Kerstin Gemmer im Homberger Buchladen. Der hat in der Corona-Krise neue Wege erprobt, die Kunden anzusprechen. FOTO: JOL
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Kerstin Gemmer im Homberger Buchladen. Der hat in der Corona-Krise neue Wege erprobt, die Kunden anzusprechen. FOTO: JOL

Einzelhandel unter Druck

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Inhaber kleiner Geschäfte standen schon vor Corona unter Druck. Die wochenlange Schließung hat zusätzliche Verluste beschert. Inzwischen kommen die Kunden wieder, aber die Lage bleibt angespannt, wie eine Umfrage in Homberg zeigt.

Der Einzelhandel hat in Corona-Zeiten "sehr gelitten", mit dieser Sichtweise ist der Sprecher der Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg (IHK), Kurt Schmitt, nicht allein. Deshalb fordert der Handelsverband Deutschland einen "Innenstadtfonds" zur Unterstützung der Geschäfte. Denn der Online-Handel hat zulasten der klassischen Läden noch einmal Boden gutgemacht. Doch auch so manches Ladengeschäft hat mit Lieferdiensten neue Kunden erschlossen, wie sich am Beispiel Homberg zeigt.

So hat Stephanie Viehl vom Schuhhaus Seibert durch den Lieferdienst weitere Kunden gewonnen, die sich die Fußbekleidung nach Hause bringen lassen. "Aber generell sind die Kunden zurückhaltend", sagt die Geschäftsfrau. So merkt sie zum Beispiel, dass keine Feste und Hochzeiten gefeiert werden, für die man sich etwas Neues gönnt.

Immerhin habe sich nach dem Lockdown das Geschäft wieder halbwegs normalisiert. Die Kunden sind "glücklich, dass wir da sind und sie wieder unter einer Auswahl an Schuhen probieren können". Andererseits habe sich gezeigt, dass sich online für viele Menschen eine bequeme Art des Einkaufens bietet, erläutert Viehl. "Der Einzelhandel hat weiter zu kämpfen."

Den Kampf hat Buchhändlerin Ulrike Sowa schon länger aufgenommen. Sehr gute Erfahrungen hat sie mit Buchtipps gemacht, die regelmäßig auf das Smartphone der Kundschaft geschickt werden. Auch über digitale Plattformen wirbt die Lese-Enthusiastin für Neuerscheinungen und spannende Wiederentdeckungen.

Das bestätigt Mitarbeiterin Kerstin Gemmer. An die 600 Menschen erreicht der Buchladen über den Smartphone-Dienst. Gut kommt bei Kunden an, dass der Inhalt des Buchs kurz beschrieben wird.

Der Laden hat durch Corona sogar neue Kunden gewonnen, "die waren genervt, dass sie beim Online-Handel eher Klopapier als Bücher bekommen haben", sagt Sowa. Da ist ihr Ladengeschäft deutlich schneller, bestellte Ware ist am Folgetag da. Ihre Online-Präsenz hat dazu geführt, dass eine Autorin anfragte, ob sie in der Ohmstadt ihr Buch vorstellen kann - das freut Sowa.

Unter den Bücherkäufern sind viele auch deshalb treu, weil sie wissen, "dass ich meine Steuern hier zahle". Diese Menschen legen bewusst Wert auf die Unterstützung der Homberger Geschäfte. Ein Sommerloch kennt Sowa nicht, im Gegenteil. Die Leute haben jetzt mehr Zeit zum Lesen, sagt sie. Und empfiehlt besonders das aktuelle Buch von Delia Owens, "Der Gesang der Flusskrebse".

Ein Wermutstropfen: Der Umsatz liegt unter dem Niveau des Vorjahres. Das sei zwar nicht existenzbedrohend, aber deutlich zu spüren.

Ähnlich durchwachsen fällt die Corona-Bilanz bei Michael Metz aus. Als er nach der Pandemie-Schließung das Modegeschäft wider geöffnet hat, "lief es richtig gut". Die Menschen hätten ihre über Wochen aufgeschobenen Käufe nachgeholt. Allerdings nur in Homberg, der Friedberger Laden lief eher schleppend.

Ende Mai hat sich das Bild dann gedreht, sagt Metz. Im Homberger Geschäft war weniger los, in Friedberg lief es besser.

Es sind meist Frauen, die bei Mode Metz einkaufen, "die klassische Kundin kommt jetzt seltener", sagt Michael Metz. Die Älteren haben wohl Bedenken angesichts der immer noch währenden Krise. Dabei ist das Geschäft selten so voll, dass Abstände nicht eingehalten werden können. Metz hofft, dass bald wieder eine Modenschau möglich ist, das sei wichtig für das Geschäft. Auch der Ausfall der Kalten-Markt-Marktwoche trifft ihn deutlich.

Für die Zukunft ist er nur verhalten optimistisch. Mit den Hilfen von Bund und Land komme man bis zum Jahresende über die Runden. Aber der Erlös ist schon in den Vorjahren zurückgegangen. "Ich kann nicht zufrieden sein, denn die Kosten steigen."

Angesichts der Probleme fordert der Handelsverband Deutschland (HDE) die Einrichtung eines Fonds, um Stadtzentren zu unterstützen. Damit solle die Lage der Innenstädte analysiert werden und man könne Maßnahmen ergreifen, um den Niedergang vieler Zentren aufzuhalten. "Das Einkaufen ist für die meisten Menschen immer noch der Hauptgrund, in die Innenstadte zu kommen", sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Viele Innenstädte seien aber in einer extremen Schieflage.

Das zeigen auch viele Leerstände in der Homberger Innenstadt, wo etwa eine im ehemaligen Hauswarengeschäft Geibel eröffnete Modeboutique schon nach wenigen Monaten wieder schließen musste. Initiativen zur weiteren Belebung der Innenstadt blieben bisher ohne Erfolg.

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