Junge wollen am liebsten im Dorf bleiben

Gemünden-Nieder-Gemünden (ek). Kürzlich wurde die Studie "Die Zukunft der Dörfer" des Berlin-Instituts mit der Stiftung Schloss Ettersberg vorgestellt (die AZ berichtete ausführlich), die unter anderem den Vogelsberg beleuchtet.

Eine ergänzende Studie im Rahmen des Projektes "Vielfalt tut gut" bezog sich auf Gemünden mit seinen sieben Ortsteilen, wie die Sachgebietsleiterin des Kreisjugendamtes Silvia Lukas am Montag im Feuerwehrgerätehaus ausführte. Dort wurden die Ergebnisse der Dorfanalayse für Gemünden vorgestellt. Studierende der Fachschule für Sozialpädagogik aus Lauterbach gaben Erläuterungen. Zuvor hatte Bürgermeister Lothar Bott rund 50 Bürger aus allen Ortsteilen begrüßt. Unter den Besuchern waren auch zahlreiche Kommunalpolitiker, die sich Erkenntnisse für die weitere politische Arbeit erhofften. Zu Beginn stellten die Referenten ihre Eindrücke und Einschätzungen zu den Ortsteilen vor, wobei diese sich nicht zwangsläufig mit den Empfindungen der dort wohnenden Bürger decken.

So wirke Burg-Gemünden sehr beengend und unübersichtlich. An den Häusern sehe man viele Wandgemälde, die Vorgärten seien sehr gepflegt, die Menschen wirkten auf die Interviewer eher verschlossen. Bezogen auf Ehringshausen war zu hören, dass viele Fachwerkhäuser einen gepflegten Eindruck machen. Es gebe viele Neubauten. Die Vorgärten seien sehr einladend und gepflegt. Das Dorf wirke freundlich und farbenfroh. Die Studenten stellten fest, dass die Personen am Anfang leicht irritiert vom Anliegen waren, sich danach jedoch geöffnet hätten "und mit Elan die Fragen beantworteten".

Ähnliche Feststellungen gab es bezogen auf Elpenrod, wobei die Referenten festhielten: "Das erste Haus erweckt das Gefühl von Leblosigkeit". Gleichwohl lobten sie viel Grün und farbenfrohe Gestaltung und eine positive Infrastruktur. Bezogen auf Hainbach sprach man von einem klassischen Dorf (in der Mitte die Kirche, drumherum Häuser, in der Nähe die Bushaltestelle). Es klangen auch Klischeevorstellungen durch, die Bewohner städtischer Regionen gegenüber dem ländlichen Bereich immer mal verlauten lassen. So die vom "Kuhdung auf der Straße, viele frei laufende Tiere, fast jedes Haus ist ein alter Bauernhof, wenig Straßenverkehr, Altersdurchschnitt sehr hoch".

Positive Eindrücke gab es von Nieder-Gemünden, sicher auch ein Verdienst der erst kürzlich abgeschlossenen Infrastrukturmaßnahmen im alten Ortsteil. Erinnert sei an Wasser-, Kanal- und Straßenbau einschließlich der Erneuerung der Ortsdurchfahrt und Rathaussanierung.

Zum Schmunzeln eine Momentaufnahme von Otterbach, wo die Referenten kaum Autoverkehr feststellten und ergänzten: "Zwischen einem Traktor und einem Bus, aus dem nur ein Kind ausgestiegen ist, lagen 7 min. 31 sek. Wartezeit, der Traktor kam nach 22 min und 14 sek. zurück". Vogelgezwitscher hörte man "und auf 500 Meter Entfernung Zettel rascheln, die aus einem Briefkasten genommen werden".

Auch nur eine Momentaufnahme ergab sich in Bezug auf Rülfenrod, wo die Interviewer zum Eindruck kamen, dass die Menschen eher wenig Lust hatten, weiter zu helfen, sie seien zurückhaltend und hätten wohl wenig Zeit. Sie würden alle in ihren Häusern sitzen – Stimmen habe man durch die geöffneten Fenster gehört.

Im Rahmen dieser Analyse wurden Kommunalvertreter befragt, aber auch Vertreter von Vereinen, Jugendinitiativen, Burschenschaften, ebenso wie Kinder/Jugendliche (bis 25 Jahre), Erwachsene (26-64 Jahre) und Senior/innen (ab 65 Jahre). Mit der Einteilung in Altersklassen konnten Schwächen und Stärken eher erkannt werden.

Danach möchte die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen im Dorf bleiben oder später wiederkommen. Einige machen Bleiben oder Gehen von Jobaussichten abhängig, wenige sagen aber: "Auf keinen Fall bleiben". Die Mehrheit der Erwachsenen möchte ebenfalls bleiben, denn viele sind im Dorf aufgewachsen und fühlen sich damit verbunden, einige sind wegen Heirat oder Ruhebedürfnis zugezogen. Nur wenige möchten wegziehen oder würden lieber woanders wohnen wollen.

