Über 250 Kamax-Beschäftigte protestieren mit Unterstützung aus anderen Betrieben gegen die angekündigte Schließung des Werks in Alsfeld. FOTO: JOL
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Über 250 Kamax-Beschäftigte protestieren mit Unterstützung aus anderen Betrieben gegen die angekündigte Schließung des Werks in Alsfeld. FOTO: JOL

KAMAX-LEITUNG

Enttäuschung und Wut

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Der geplante Stellenabbau beim Automobilzulieferer Kamax samt Schließung des Werks in Alsfeld treibt die Mitarbeiter auf die Straße. Sie wollen die angekündigten Schritte nicht einfach hinnehmen. Von der Unternehmensspitze fühlen sie sich betrogen.

Paul Hildebrand ist seit neun Jahren im Kamax-Werk in Alsfeld tätig und hat nach eigenen Worten "Samstag und Sonntag gearbeitet, damit es der Firma gut geht". Nun steht sein Arbeitsplatz auf der Kippe, obwohl das Unternehmen eine Arbeitsplatzgarantie gegeben habe. Deshalb ist Hildebrand mit seinem Sohn zur Kundgebung der IG Metall gekommen.

Teilweise mit der ganzen Familie zogen am Freitag rund 250 Kamax-Beschäftigte durch Alsfeld, um gegen die angekündigte Schließung des dortigen Werks bis zum Sommer 2021 zu protestieren. Rund 220 Beschäftigte würden dort ihren Job verlieren, weitere 100 Arbeitsplätze sollen in Homberg abgebaut werden. Neben Vertretern der Linken und der SPD schlossen sich die Christdemokraten Stephan Paule und Jens Mischak der Forderung der IG Metall an, auf Entlassungen zu verzichten und das Werk Alsfeld zu erhalten. Das ist im Ergänzungstarifvertrag vereinbart, der bis 2022 läuft. Darin hatte die Kamax-Spitze zugesichert, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten, wenn die Beschäftigten Lohnverzicht üben und Überstunden leisten. "Die Mitarbeiter haben auf diese Weise bis März 13,3 Millionen Euro eingebracht", sagt Stefan Sachs von der IG Metall.

Der Alsfelder Betriebsratsvorsitzender Lutz Koch: "Wir haben seit 2017 hart gearbeitet und das Unternehmen hat zweieinhalb Jahre von uns kassiert, um nun ein neues Werk in der Slowakei aufzumachen." Das nennt er eine "Riesenschweinerei", die Folgen für die Region habe. Immerhin sei Kamax der größte Arbeitgeber der Umgebung.

Der Betriebsratsvorsitzende in Homberg, Manfred Geisel, erinnerte daran, dass die Kamax-Spitze Investitionen von 35 Millionen Euro versprochen hat. Die Beschäftigten seien beim Ergänzungstarifvertrag "erpresst worden". Doch bislang sei nur die Hälfte der angekündigten Investitionen erfolgt, meist in den Ersatz defekter Maschinen. Dabei sei modernes Gerät nötig, "um in einem Hochlohnland konkurrenzfähig zu produzieren". Nun werde damit gedroht, keine neuen Maschinen zu installieren, wenn die Belegschaft Jobverluste nicht akzeptiert. Gewerkschafter Sachs setzt auf die Gegenwehr der Belegschaft: "Das Unternehmen hat genug Kohle, aber nicht für uns." Dazu verweist Sachs auf ein Gutachten, das die Gewerkschaft von einem Beratungsbüro erstellen ließ und das dem Unternehmen eine gesunde Lage bescheinige. Die Unternehmensleitung sei vertragsbrüchig geworden, während die Beschäftigten ihren Teil geleistet hätten. Er kündigte an, während der Verhandlungen eine Kundgebung in Homberg zu organisieren.

Schützenhilfe kommt von Alsfelds Bürgermeister Stephan Paule. Seit 1969 sei die Region mit Kamax verbunden, dabei sei es stets um den Erhalt der Arbeitsplätze gegangen. Der Erste Kreisbeigeordnete Jens Mischak zeigte sich ebenfalls solidarisch mit den Beschäftigten.

Die Folgen der Pandemie dürften von der Geschäftsleitung nicht als Vorwand genommen werden, Sparmaßnahmen umzusetzen. "Verträge sind einzuhalten." Die Mitarbeiter hätten ihren Teil der Vereinbarung eingehalten, das müsse auch die Unternehmensleitung. Dietmar Schnell (Linke): "Es ist völlig inakzeptabel, dass ein Unternehmen öffentliche Unterstützung kassiert und dann die Beschäftigten entlässt."

Christoph Stüber von der Lehrergewerkschaft GEW sagte, Entlassungen hätten auch Folgen für die Berufsschulen. Unterstützung signalisierten Sprecher anderer Metallbetriebe in Mittelhessen wie von Dexion in Laubach, Schunk in Heuchelheim, Bosch Mittelhessen, Voest Alpine in Butzbach, Fritz Winter in Stadtallendorf und Schunk in Wettenberg.

Die Kamax-Produktionsstandorte in Homberg sowie Alsfeld befinden sich seit 2017 in einer zunehmend schwierigen Lage, heißt es auf Anfrage dieser Zeitung in einer Stellungnahme aus dem Unternehmen. Aus diesem Grund sei der Ergänzungstarifvertrag abgeschlossen worden, um sicherzustellen, dass dort weiter produziert werden kann. Die Situation habe sich stärker als erwartet verschlechtert. "Bereits Anfang 2019 waren nicht genügend Aufträge da und in Alsfeld mussten wir Kurzarbeit anmelden," so Firmensprecher Marc Kennedy. Seite Ende 2019 würden sich nun die Ereignisse sowohl bei den Automobilherstellern als auch den großen Zulieferern wie Bosch, ZF und Continental überschlagen - "es sind weniger Teile zu produzieren und Mitarbeiter zu entlassen". Corona habe darüber hinaus dazu geführt, dass alle Hersteller ihre Produktion über Wochen und Monate gestoppt haben. "Dies führt auch bei uns zu enormen Verlusten und wir verlieren jeden Tag viel Geld. Wir befinden uns in der größten Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg."

Für die Firma sei es existentiell, dass wieder mehr Fahrzeuge produziert werden. Davon gehe man in den Planungen auch aus - "sonst wären die Auswirkungen noch viel drastischer". Es gebe aber auf Dauer nicht genug Aufträge, um das Werk Alsfeld zu erhalten. Man habe die Werksschließung frühzeitig angekündigt, um den Mitarbeitern Zeit zu geben, neue Arbeitsplätze zu finden. "Wir verstehen, dass die Entscheidung für große Unruhe sorgt, aber wir sind allen Mitarbeitern verpflichtet, Kamax eine langfristige Perspektive zu geben". Der Ergänzungstarifvertrag habe genau für solche Situationen eine Öffnungsklausel und könne geändert oder gekündigt werden. "Wir halten uns exakt an diese Regelungen. Deshalb handeln wir heute auch so". pm

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