Mit Witz und quälenden dibbuks durchs Leben gehen

Feldatal (jol). Adriana Altaras erinnerte bei Lesung in der Alten Synagoge Kestrich an ihre anstrengende Familie. Mit viel Witz ging es dabei um jüdische Identität und quälende Erinnerungen.

Feldatal-Kestrich (jol). Ihre Mutter hat Hessen ein Buch über die Landsynagogen hinterlassen, der Vater gründete die jüdische Gemeinde Gießen und war anerkannter Krebsexperte, nun hat die Tochter ein ungeheuer humorvolles Buch über eine "anstrengende Familie" nachgeschoben. Am Montagabend las Adriana Altaras in der Alten Synagoge Kestrich. Die Besucher in dem sehr gut gefüllten Kulturhaus erlebten einen tollen Abend mit vielen Witzen und beklemmenden Momenten, wenn es um die Drangsal von ihren Verwandten ging. Die Begrüßung für Kulturnacht und "Historisches Feldatal" übernahm Ernst-Uwe Offhaus.

Es ist ein leicht geschriebenes Werk, "Titos Brille" von Adriana Altaras, aber wer die gelernte Schauspielerin bei einer Lesung erleben kann, sollte unbedingt hingehen. So lebendig und hintergründig ist ein Vortragsabend mit der Berliner Künstlerin. Aber man sollte bei aller Leichtigkeit des Vortrags stets auf eine tragische Wendung gefasst sein. Das beginnt schon im Prolog, wenn sie beschreibt, das sie gegenüber dem Einwohnermeldeamt ihre Größe mit 1,57 Zentimeter angibt, aber in Wirklichkeit 1,55 cm misst. Und es freute sie diebisch, den deutschen Staat um 2 Zentimeter betrogen zu haben.

Kurz zuvor beschreibt sie noch, wie sie fröhlich radelnd durch Berlin unterwegs ist, um dann bei einer Ausstellung im Gropius-Bau vor einem Foto fast zusammenzubrechen. Es zeigt den Oberkörper einer Frau mit der Tätowierung "Feldhure" des Konzentrationslagers Auschwitz mit einer sechsstelligen Nummer. Erst einige Seiten später erfährt der Leser, dass es sich um ihre Tante handelte, die ob ihrer Schönheit in ein Bordell gesteckt wurde und sich wegen der Erniedrigung später das Leben nahm.

Es ist der historische Hintergrund, der das Buch und die Lesung so besonders machen. Sie erzählte von ihrem Vater, der im 2. Weltkrieg ein Held war und 40 jüdischen Kindern das Leben rettete, indem er sie von Dalmatien nach Italien schmuggelte. Mit derselben Energie baute Dr. Jakob Altaras in den 1970er Jahren die jüdische Gemeinde Gießen auf, schuf mit einem Netz an Beziehungen die Grundlage zum Bau eines schönen Gemeindezentrums. Integriert wurde die alte Synagoge aus Wohra, zeitweilig war auch das Gebäude der Synagoge Kestrich in der engeren Wahl für die Versetzung nach Gießen.

In den letzten zehn Lebensjahren schuf ihre Mutter, Thea Altaras, eine Topografie des jüdischen Landlebens. Unermüdlich suchte sie alle Orte auf, in denen bis 1933 jüdische Gemeinden bestanden haben. Mit untrüglichem Spürsinn fand die Architektin die ehemaligen Synagogen und Ritualbäder, zusammen mit vielen Details zu den Bauten veröffentlichte sie ihre Forschungen in einer zweibändigen Dokumentation. Das war die "jüdische Phase" ihrer Mutter, wie Altaras in der Lesung sagte. Die Hinwendung zur Religion sei etwas ganz normales im Alter.

Spannend waren ihre Hinweise auf die "jüdische Identität". Für sie gibt es einen Gegensatz zwischen "Deutschen" und "Juden", der sich nicht religiös begründet, sondern mit einer Grundeinstellung zum Leben zu tun hat. Sie selbst hat sich immer zu Männern hingezogen gefühlt, die nicht-jüdisch waren. Große, blonde, "arische" Liebhaber spielten in ihrem Leben eine Rolle. Ihr Mann Georg habe "enorm viel Humor", und den brauchte er auch, schon um die lange Ablehnung durch ihre Eltern auszuhalten. Trotz Drucks der Eltern konnte sich nicht vorstellen, einen Partner zu haben, der ebenfalls so von Familienzusammenhalt, Erinnerung, Hypochondrie und Neurosen geprägt ist wie es in jüdischen Familien verbreitet sei.

Ihren Schlaf stören die Geister von Verstorbenen, die dibbuks. Die eigenen Kinder leben jüdische Identität und besuchen eine jüdische Schule.

Im Gespräch nach der Lesung ging es um jüdische Identität, die für Altaras nach dem Sterben der Opfer-Generation des Holocaust eine andere wird. Sie erläuterte auch, weshalb für sie der Staat Israel so wichtig ist: Wenn man in der eigenen Familie erlebt hat, dass man woanders unerwünscht ist, möchte man auf den "Joker" Israel als Heimat für jeden Juden nicht verzichten.

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