Fragen zum Sonntag

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Predigtwort 22. Sonntag nach Trinitatis

"So liegt es also nicht an jemandes Wol- len oder Laufen, sondern an Gottes Er- barmen." Röm. 9, 16

Ich kann mir eigentlich kaum ein Wort vorstellen, das mehr Widerspruch erwecken könnte als dieses! Und gleichzeitig gibt es wohl kaum einen Vers in der Bibel, der besser auf den Punkt bringt, was für Menschen gilt, die sich auf Gott berufen und ihre Zeit mit ihm gestalten: "Es liegt nicht an unserem Wollen oder Laufen..." Nicht wir machen unser Leben. Nicht wir haben uns die Gaben gegeben und zu verdanken. Nicht wir schaffen die Taten, die Erfolge, die Erträge unserer Lebensreise. Gott ist es, der alles gibt, der alle Menschen und Dinge in Händen hält. Sein Erbarmen ist alles. Seine Gnade entscheidet über Werden und Vergehen, Anlage und Frucht eines Lebens; selbst der Glaube ist ja sein Geschenk oder sein Verweigern.

Ich weiß, das schreibt sich hier so leicht hin. Das liest sich vielleicht auch noch ganz gut. Aber unsere Praxis des Lebens und Denkens ist doch meist weltenweit davon entfernt. Wer glaubt denn wirklich, dass er nichts sich selbst verdankt? Wer geht denn allen Ernstes davon aus, dass er sich nur und ausschließlich der Gnade Gottes verdankt? Nicht einmal unter ganz überzeugten Christen ist das doch so, wenn wir ehrlich sind.

Wie soll man denn sonst verstehen, dass einer ständig auf das hinweist, was "er sich aufgebaut" hat? - Müsste er nicht eigentlich sagen: Schaut nur, was ich von Gott alles geschenkt bekommen habe! Und wie soll man denn begreifen, wenn eine z.B. über "ihre Mühe in der Erziehung der Kinder" spricht und "wie die Kleinen doch geraten" sind. - Allenfalls staunen könnte sie doch über das, was allein Gott geschafft hat bei ihren Kindern! Oder welche Berechtigung haben all die Sprüche von "unserer Leistung", "unseren Anstrengungen und Erfolgen im vergangenen Geschäftsjahr", "dem gelungenen Einsatz des Kollegen Müller bei der Erschließung neuer Märkte" oder auch "der geschickten Finanzpolitik" dieses oder jenes Politikers. Alles das ist doch eigentlich Gottes Gabe! Er gibt die Ideen, die Tatkraft, die Ausdauer, die Geduld - eben alles! Aber wie selten ist von diesem Gott überhaupt nur die Rede, wenn wir von unseren Aktivitäten, Leistungen und Erfolgen sprechen!

Ich glaube, so ganz werden wir - auch wo wir Christen sein wollen - nicht wegkommen von diesem Reden und Denken! Diese Zeit mit allen Errungenschaften (nicht wir haben’s errungen!) legt uns den Selbstruhm ja auch immer wieder nah. Aber vielleicht können wir ja wenigstens in unseren innersten Gedanken die Demut wieder lernen. Wir könnten ja etwa bei denen, die uns vertraut sind, die es uns also nicht als Schwäche auslegen werden, auch einmal einfließen lassen: "Du, ich habe viel erreicht, aber ich weiß, dass letztlich Gottes Segen dahinter steht!" Oder wir sagen vielleicht: "Wenn mir Gott nicht diese Kräfte geschenkt hätte, dann hätte ich nichts machen können." Oder man hört aus unserem Mund hin und wieder so etwas: "Ich kann so viel und mir geht’s so gut - ich bin Gott dankbar dafür!"

"So liegt es also nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen." Ob es uns nun gefällt oder nicht, dieses Wort ist einfach wahr. Ob wir die Wahrheit dieses Wortes nun in unserem Reden und Leben verwirklichen oder nicht, es bleibt eine Tatsache, dass wir nichts tun und ausrichten können, wenn Gott seine Gnade von uns abzieht. Auf der anderen Seite dürfen wir uns ja auch an dem freuen, was wir schaffen und erreichen dürfen und mit Gottes Segen können. Nur vergessen wir nie die angemessene Haltung eines Christen. "Demut!" heißt sie. Und "Demut" hat immer ein Zeichen bei sich: die Dankbarkeit!

Pfr. Manfred Günther

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