiheiten von "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" aus der französischen Revolution kommt der neu am 16. August 1789 antretende Pfarrer Georg Münch ins Hadern. 1804 führt Münch Beschwerde über die "Verachtung der öffentlichen Gottesverehrung".

"Die nichtswürdigen Burschen sollten bei Beharren auf ihren schrecklichen Irrwegen in den öffentlichen Bier- und Brandweinhäusern und ihrer Ergötzlichkeit der übrigen Freß- und Saufgesellen zum Zuchthaus nach Gießen gebracht werden", heißt es in der Dorfchronik.

Die Wirren des Ersten Weltkrieges werden an dieser Stelle nicht näher beleuchtet, das Heimatbuch der Gemeinde Gemünden sei dem Leser dazu sehr empfohlen, welches ist in der Gemeindeverwaltung erhältlich ist.

Aus dem Zweiten Weltkrieg ist in der Chronik Nieder-Gemündens der Luftangriff auf den Ehringshäuser Bahnhof am Palmsonntag (25. März 1945) überliefert und die damit verbundene "Zersplitterung der Kirchenfenster zu Nieder-Gemünden".

Insgesamt ist der schreckliche Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges in Nieder-Gemünden um die Osterzeit. Die Chronik berichtet von Beschüssen durch US-amerikanische Tiefflieger am Gründonnerstag (29. März 1945). Am 15. April erfolgt die erste Einquartierung einer US-amerikanischen Instandsetzungskompanie, noch in der folgenden Nacht kam die zweite Einquartierung. Ende Juni wurde nahezu das gesamte Bahnhofsviertel durch den Stab eines Artillerieregimentes belegt. Dazu wurden ganze Privathäuser geräumt.

Es wird in diesem Zusammenhang empfohlen, das Archiv der Gemeinde zu nutzen. Es werden in Form eines Tagesbuches Erlebnisse von Bürgern geschildert.

Zur Erinnerung an die 47 Gefallenen und 24 Vermissten der beiden Weltkriege wurde in Nieder-Gemünden in einer "erhebenden Feierstunde" das Ehrenmal am 21. Oktober 1956 unter Mitwirkung des Posaunenchors Lich mit dem Lied "Ich bete an die Macht der Liebe" eingeweiht.

Im in den nächsten Wochen folgenden dritten Teil wird sich der Nachkriegsentwicklung und wirtschaftlichen Entwicklung von Nieder-Gemünden zugewandt.

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