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Fragwürdige Kreise im Schnee

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Von: Oliver Potengowski

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Zahlreiche kreisförmige Reifenspuren um Bäume und Parkautomaten verraten das nächtliche Treiben der Drifterszene auf dem Hoherodskopf. Dort treffen sich Autofahrer mit teilweise hochmotorisierten Fahrzeugen zu gefährlichen Aktionen. Dazu werden Loipen und anderes zerstört. © Oliver Potengowski

Kaum ist nach warmen Wochen der erste Schnee gefallen, ziehen die Drifter am Hoherodskopf ihre Kreise. Bereits am vergangenen Montag zählte die Polizei auf den Parkplätzen rund 40 Fahrzeuge. In der Nacht zum Freitag lag die Zahl im niedrigen zweistelligen Bereich. Dabei kam es auch zu Ordnungswidrigkeiten und Straftaten.

Zu einem Szenetreff der Drifterszene hatten sich im vergangenen Winter die Parkplätze am Hoherodskopf entwickelt. Dutzende Autofahrer ließen auf den schneeglatten Flächen unter dem Beifall eines zeitweise an die Hunderte zählenden Publikums ihre Autos bei Kurvenfahrt gezielt ausbrechen.

Kontrollen und Anzeigen

Mit mehr oder minder geschickter Bedienung von Lenkung und Gaspedal gilt es, sein Auto kontrolliert zwischen Bäumen, Parkautomaten, Steinen und Zuschauern durchrutschen zu lassen. »Das ist definitiv gefährlich«, bewertet Sandra Hanke, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Osthessen das spezielle winterliche Treiben.

Die Stadt reagierte darauf mit der Sperrung der Parkplätze in den Nachtstunden. Die Polizei mit Kontrollen, Anzeigen und Verwarnungsgeldern. Sofern die Drifter nicht - durch Beobachter vorgewarnt - vor Eintreffen der Beamten das Weite gesucht oder auf einen anderen Parkplatz ausgewichen waren.

Kaum dass der erste Schnee des neuen Jahres gefallen ist, geht das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Driftern und Polizei wieder los. Schon am Montag seien bei einer ersten Kontrolle rund 40 Fahrzeuge auf den Parkplätzen festgestellt worden, teilt das Polizeipräsidium auf Anfrage mit. Ein Verstoß gegen das Pflichtversicherungsgesetz sei geahndet und mehrere Sachbeschädigungen bemerkt worden. Wegen Mängeln an ihren Autos seien zwei Fahrer verwarnt worden.

Weiterhin seien zwei Durchfahrtsverbotsschilder, eines am Parkplatz Taufstein und eines am Potsdamer Platz, gestohlen worden, meldet die Polizei. Nach der aktuellen Beschilderung ist das Befahren des Parkplatzes am Hoherodskopf nicht verboten. Es gilt nur ein absolutes Halteverbot für die Zeit zwischen 21 und 6 Uhr. So nutzten auch in der Nacht zum Freitag laut Polizei eine niedrige zweistellige Zahl von Autofahrern, zum Teil mit Begleitung, die Gelegenheit, sich auf dem großen Parkplatz am Hoherodskopf zu treffen.

Auch einzelne Drifts waren zu beobachten. Dass nur relativ wenige Fahrzeuge und auch nur aus der Region den Weg auf den Berg fanden, dürfte an der zu dem Zeitpunkt noch recht dünnen Schneedecke und vor allem an der Arbeitswoche gelegen haben. Dennoch kontrollierte die Polizei auch in der Nacht von Donnerstag auf Freitag einzelne Fahrer.

»Das ist unverschämt, was die da machen«, empört sich Schottens Erster Stadtrat Hans-Jürgen Jochim. »Die ganzen Schäden, die die verursachen, müssen von der Stadt, vom Land und Ehrenamtlichen beseitigt werden.«

Schäden trägt die Allgemeinheit

Schon in den ersten Winterwochen vor Weihnachten waren frisch gespurte Loipen und aufgeschotterte Parkplätze von den Driftern zerstört worden. »Wir hoffen, dass wir irgendwann durch Sperrungen verhindern, dass die da hinkommen«, erklärt Jochim. Dabei weiß er, dass das wegen der Gastronomie und Spaziergängern nicht einfach ist. »Es ist schwierig, das ganz zu sperren.« Deshalb dankt er der Polizei, die in Schotten eine 24 Stunden besetzte Station unterhält und durch Kontrollen versucht, dem Spaß auf Kosten anderer Grenzen zu setzen. Doch wie beschrieben ist diese Aufgabe auch nicht einfach. »Die Polizei kommt in die Nähe und dann sind die auf einmal friedlich oder verschwunden«, weiß Jochim.

Das Kräfteverhältnis zwischen Driftern und Polizei zeigte sich schon vor Weihnachten deutlich. So sahen sich dort teilweise zwei Polizeibeamte geschätzt etwa 150 Personen mit 70 Fahrzeugen gegenüber. Genaue Zahlen lassen sich nicht nennen. Das liegt unter anderem an dem unübersichtlichen Gelände des Hoherodskopfplateaus.

Als die Streife auf den Parkplatz fuhr, hatte sich schon längst ein langer Lindwurm von Autos in Bewegung gesetzt, um den gesperrten Bereich zu verlassen. Anscheinend hatte ein Beobachter an der Zufahrt die Szene rechtzeitig gewarnt. Auch von den Nebenparkplätzen quollen unaufhörlich weitere Autos in den Strom. Darunter neben teuren hochmotorisierten Autos wie einem Tesla Model S auch Alltagsfahrzeuge wie ein VW Caddy-Taxi.

Offenbar zieht das Spektakel auch viele Zaungäste an. Bevor die Polizei kommt, herrscht dann auf dem großen Parkplatz und auch vor dem Informationszentrum oft Partystimmung. Eine große Zahl von Schaulustigen steht in Gruppen von jeweils etwa zehn Personen um den talwärts gelegenen Teil der asphaltierten, jetzt schneebedeckten Fläche. Zwischen ihnen kurven rere, meist heckgetriebene und großzügig motorisierte Autos, vor allem BMWs. Mit Gasstößen bringen sie das Heck zum Ausbrechen und versuchen, das Auto in einem kontrollierten Drift zu halten. Schließlich lockt der kurze Ruhm in den sozialen Medien oder auf Youtube...

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