Ein Beispiel für traditionelle Hofreiten ist der Hof Schwing in Burg-Gemünden. Alle Gebäude sind noch erhalten, das Wohnhaus links zeigt die Kunstfertigkeit der damaligen Zimmerleute. FOTO: PM
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Ein Beispiel für traditionelle Hofreiten ist der Hof Schwing in Burg-Gemünden. Alle Gebäude sind noch erhalten, das Wohnhaus links zeigt die Kunstfertigkeit der damaligen Zimmerleute. FOTO: PM

Fachwerk vom Feinsten

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Gemünden-Burg-Gemünden(pm). Oft stirbt im Dorf ein Hof, dann das Dorf. Doch viele Menschen auf dem Land trotzen mutig dem Verfall, wie etliche Beispiele zeigen. Landwirtschaft, die früher das Bild prägte, ist dagegen längst kein so großes Thema mehr. Was die vielen alten Häuser angeht, so zeigt sich oft dieses Vorgehen: Nach und nach wird von Grund auf restauriert, renoviert oder ein bisschen aufgehübscht. So bleiben die Bewohner ihrem Familienbesitz treu, Kinder und Enkel vorausgesetzt. Denn die alten Hofanlagen prägen das Gesicht eines Dorfes. Ihr Fachwerk erzählt von der Kunst und dem Ideenreichtum der früheren Zimmerleute.

Großstädter bewundern bei Besuchen auf dem Land solche Fassaden. "Wilder Mann", Ochsenblut, oder das Miteinander von Stütze und Strebe werden dann aufmerksam und eingehend betrachtet. "Wilder Mann" ist eine Holzkonstruktion, die an ein Strichmännchen mit erhobenen Händen erinnert. Alte Höfe sind in der Regel viel zu schön und viel zu interessant, um achtlos daran vorbeizugehen. Es gibt viel zu entdecken und sie verdienen Wertschätzung.

Überall im Vogelsberg sind sie zu entdecken. Beispiel Burg-Gemünden. Wo die Hohe Straße auf die Landesstraße Nieder-Gemünden - Bernsfeld trifft, erstreckt sich die ausgedehnte Hofanlage Schwing. Auf dem 4000 Quadratmetern großen Areal im Besitz der Familie Schwing sind im frühen 18. Jahrhundert ein Wohnhaus, Scheunen und Stallungen entstanden.

Traditionsfarben wie Ochsenblut

Der ursprüngliche Boden aus unbehauenen, regellos gelegten Pflastersteinen ist heute noch erhalten. An einigen Stellen entdeckt man ein paar würfelförmige Buckelquader. Der mächtige Ahorn vor dem Haus ist längst verschwunden, ebenso der Misthaufen, auf dem jetzt bunte Blumen und Kartoffeln gedeihen. Das Wohnhaus stellt sich zu Recht als Schmuckstück dar, es zeigt Fachwerk vom Feinsten. 2013 wurde es in Eigenregie renoviert. Die linke Seite und die Rückseite sind verschindelt worden, das Giebeldreieck erhielt eine Schieferabdeckung. Die Hölzer sind traditionsgemäß in den Farben Taubenblau und Ochsenblut gehalten, die Gefache wurden weiß verputzt. Das Haus ist in Geschossbauweise errichtet. Vorgefertigte Geschosse wurden übereinandergesetzt.

Auf dem mit behauenen Steinen gemauerten Sockel, die obere Reihe zurückgesetzt, liegen die sogenannten Schwellbalken auf. Darauf stehen die vier Eckständer, auf denen wiederum eine Schwelle (Rähm) mit den vier Eckständern für das Obergeschoss liegt. Über dem zweigeschossigen Bau befindet sich das Satteldach, das Obergeschoss ist leicht vorkragend. Die gesamte Konstruktion besteht aus Eichenholz. Der "Wilde Mann" über dem Eingang ist nicht zu übersehen. Zu seinen Füßen wie auch auf der Giebelseite fallen die geschweiften (leicht wellenförmig gebogenen) Hölzer auf, die dem gedrungenen Bau etwas Leichtigkeit verleihen. Besonders heraus gearbeitet haben die Zimmerleute die blaugestrichenen Füllhölzer. Ihre Enden wurden abgerundet. Zudem hat man die Schwellbalken mit Hohlkehlen (Rillen) versehen. An der Längsseite führt ein breiter Treppenaufgang ins Innere. Die Stufen sind erneuert. Am Türrahmen gibt es zwei Halbsäulen mit quaderförmigen Kapitellen. Die alte Türe ist leider nicht erhalten. War dieser Eingang einst ein repräsentatives Portal? Der weitläufige Hof ist von landwirtschaftlichen Gebäuden umgeben. In dem langgestreckten Gebäude rechts befanden sich der Pferdestall und der Schweinestall. Unter dem Dach befindet sich ein durchgehender Raum als Lager für Holz und Stroh. Das letzte Drittel ist vermutlich der älteste Teil, erkennbar am Zustand der Balken und am Mauerwerk. Geradeaus blickt man auf Scheunen und Kuhstall, einst belebt mit Pferden, Kühen, Heu und Stroh, später standen dort die Traktoren.

Dill und Lauch im Bauerngarten

Im Jahr 1990 wurde die Landwirtschaft aufgegeben. Der letzte Teil links ist ein Neubau aus dem Jahr 1968. Rechts davor befindet sich das unter Denkmalschutz stehende Backhaus des Dorfes. Zum Schluss muss noch der Bauerngarten erwähnt werden. Unvergleichlich ist dort der Duft von Dill und Petersilie, Kohl und Lauch, daneben finden sich Sonnenhut, Tränendes Herz, Löwenmäulchen.

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