Fragen zum Sonntag

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Für Sonntag Exaudi

Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Jh. 14,18

Das ist ein seltsamer Sonntag - zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Wenn wirs biblisch genau nehmen wollten, dann müssten wir sagen: Jesus Christus ist aufgefahren in den Himmel - aber Gottes Heiliger Geist ist noch nicht bei uns, der ist uns erst für Pfingsten verheißen.

Aber - Gott sei Dank - ist es ja gar nicht so! Wir leben 2000 Jahre nach diesen Festen mit ihren Ereignissen. Himmelfahrt und Pfingsten erinnern uns nur an das, was damals geschehen ist. Heute ist Jesus bei uns und der Heilige Geist auch. Aber stimmt denn das?

Wie viele Menschen unserer Tage würden da wohl sagen: Es stimmt nicht. Ich habe noch nie etwas vom Beistand Christi bei meinem Tagwerk oder in meinen Lebenskrisen gespürt. Bei anderen könnten wir hören: Der Heilige Geist? Bei mir hat er sich noch nicht eingestellt und in meinen Lebensbezügen habe ich auch noch nichts von ihm gemerkt. Ist also nicht wahr, was Jesus uns hier verspricht: Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen? Ich glaube, die Menschen unserer Zeit haben oft jedes Maß verloren. Ich will das nicht verdammen, aber feststellen: Wir können heute fast alles haben, alles tun, überall hin gelangen - wir müssen nicht einmal besonders reich sein.

Unsere Krankheitszeiten sind abgesichert, wenn wir arbeitslos werden, müssen wir doch keinen Hunger leiden, und am Lebensabend kriegen wir Pension oder Rente, die uns meist gut oder auch leidlich ernähren. Wenn wir ehrlich sind, haben wir es doch vollkommen verlernt, hinter diesen Sicherheiten, dem sozialen Netz und der Versorgung in Krankheit und Alter Gottes Wirken zu sehen.

Aber trotzdem: Ich finde, es ist nicht sehr weit hergeholt, wenn wir uns einmal vorstellen, wir wären auf der anderen Seite dieser Erde geboren. In Schwarzafrika vielleicht oder mittendrin im australischen Busch...

Sie werden mir sicher glauben, dass von den über sieben Milliarden Menschen, die wir inzwischen auf dieser Erde haben, über 80 Prozent gern und sofort mit uns tauschen würden, mit uns, die gar nicht mehr wahrnehmen, wie gut es uns geht.

Nun werden manche entgegnen: Aber was hat die Rente oder die Krankenversicherung mit Gott zu tun? Ich antworte: Es ist trotz aller Verweltlichung und mancher Ferne, in die unsere Politiker sich von Gott begeben haben, doch der christliche Geist, der unserem sozialen System zugrunde liegt.

Und es ist trotz aller Ungerechtigkeit, die es auch gibt, doch der Geist Jesu, der hinter dem Willen unseres Staates und der von ihm garantierten Versorgung steht, dass jeder Mensch das gleiche Lebensrecht hat, ob er nun arm oder reich, jung oder alt, gesund oder behindert sein mag (Und so ist es auch in unserem Grundgesetz niedergelegt, dessen 70-jährige Gültigkeit wir in diesen Tagen gefeiert haben: "Die Würde des Menschen ist unantastbar!"). Was die Wiederkunft Christi angeht, wenn Jesus verspricht: Ich komme zu euch, so ist es sicher anders gekommen, als die Jünger damals gedacht haben: Aber ist er nicht zu uns gekommen? Sein Geist lebt und bewegt die Menschen. Sein Beistand ist auch in so "unpersönlichen" Bezügen wie unserem Sozialsystem und der Versorgung in Krankheit und Alter, in staatlicher Hilfe in Not und Lebenskrisen zu finden.

Schön wäre es, wenn wir das wieder mehr wahrnähmen. Noch schöner, wenn wir Gott dafür dankbar würden. Am schönsten aber wäre es, wenn wir auch in unserem persönlichen Leben für andere für diese Wahrheit stünden, die Jesus damals und bis heute verheißen hat: "Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen, ich will zu euch kommen." - Immer will er ja durch Menschen an anderen Menschen handeln. Warum nicht durch uns?

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und gute Gedanken!

Pfr. Manfred Günther

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