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Stadtrat Heinrich Muhl (l.) gratuliert Mohammad Sharifi zum 100. Geburtstag, mit dabei Ehefrau Diljan und Tochter Negim. Foto: Muhl

Flucht im Rollstuhl

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Rund 5000 Kilometer legte er mit stattlichen 94 Jahren und im Rollstuhl zurück, um endlich in Frieden leben zu können. Nun feierte Mohammad Sharifi seinen 100. Geburtstag in Alsfeld. Doch der Krieg in seinem Heimatland Afghanistan lässt ihn und seine Familie nicht los.

Er ist einer der ältesten Alsfelder: An Neujahr feierte Mohammad Sharifi seinen 100. Geburtstag. Stadtrat Heinrich Muhl gratulierte dazu dem Geburtstagskind.

Mohammad Sharifi hat vor knapp sechs Jahren als 94-Jähriger mithilfe von Sohn Assad und Ehefrau Diljan die rund 5000 Kilometer lange Strecke vom iranischen Ghom über die Türkei und Griechenland nach Deutschland geschafft. Dabei bewältigte er auch eine Bootsfahrt in einem mit 70 Menschen überfüllten Boot auf eine griechische Insel. "Das war sehr schwer", erinnert sich Assad. Viele Frauen und Kinder haben dabei die Überfahrt über das offene Meer gewagt. Der inzwischen 100-Jährige kann nur wenige Schrittchen machen, seit Jahren kann er seine Beine kaum noch bewegen.Mohammed Sharifi und seine Familie kamen 2015 über München und Gießen in den Vogelsbergkreis. Er selbst spricht Dari (Variante des Neupersischen in Afghanistan), die deutsche Sprache versteht er nicht. Sohn Assad übersetzte deshalb die bewegte Lebensgeschichte seines Vaters.

Jubilar Mohammad Sharifi erblickte laut Ausweis am 1. Januar 1920 in Baghlan das Licht der Welt. Heute zählt die Stadt unweit des nordafghanischen Kundus rund 90 000 Einwohner. Nach seiner Schulzeit erlernte er bis zum Jahr 1935 den Beruf eines Webers. Die Provinz lebt von Baumwollanbau und -verarbeitung. Bis zu seinem Ruhestand arbeitete Mohammad Sharifi 40 Jahre lang in einer Fabrik in Baghlan, die unterschiedliche Textilien produzierte. 1965 heiratete er seine heute 80 Jahre alte Frau Diljan. Gemeinsam freuten sie sich lange über zwei Töchter und zwei Söhne.

Die Flucht führte die Familie zunächst 2300 Kilometer weit aus Afghanistan in den Iran nach Ghom, eine Stadt mit rund 1,2 Millionen Einwohnern südlich von Teheran. Dort lebte man sieben Jahre lang unter einfachen Bedingungen, konnte aber nie richtig Fuß fassen.

Familienmitglieder haben Depressionen

Nach reiflicher Überlegung trat die Familie deshalb 2014 die Flucht weiter nach Deutschland an. Zunächst ging es in die Türkei. Bis zur Küste sind das von Ghom aus weitere 2600 Kilometer, die mit Bussen und Pkw zurückgelegt wurden. "Mein Vater war im Rollstuhl immer dabei", erinnert sich Sohn Assad. Das wurde zum Kraftakt für die Kinder. "Ich war früher sehr kräftig", sagt er, doch inzwischen habe er oft Depressionen. Von Griechenland aus waren die Sharifis im Treck der Flüchtlinge nach Norden unterwegs, oft halfen Sicherheitsmitarbeiter dabei, das Familienoberhaupt in den Bus oder den Zug zu bekommen. Jubilar Mohammad Sharifi selbst ist bettlägerig, aber bei äußerst wachem Verstand. Seine Frau Diljan kann mit ihrer chronischen Erkrankung viele Arbeiten im Haushalt nicht mehr selbst ausführen. Tochter Negim hat eine geistige Behinderung, die andere Tochter lebt mit Mann und vier Kindern in Berlin. Die für das tägliche Leben notwendigen Dinge übernimmt deshalb Assad. Wegen dieser Umstände kommt der lebhafte Mann derzeit nicht dazu, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Deshalb kann er nicht das Geld verdienen, das die Familie eigentlich dringend zum Leben braucht.

Zusatzproblem: Er will seine Ehefrau aus Afghanistan nachholen, die dann den Haushalt übernehmen kann, während er arbeiten geht. Einen Job in der Gepäckabfertigung des Frankfurter Flughafens hat er bereits gefunden. Damit würde er die Gehaltsgrenze einhalten, die für den Familiennachzug vorgeschrieben ist. Die Entfernung zum Arbeitsplatz schreckt ihn nicht. Aber für die Arbeit in einem sicherheitssensiblen Bereich müsste eine Einschränkung in der Aufenthaltsgenehmigung von der Ausländerbehörde gestrichen werden. Stadtrat Muhl regte im Gespräch an, die Familie solle die Flüchtlingsberatung aufsuchen. Auch sollten alle Familienangehörige erörtern, ob man die Hilfe einer Patin oder eines Paten für geflüchtete Menschen in Anspruch nehmen will.

Der Stadtrat sicherte zu, mit der Familie des Jubilars in Verbindung zu bleiben und zu helfen.

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