Die absolute Mehrheit der Senioren möchte im Dorf bleiben, viele sind dort aufgewachsen und fühlen sich mit ihrem Dorf verbunden. Nur einer würde gerne wegziehen, wenn er die Möglichkeit hätte. Was auffällt, ist die offenbar fehlende Integrationsfähigkeit zugezogener Bürger und damit einhergehend eine als fehlend empfundene Nachbarschaftshilfe und -unterstützung.

Immer wieder angeführt wurde auch das fehlende Freizeitangebot, aber auch schlechte Spielplätze und nicht angebotene Ausbildungsplätze, was die Jugend zum Verlassen der Orte zwinge. Daraus folgt fast zwingend die Feststellung, dass sich die Jugend bei der Dorferneuerung mehr einbringen müsse. Schließlich wurde auch immer wieder die mangelhafte Anbindung verschiedener Orte an die öffentlichen Verkehrsmittel angeführt, ebenso die fehlenden Einkaufs- und Versorgungsmöglichkeiten.

Es gibt aber auch hoffnungsvolle Einschätzungen in Bezug auf die Stärken, wobei dort Vereinsaktivitäten, Jugendgruppen, der Zusammenhalt der Jugend und die gewachsenen Dorfgemeinschaften angeführt werden. Engagement bei Initiativen, bei Eigenleistungen und Förderung des Miteinanders wurden immer wieder genannt. Darüber hinaus das Verhältnis zwischen Jung und Alt und vor allem die schöne Landschaft, die Natur und die saubere Luft.

Die Analyse sieht erfreulich viele Chancen, mit deren Aufgreifen ein weiterer Rückgang der Bevölkerung zumindest gestoppt werden könnte. Es gibt viele Ideen und Wünsche, wobei die Schaffung von Einkaufsmöglichkeiten eine Option ist, bei der es die Bevölkerung selbst in der Hand hat, ob sie erfolgreich ist. In der jüngsten Vergangenheit gab es hier privates Engagement, aber wenn die Bürger "ihre" Läden vor Ort nicht unterstützen, können diese nicht überleben. Nur jammern und sich über fehlende Einkaufsmöglichkeiten beschweren ist nicht ausreichend – es bedarf eines gewissen Umdenkens bei eingespielten Handlungsweisen. Dieses Umdenken ist in allen Altersklassen notwendig, entsprechende Initiativen erfordern aber auch politische Unterstützung, die noch nicht überall zu finden ist.

Gleichwohl sind nicht alle Chancen und Wünsche realisierbar, aber die Bürger werden es wohl vielfach selbst in der Hand haben, alte Strukturen zu verändern und gemeinsam mit den politisch Verantwortlichen das Leben in den Dörfern attraktiv und lebenswert für zukünftige Generationen zu gestalten. Bereits zu Beginn war darauf hingewiesen worden, dass alle Ergebnisse nicht repräsentativ sein können und lediglich eine Momentaufnahme darstellen. Die Befragungen fand im August 2011 statt.

Positiv wertete Silvia Lukas den auffällig hohen Prozentsatz von Jugendlichen, die gerne in den Dörfern bleiben wollen. Dies sei gegenüber anderen Umfragen und Erhebungen im Vogelsbergkreis deutlich besser und biete Chancen. Lobend hob sie gegenüber anderen Kommunen das Vorhandensein von zahlreichen Räumlichkeiten für die Dorfjugend hervor – dies sei beispielhaft und Spitze im Kreisgebiet.

Bürgermeister Bott machte deutlich, dass die Umfrage klar gemacht hat, dass es Defizite in der Wahrnehmung der Bevölkerung gebe. So habe man in allen Ortsteilen Dorfgemeinschaftshäuser, in fünf von sieben Ortsteilen eigene Jugendräume und Spielplätze. Darüber hinaus sei die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr in allen Ortsteilen vorhanden, gleichwohl sprachen viele Interviewte immer nur von Schulbussen. Diese Busse seien aber Teil des ÖPNV und für jedermann zu nutzen.

Es gebe wohl noch viel Öffentlichkeitsarbeit zu leisten, um bereits vorhandene Verbesserungen hervorzuheben und bekannt zu machen. Beispielhaft nannte er die seit Dezember geänderte Taktung auf der Vogelsbergbahn, wo jetzt sowohl Ehringshausen wie auch Burg- und Nieder-Gemünden jeweils tagsüber im Stundentakt bedient werden, was eine erhebliche Verbesserung für Gemünden bedeute.

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