Gabelstapler quetscht Finger ab

  • Rolf Schwickert
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Homberg/Gießen (rs). Das Fahren von 40-Tonnern verlangt mitunter auch Fingerspitzengefühl, und wenn das gleich mehrere Finger nicht leisten können, bedeutet das das Aus für den Kapitän der Landstraße. So ist es einem polnischen Trucker ergangen, der beim Entladen seines Lasters bei einer Homberger Firma im März vor zwei Jahren einen Finger verlor, zwei weitere wurden so in Mitleidenschaft gezogen, dass sie beim Lenken eher stören. Zwar hat der Geschädigte inzwischen einen anderen Job gefunden, aber er hat auf Schmerzensgeld geklagt, weil er die Schuld an dem Unfall bei einem Mitarbeiter der Homberger Firma sieht. Diese sieht indes die Schuld beim Trucker, und so traf man sich kürzlich vor dem Landgericht Gießen.

Der Lastwagenfahrer hatte nach Angaben seiner Anwältin schon rund ein halbes Dutzend Mal vor dem Unfall der Homberger Firma große gereinigte Behältnisse geliefert, die mit einem Gabelstapler vom Lastwagen geladen werden mussten. Dies war immer auf einem Parkplatzgelände geschehen, weil der Lastwagen des Polen niedriger als die Firmenrampe war. Dieser Umstand sei bereits beim Beladen des Lkw berücksichtigt worden, um dann in Homberg nur noch die Seitenverkleidung abzunehmen und zügig entladen zu können. Am Tag des Unfalles habe aber der zum Entladen eingeteilte Arbeiter der Homberger Firma darauf bestanden, die Behälter über die Rampe herunter zu holen, weil es schon früher Abend gewesen sei. Dazu hätten wegen des Höhenunterschiedes Gurte eingesetzt werden müssen. Dabei passierte es dann: Der Stapler straffte die Gurte, als der Pole noch damit hantierte. Dabei wurde der Mittelfinger so gequetscht, dass er amputiert werden musste. Zum Aufbau eines zweiten stark verletzten Fingers wurde Gewebe aus einem dritten Finger entnommen, sodass der zweite gerettet werden konnte, der dritte aber auch in Mitleidenschaft gezogen war. Während die Homberger Firma davon ausgeht, dass der Geschädigte fälschlicherweise dem Gabelstaplerfahrer bedeutet habe, er könne anheben, sehen das der Pole und seine Anwältin anders. Ihr Mandant habe kein Kommando zum Anheben gegeben, so die Anwältin gegenüber der AAZ. Wie genau die Rechtsvertretung der Homberger Firma den Sachverhalt einschätzt, blieb am Gerichtstermin offen, denn zehn Minuten vor Sitzungsbeginn wurde der Richter fernmündlich von der Hannoveraner Kanzlei informiert, der Termin sei dort vergessen worden. Der Gabelstaplerfahrer und sein Vorgesetzter waren zwar anwesend, ließen sich in der Sache aber nicht ein. Gleichwohl kam etwas Bewegung in die rechtliche Auseinandersetzung, denn der Richter ließ durchblicken, dass er zu der Höhe der Schmerzensgeldforderung von bis zu 7000 Euro Bedenken habe. In ver- gleichbaren Fällen seien zwischen 4500 und 5000 Euro zugesprochen worden. Der Richter regte an, die Schmerzensgeldforderung entsprechend abzusenken und auf dieser Basis eine gütliche außergerichtliche Einigung anzustreben. Die Rechtsanwältin senkte namens ihres Mandanten die Forderung entsprechend. Der war nämlich bei der Verhandlung nicht anwesend, deswegen extra aus London anzureisen, wo er inzwischen arbeitet, ordnete seine Rechtsvertreterin als zu aufwendig ein. Wegen des Nichterscheinens der Hannoveraner Kanzlei war sie schon ärgerlich genug, schließlich war sie 200 Kilometer gefahren, ohne sich mit der Gegenseite austauschen zu können.

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