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Im vergangenen Jahr umrahmt der evangelische Singkreis die Gedenkveranstaltung am jüdischen Friedhof in Nieder-Ohmen.

Eine stille Demonstration

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Am Samstag wird der Opfer der Pogromnacht vom 9. November 1938 gedacht, als Nationalsozialisten Synagogen anzündeten. Für die Teilnehmer der diesjährigen Gedenkveranstaltungen ist es auch ein Protest gegen rechtspopulistische Hetze und Fremdenfeindlichkeit heute.

Gedenktage sind so eine Sache. Einmal im Jahr kommen Menschen zu einem Ritual zusammen und nicht immer lässt sich der Bezug zur Gegenwart herstellen. Anders verhält es sich mit den anstehenden Gedenkveranstaltungen zur Reichspogromnacht von 1938. Wenn am heutigen Freitag und am Samstag Menschen im Vogelsberg zusammenkommen, schwingen nicht nur die Erinnerungen an das Geschehen vor 80 Jahren mit, sondern auch Betroffenheit über wachsenden Judenhass heute. Beispiele liefern der Anschlag auf die Synagoge von Halle mit zwei Toten oder Angriffe auf Juden, die auf der Straße die typische Kopfbedeckung Kippa tragen.

Diesen Zusammenhang sehen auch die Organisatoren der Gedenkveranstaltungen. Am heutigen Freitag wird in Lauterbach erinnert. Für Samstag sind Veranstaltungen in Alsfeld, Angenrod, Feldatal-Kestrich, Kirtorf und Mücke-Nieder-Ohmen vorbereitet.

Der Gedenktag gilt dem 9. November 1938, als Nationalsozialisten und Mitläufer Synagogen verwüsteten und anzündeten, Geschäfte jüdischer Kaufleute plünderten, Juden verprügelten und Erwachsene in Konzentrationslager verschleppten.

Der Nieder-Ohmener evangelische Pfarrer Nils Schellhaas gehört der Gruppe an, die zum Gedenken am jüdischen Friedhof Nieder-Ohmen einlädt. Auf Einladung von Irmgard Gückel wurden jüngst bei einem Vorbereitungstreffen der Ablauf besprochen. "Das Gespräch über aktuelle Ereignisse wie den Anschlag von Halle nehmen einen breiten Raum ein", sagt Schellhaas. So habe die Gedenkveranstaltung zwar einen festen Ablauf, der sich an den Vorjahren orientiert, aber die Ansprachen von Pfarrer Schellhaas und Bürgermeister Andreas Sommer nehmen aktuelle Themen auf. Die Geschichte ist jedoch präsent. So lesen die Konfirmanden die Namen der getöteten Nieder-Ohmdener Juden vor. In diesem Jahr ist mit Jack Justus ein Nachfahre von Geflüchteten dabei.

"Dabei ist uns klar, dass wir jedes Jahr neu über Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sprechen müssen", sagt der Pfarrer. "Es ist auch eine stumme Demonstration gegen fremdenfeindliche Ausgrenzung und Judenhass", umschreibt es Schellhaas. Ein Thema sei auch, wo die Kritik an der Politik Israels ins Antisemitische umschwenkt. Boykottaufrufe etwa würden ihn an die "dunkle Zeit in Deutschland" erinnern.

Bei der Gedenkveranstaltung an der Alten Synagoge Kestrich wird Bürgermeister Leopold Bach sprechen, der ebenfalls aktuelle Bezüge wichtig findet. Er nennt das Ergebnis der Wahl in Thüringen "erschreckend". Der Spitzenkandidat der AfD, Björn Höcke, sei offensichtlich dem rechten Ufer zuzurechnen. Da werde eine rechte Ideologie kaum noch versteckt. Gerade die Zustimmung für den rechten Rand zeige, dass Antisemitismus kein Thema von gestern ist. Besonders schlimm sei die unverminderte Hetze auf digitalen Plattformen. So ergieße sich regelmäßig ein schlimmer Shitstorm über Leute, die Kritik an der AfD äußern. Geäußert würden zwar in der Regel "stumpfe Parolen, denen der Inhalt fehlt, aber sie werden sehr massiv vorgetragen". Das Erinnern an Verfolgung und Ermordung von Juden sei Teil der Erinnerungskultur in Deutschland. Man müsse den Leuten die Augen öffnen, was sie unterstützen, wenn sie Rechtspopulisten wählen. "Man muss seine Meinung klar vertreten, sonst verfestigt sich so etwas".

Der Angriff auf die Synagoge in Halle und der rechtsterroristische Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni machten das Gedenken und die Mahnung vor rechten Gewalttaten und schlimmer Hetze "auf bittere Weise immer wieder notwendig", betont der Erste Kreisbeordnete Jens Mischak.

Anzumerken ist, dass Gedenkveranstaltungen nicht selbstverständlich sind. In Homberg, Grebenau, Storndorf, Romrod, Ober-Gleen und Ulrichstein gehörten Juden früher dazu. Für Gedenken ist aber kein Platz.

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