Schon seit Monaten herrschen Unruhe und Besorgnis unter den Beschäftigten der Kamax-Gruppe, hier die Zufahrt zum Standort Homberg. FOTO: JOL
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Schon seit Monaten herrschen Unruhe und Besorgnis unter den Beschäftigten der Kamax-Gruppe, hier die Zufahrt zum Standort Homberg. FOTO: JOL

Entlassungen bei Kamax?

  • Kerstin Schneider
    vonKerstin Schneider
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Schon länger brodelt die Gerüchteküche. Nun spricht die IG Metall von einem geplanten massiven Personalabbau bei Kamax. Zudem soll der komplette Standort Alsfeld gefährdet sein. Der Automobil- zulieferer ist zuletzt auch durch die Corona-Krise in Bedrängnis geraten.

Seit Wochen kursieren Angst und Verunsicherung unter den Beschäftigten. Nun lässt die IG Metall verlauten, beim international tätigen Automobilzulieferer mit Standorten in Homberg und Alsfeld drohe ein massiver Stellenabbau. Vor dem Hintergrund der angespannten Situation in der Automobilindustrie und der Corona-Pandemie sei für Kamax auch die Schließung eines ganzen Standortes nicht mehr unmöglich. Da Homberg seit einiger Zeit Hauptsitz ist, könnte von einer möglichen Schließung der Standort Alsfeld betroffen sein.

Im März hatte das Unternehmen in seinen Werken bereits Kurzarbeit eingeführt, nachdem die großen Autohersteller ihre Bänder gestoppt hatten.

Stefan Sachs von der IG Metall Mittelhessen: "Aktuell kann kein Beschäftigter bei Kamax in Alsfeld und Homberg betriebsbedingt gekündigt werden. Es gilt der Ergänzungstarifvertrag vom April 2017, der bis Ende März 2022 in Kraft ist. Dieser schließt betriebsbedingte Kündigungen aus."

Der Ergänzungstarifvertrag sieht für eine schwerwiegende wirtschaftliche Krise allerdings Regelungen vor, die es erlauben, inhaltliche Veränderungen vorzunehmen. Das Unternehmen sei deshalb an die IG Metall herangetreten, um genau dies jetzt zu nutzen. Das Unternehmen wolle eine dreistellige Zahl betriebsbedingter Kündigungen aussprechen. Dabei steht laut Sachs "keine Eins am Anfang dieser dreistelligen Ziffer, es geht um eine ganz andere Zahl". Für die IG Metall sei allerdings klar, dass prinzipiell "um jeden Arbeitsplatz und jeden Standort in der Region gekämpft wird".

Kampf um Erhalt der Standorte

Der Vorsitzende des Betriebsrates in Alsfeld, Lutz Koch, erklärt, dass die Belegschaften dem Unternehmen durch unbezahlte Mehrarbeit und verschobene Tariferhöhungen schon einen zweistelligen Millionenbetrag quasi geschenkt haben. "Wir sind verhandlungsbereit, wir erwarten aber eine gemeinsame Kraftanstrengung und nicht einen einseitigen Beitrag der Belegschaften." Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Manfred Geisel betont, es werde keine Entscheidung ohne die Beteiligung der IG-Metall-Mitglieder im Betrieb geben. Man gehe mit dem Ziel in die Gespräche, möglichst alle Arbeitsplätze zu sichern.

2017 hatte man einem Ergänzungstarifvertrag zugestimmt, der eine wöchentliche Arbeitszeiterhöhung um zwei Stunden vorsah und die Verschiebung von Tariferhöhungen. Im Gegenzug machte das Unternehmen Investitionszusagen und verpflichtete sich zum Verzicht von betriebsbedingten Kündigungen.

Die Gewerkschaft hat in Absprache mit der Geschäfts- leitung nun ein betriebswirtschaftliches Gutachten in Auftrag gegeben. Die EWR Consulting überprüfe Aussagen des Unternehmens auf Plausibilität und Richtigkeit. Außerdem erhofft sich die IG Metall Hinweise darauf, ob die Kamax-Gruppe "bei kompletter Erfüllung des Ergänzungstarifvertrages bis zum Ende der Laufzeit wirklich in der Existenz gefährdet ist".

Entsprechende Andeutungen hatte es wohl seitens der Geschäftsleitung gegeben. Kenner der Branche zweifeln daran, dass die wirtschaftliche Not bei Kamax so groß ist. Von "tiefroten Zahlen" könne keine Rede sein. Klar ist auf der anderen Seite aber, dass die Firma Geld braucht für eine neue Strategie, um unabhängiger vom seitherigen Geschäft zu werden.

Seitens des Unternehmens wird darauf verwiesen, dass die schon zum Jahresende 2019 schwierige Lage in der Automobilbranche durch Covid-19 noch einmal drastisch verschärft worden sei, so Pressesprecher Marc Kennedy.

Sämtliche Automobilhersteller und Zulieferer weltweit seien davon betroffen und auch für Kamax bedeutet dies eine "zunehmend herausfordernde Entwicklung, die wir sehr bedauern". Seit März hätten die Mitarbeiter Zeitkonten reduziert, Urlaub genommen oder kurz gearbeitet. Dies betreffe alle europäischen Standorte der Unternehmensgruppe, aber auch die in den USA und in Mexiko.

Für Kamax bedeute diese Entwicklung, "dass wir den bereits geplanten Strategiewechsel hin zu neuen Produkten und Geschäftsfeldern und damit weniger Abhängigkeit von nur einem Markt beschleunigen müssen".

Zudem werde man leider umhin kommen, "Personalanpassungen durchzuführen und erneut zu überprüfen, ob alle Werke erhalten bleiben können". Es wird darauf hingewiesen, dass auch diese Maßnahmen sich auf alle europäischen Standorte beziehen. Kamax habe die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretungen aufgenommen. Zu Einzelheiten könne man sich derzeit nicht äußern.

"Wir sind aber strategisch auf dem richtigen Weg und zuversichtlich, mit diesen Maßnahmen wieder in die Erfolgsspur zurückkehren und eine langfristige Zukunftsperspektive für die gesamte Gruppe sicherstellen zu können," so Kennedy.

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