Szene aus dem Dannenröder Wald: Polizisten verhaften einen Aktivisten, der sich zuvor auf einen Baum zurückgezogen hatte. FOTO: DPA
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Szene aus dem Dannenröder Wald: Polizisten verhaften einen Aktivisten, der sich zuvor auf einen Baum zurückgezogen hatte. FOTO: DPA

Die Eskalation jetzt stoppen

  • Kerstin Schneider
    vonKerstin Schneider
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Die Rodungsarbeiten in den Wäldern für das letzte Teilstück der A 49 laufen seit Wochen. In den nächsten Tagen soll die Schneise durch den Dannenröder Wald geschlagen werden. Wozu noch reden? Gerade jetzt wäre das dringend nötig, meint Kristina Reitz, Expertin für Konfliktvermittlung. Die Professorin an der Hochschule Niederrhein kennt die örtlichen Verhältnisse gut.

Was soll Reden noch bringen, wenn schon genug Fakten geschaffen sind?

Miteinander reden ist notwendig, um die Hintergründe der aktuellen Auseinandersetzungen zu verstehen. Die Planungen zur A 49 haben eine über 40-jährige Geschichte, die die Menschen in der Region und darüber hinaus in dieser Zeit beschäftigt, in Atem gehalten und nun wohl auch bis auf Weiteres gespaltet hat.

Wie wirkt sich das bei den Menschen aus?

Der Bau an sich sowie die Streckenführungen wurden in Familien, Dörfern und Städten, Unternehmen, Vereinen, Interessenverbänden, Kirchen, Parteien vor Ort, auf landes- und bundespolitischer Ebene immer wieder und mitunter äußerst kontrovers diskutiert. Manch einer denkt bei den aktuellen Auseinandersetzungen an eigene Vorfahren, Firmengründer, ehemalige Parteigenossen und fühlt sich geradezu verpflichtet, den Weg der familiären, unternehmerischen oder politischen Väter und Mütter weiterzugehen.

Was sind die Folgen?

Auseinandersetzungen, die über viele Jahre und mehrere Generationen kontrovers geführt werden und größere Gemeinschaften betreffen, hinterlassen meist erhebliche Spuren in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Sollen Lösungen gefunden werden, die von möglichst vielen langfristig mitgetragen werden, ist es hilfreich, sich auf Spurensuche zu begeben, allen Standpunkten mit Respekt zu begegnen und Verständnis zu erzeugen.

Beide Seiten stehen sich unversöhnlich gegenüber.

Deswegen ist es auch jetzt noch wichtig, miteinander zu reden. Betrachtet man das aktuelle Geschehen, so sind die Auseinandersetzungen heftiger geworden, die Standpunkte auf zwei vermeintlich klare Positionen reduziert: Man ist für den Weiterbau oder man ist dagegen. Begründungen werden nur noch als Schlagworte auf Transparente geschrieben oder bei Protesten gebrüllt. Hintergründe für die jeweilige Position werden nicht mehr erläutert.

Daran scheint man nichts mehr ändern zu können?

Würde man Einzelne fragen, ob sie die Bedürfnisse "der anderen" nach Ruhe in den Dörfern, Schutz des Klimas, sicheren Arbeitsplätzen nachvollziehen können, würden sie dies wohl - zumindest im vertraulichen Gespräch - bejahen. Solche Gespräche haben nicht stattgefunden. Auch wurde nicht erörtert, auf welche Weise möglichst viele der Bedürfnisse langfristig gesichert werden können. Diese Aspekte sind auch nicht Inhalt eines gerichtlichen Verfahrens. Dort wird nur geprüft, ob ein Vorhaben gegen geltendes Recht verstößt und dann mit dem Urteil Rechtsfrieden hergestellt. Lösungen, die die hinter den Standpunkten liegenden Bedürfnisse in den Blick nehmen, spielen im gerichtlichen Verfahren in aller Regel keine Rolle.

Woran scheitert in der aktuellen Situation die Gesprächsbereitschaft?

Das Fortschreiten der Rodungen und die Aktionen der Projektgegner führen zur dramatischen Zuspitzung der Lage vor Ort. Auch eine bisweilen mit Schuldzuweisungen an das jeweils andere Lager versehene Berichterstattung (auf Nachfrage nennt sie Medien aus dem nordhessischen Bereich der Autobahnbefürworter) samt Leserkommentaren tragen dazu bei, das Geschehen weiter anzuheizen. Die Eskalationsspirale dreht sich immer schneller. Dies führt dazu, dass alle Beteiligten immer mehr unter Stress geraten, was meist mit einer weiteren Eskalation einhergeht. Um die sich abzeichnende sehr massive Zuspitzung abzuwenden, sind Gespräche jenseits von Schuldzuweisungen nötiger denn je. Nur so lassen sich Gefahren für Leib und Leben aller Beteiligten abwenden.

Solche Gespräche scheinen derzeit undenkbar.

Wer in dieser "heißen Phase" darüber nachdenkt, mit "den anderen" ins Gespräch zu kommen, wird eher zurückschrecken. Anwohner, Interessenvertreter sowie Entscheidungsträger auf Bundesebene werden auf ihrem Standpunkt beharren, um sich nicht den Anfeindungen von ehemals Gleichgesinnten auszusetzen, einen Gesichtsverlust zu erleiden oder gar zum Gespött beider Lager zu werden.

Was schlagen Sie vor?

Was wäre, wenn in dieser schwierigen Situation allen Beteiligten eine Denkpause und Gespräche ermöglicht würden? Dagegen spricht: Das Projekt würde wohl um ein Jahr hinausgeschoben. Dafür spricht: Menschen vor Ort, Interessenvertreter und politische Entscheidungsträger könnten einen ersten kleinen Schritt wagen und miteinander vertraulich oder öffentlich ins Gespräch kommen. Themen könnten beispielsweise die aktuellen und zukünftigen Bedürfnisse der Menschen vor Ort, der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer sowie der jungen Generation sein. Aktuelle Forschungsergebnisse zu Mobilität, Arbeitswelt und Klimaentwicklung könnten einbezogen werden. Vielleicht würde dann das Projekt als Beispiel in die Geschichtsbücher eingehen, wie man es schafft, sich im letzten Moment gemeinsam den Herausforderungen der Zeit mit Blick auf Wirtschaftsstabilität, Verkehrsberuhigung und Klimawandel zu stellen. Noch ist es möglich, einen gemeinsamen Weg zu finden. Dazu auch Seite 24

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