Polizisten versuchen, die Aktivistin im Dannenröder Wald zum Herunterklettern vom Tripod zu bewegen. FOTO: JOL
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Polizisten versuchen, die Aktivistin im Dannenröder Wald zum Herunterklettern vom Tripod zu bewegen. FOTO: JOL

Gefährliche Räumungsaktion

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Praktisch täglich erwarten die Waldbesetzer, die sich im Dannenröder Forst gegen den Ausbau der Autobahn 49 stemmen, dass die Räumung beginnt. Es könnte zu einer großen Konfrontation mit den Behörden kommen. Einen Vorgeschmack darauf gab es gestern.

Es war wie eine Generalprobe für die befürchtete Räumung zum Autobahnbau: Als die Polizei am Mittwoch Barrikaden auf Waldwegen räumte, um sie befahrbar zu machen, besetzte eine Waldaktivistin ein hohes dreibeiniges Gestell und blockierte damit den weiteren Vormarsch des uniformierten Räumungstrupps. Dabei bestand über Stunden hinweg die Gefahr, dass der gut acht Meter hohe Tripod umstürzt und die Frau schwer verletzt wird.

Umweltaktivisten halten seit einem Jahr das Waldstück besetzt, um den Weiterbau der A 49 durch zwei Waldstücke zu verhindern. Inzwischen sind fünf Baumdörfchen entstanden, am Waldrand haben Unterstützer ihre Zelte aufgeschlagen. Der Protest hat sich vergrößert. Seit Kurzem sind auch im Herrenwald bei Stadtallendorf Baumhäuser errichtet worden.

Bei der Räumungsaktion an einer Wegekreuzung, etwa 20 Minuten Fußmarsch von der Mahnwache bei Dannenrod entfernt, zeigte sich die Breite der Widerstandsbewegung. An der Polizeiabsperrung mit Flatterband standen Waldbesetzer mit tief ins Gesicht gezogenen Tüchern und diskutierten mit einigen der Beamten über den Schutz von Natur und zivilen Widerstand. Dazukamen Unterstützer aus der Region wie Barbara Schlemmer (Aktionsbündnis Keine A49!) und Karl-Heinz Zobich (NABU). Einige der Demonstranten gehörten dem überregionalen Unterstützerkreis an, wie Vertreter des Bündnisses "Aktion Schlagloch".

Die Polizeiaktion sorgte für einen großen Medienauftrieb. Über ein Dutzend Journalisten hatten den Fußmarsch durch den Mischwald absolviert. Vor Ort sorgte die Polizei nach einem turbulenten Auftakt für eine relativ entspannte Stimmung. So hielten Kommunikatoren Kontakt zu den Sprechern der Waldbesetzer, ein Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen erläuterte das Vorgehen der Beamten.

Gegen 8 Uhr morgens hatte die Polizeiaktion begonnen. Mit einigen Dutzend Beamten wurden zunächst Barrikaden entfernt. Ziel war, die großen Waldwege frei zu bekommen. Sie werden als Rettungswege und für Forstarbeiten benutzt. Auch sollte die Zufahrt zu einem Trinkwasserbrunnen ermöglicht werden. Eine Räumung der Hüttendörfer sei nicht beabsichtigt, hatte die Polizei gleich zu Beginn klargestellt.

Im Laufe des Tages gab es zwei Festnahmen. Zwei Aktivisten hätten versucht, an ein Kranfahrzeug zu gelangen, sagte ein Polizeisprecher. Einer habe bereits im Korb des Fahrzeugs gesessen. Eine Sprecherin der Waldbesetzer kritisierte, bei einer Festnahme habe es Gewalt gegen den Aktivisten gegeben.

Ein längeres Hin und Her gab es um den Tripod. Die Polizei berichtete, dass sie die drei Stämme aus der Verankerung im Boden gelöst habe, um das Gerüst mit gut acht Meter langen Stangen niederzulegen. Eine Aktivistin habe sich daraufhin auf das bereits instabile Gestell abgeseilt und auf eine kleine Plattform aus Holz gesetzt. Dort harrte sie über Stunden aus. Es war eine äußerst gefährliche Aktion, weil das vorher stabile Gerüst durch das Wegziehen der Beine instabil geworden war. Gehalten wurden die drei Stangen nur noch durch ein Kletterseil, das an einem hohen Baum befestigt war. "Ihr gefährdet mein Leben", rief die Aktivistin den Beamten zu.

"Bei der Räumung des Tripods haben die Einsatzkräfte massiv fahrlässig die Balken bewegt und auseinandergezogen, obwohl er noch besetzt ist", kritisierte Jana Pfälzer von den Waldbesetzern. "Um angeblich Rettungswege frei zu räumen, werden Menschenleben gefährdet."

Die Feuerwehr brachte schließlich ein Sprungkissen, das unter das Gerüst gelegt wurde. Doch bei einem möglichen Kippen des Gerüstes hätte das Sprungkissen der Aktivistin wenig geholfen. Ironischerweise nahm der Polizeisprecher die von den Beamten herbeigeführte Instabilität des Gerüsts als Begründung dafür, warum die Aktivistin aus luftiger Höhe entfernt werden müsse. Sie sagte zwar zu, herunterzukommen, wenn die Polizei abgerückt sei, doch darauf ging die Einsatzleitung nicht ein.

Später teilte die Polizei mit, dass gezielt Krähenfüße auf den Wegen verteilt worden waren, um Fahrzeugreifen zu beschädigen. Insgesamt seien 18 Krähenfüße sichergestellt worden. Zudem sei ein Polizeifahrzeug mit einem Farbbeutel beworfen worden. Ein Beamter wurde bei einer der Festnahmen leicht verletzt.

Die beiden Festgenommenen haben nun Anzeigen zu erwarten, erklärte die Polizei. Dabei geht es um den Vorwurf der Nötigung. Insgesamt wurden bei drei Personen die Personalien festgestellt und 18 Platzverweise wegen Behinderungen der Maßnahmen ausgesprochen.

Dennoch war die Gemengelage am Vormittag weitgehend entspannt. Als die Waldbesetzer an der Polizeiabsperrung mit Essen versorgt wurden, bekam auch die Aktivistin in luftiger Höhe einen Teller Müsli. Der Einsatzleiter gestattete einem der Waldbesetzer, einen Eimer mit einem Teller an ein Seil zu binden, damit die Frau auf dem Tripod bei Kräften blieb.

Deutliche Kritik äußerte Barbara Schlemmer. Es sei abenteuerlich, wenn die Polizei so vorgehe, dass Menschenleben gefährdet würden. Sie kündigte eine rechtliche Prüfung an.

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