Die Richter in Karlsruhe stellen klar: Jeder hat das Recht, selbstbestimmt zu sterben - auch mit der Hilfe von Dritten. Das gilt ausdrücklich für alle Menschen, nicht nur für unheilbar Kranke. FOTO: DPA
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Die Richter in Karlsruhe stellen klar: Jeder hat das Recht, selbstbestimmt zu sterben - auch mit der Hilfe von Dritten. Das gilt ausdrücklich für alle Menschen, nicht nur für unheilbar Kranke. FOTO: DPA

"Ein ganz großartiger Tag"

  • Kerstin Schneider
    vonKerstin Schneider
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Keine Frage, dass Arthur Wagner am Mittwoch in Karlsruhe im Gerichtsaal selbst dabei sein wollte. An diesem Tag verkündeten die Verfassungsrichter ein Urteil zur Sterbehilfe, dass in dem Homberger große Freude ausgelöst hat. Wagner spricht von einer "Sternstunde". Obwohl es um ein Thema geht, das die meisten am liebsten verdrängen.

Seit vielen Jahren streitet Arthur Wagner für das Recht des Einzelnen auf ein selbstbestimmtes Lebensende, obwohl er sich selbst fit und gesund fühlt. Dem Tag der Urteilsverkündung sah der 77-Jährige mit großer Spannung entgegen. Als das Datum für den Gerichtstermin vor etwa zehn Wochen feststand, schrieb Wagner ans Gericht, dass er gern als Zuhörer dabei wäre. Schon kurze Zeit später bekam er Antwort, das sei möglich, allerdings gelte das Windhund-Prinzip, wer zu spät war, der hätte draußen bleiben müssen. Wagner sicherte sich umgehend seinen Platz.

Etwa 150 bis 200 Menschen verfolgten die Verhandlung, darunter Politiker und Betroffene, die teilweise seit vielen Jahren für das Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende streiten. Es herrschten strenge Sicherheitskontrollen, aber die habe er gern über sich ergehen lassen, so Wagner.

Zwei Stunden dauerte es bis zur Urteilsverkündung um kurz nach zwölf und das, was die vier Frauen und vier Männer verkündeten, nennt Wagner "eine Sternstunde für den Humanismus". Damit werde auch Artikel eins und zwei des Grundgesetzes Genüge getan, wo Würde und Freiheit des Menschen betont werden.

Die acht Verfassungsrichter hätten es sich nicht leicht macht, so der Homberger: "Ich ziehe meinen Hut vor ihnen." Wagner schließt sich in der Bewertung des Urteils seinem Marburger Freund, dem Philosophen Joachim Kahl, an, wenn beide übereinstimmend meinen, dank des rechtlichen Wegweisers sei das "Ende der Bevormundung durch Kirche, Politik und Teile der Ärzteschaft eingeläutet worden". Nur der einzelne Menschen habe über sein Leben und Tod zu entscheiden. Ein Sterbewunsch werde niemanden aufgezwungen, so Wagner, nun gebe es aber den "Weg einer selbstbestimmten und würdigen Weise des Ablebens". Die Politik sei aber gefordert, die Rahmenbedingungen festzulegen und dafür zu sorgen, "dass jemand, der Gebrauch von der Möglichkeit zum assistierten Suizid machen möchte, das auch kann".

Das bisher geltende Verbot organisierter Angebote verletzt den Einzelnen in seinem Recht auf selbstbestimmtes Sterben, urteilten die Richter nach Klagen von schwerkranken Menschen, Sterbehelfern und Ärzten. Dieses Recht schließe die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und dabei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen.

Wagner erinnert daran, dass es bereits ein Meilenstein war, als es 2009 gelungen sei, dass die Patientenverfügung verbindlich wird. Doch danach sei das "viel dickere Brett" des assistierten Suizids zu bohren gewesen.

Kein Verständnis für die Entscheidung der Richter zeigt dagegen der heimische Bundestagsabgeordnete Michael Brand (CDU), der ebenfalls zur Urteilsverkündung nach Karlsruhe fuhr. Dieses Urteil werde für viele Menschen, die mit Blick auf Selbsttötung unter großem Druck stehen, eine "sehr gefährliche, teils tödliche Wirkung" haben. Es sei "nachgewiesen, dass geschäftsmäßige Angebote zu mehr Suiziden führen, über die sehr kleine Zahl derer hinaus, die dies in voller Selbstbestimmung tun", meint Brand. Diese Nebenwirkung auf die vielen Menschen unter Druck bei dem Urteil billigend in Kauf zu nehmen, bedeute eine neue und sehr beunruhigende Qualität. "Ich halte das für falsch und gefährlich", teilt Bundestagsabgeordneter Brand mit. Man werde das Urteil genau daraufhin untersuchen, "welche Möglichkeiten noch bestehen, Gefährdete und deren Selbstbestimmung zu schützen". Diese Menschen in Not, ob alt, schwach oder verzweifelt, seien "eben nicht in Talkshows zu sehen, sie haben keine lautstarke Lobby und sie haben ganz offenbar bei diesem Urteil keine große Rolle gespielt". Brand: "Die Menschlichkeit im Land hat eine schwere Niederlage erlitten."

Arthur Wagner kennt die Argumente der Gegner, auch ihm ist Kritik entgegengeschlagen und er hat Verständnis: "Das Thema Tod macht Angst." Aber das Argument, er wolle "Gott spielen", mag er nicht gelten lassen, das täten die Menschen schließlich jeden Tag. Er bleibt dabei: Der Mittwoch ist für ihn ein "großartiger Tag". Es werde auch weiterhin um Einzelfälle gehen, ist er überzeugt: "Kein Mensch setzt leichtfertig seinem Leben ein Ende."

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