Im Nebel liegt das Dorf Dannenrod (Luftaufnahme mit einer Drohne). Zahlreiche Aktivisten harren weiter im nahe gelegenen Wald auf Baumhäusern aus, um die Rodungsarbeiten für die Autobahn 49 aufzuhalten. FOTO: DPA
+
Im Nebel liegt das Dorf Dannenrod (Luftaufnahme mit einer Drohne). Zahlreiche Aktivisten harren weiter im nahe gelegenen Wald auf Baumhäusern aus, um die Rodungsarbeiten für die Autobahn 49 aufzuhalten. FOTO: DPA

Den Dorfzusammenhalt retten

  • Kerstin Schneider
    vonKerstin Schneider
    schließen

Von den Politikern sind sie enttäuscht und die Ereignisse rund um den Weiterbau der A 49 wühlen auf. Eines wollen sie sich aber nicht nehmen lassen: den Zusammenhalt in ihren Dörfern. "Wenn die Autobahn gebaut ist, wollen wir uns noch in die Augen schauen können", sagen Bewohner von Appenrod, Dannenrod und Maulbach. Es stimme nicht, wenn behauptet werde, dass die Orte gespalten seien.

Eine Handvoll junger Männer hat sich an diesem Abend in der Dannenröder Kirche versammelt. Was sie umtreibt, ist die Sorge um ihre Dörfer, in denen sie weiter gut leben wollen - auch wenn die A 49 gebaut ist. Von den Politikern, die für den Weiterbau verantwortlich sind, erwarten sie nichts mehr: "Die gehen einfach nur respektlos mit uns um. Wir hätten schon erwartet, dass sich der Verkehrsminister mal blicken lässt." Keiner habe mit den Menschen geredet, mit Ausnahme der Homberger Bürgermeisterin Blum, die kürzlich eine Demo in Appenrod besuchte, "was nicht einfach für sie war".

Der Eindruck: Es herrscht großer Frust und das Gefühl, mit dem Milliardenvorhaben überrollt zu werden.

Doch auch ganz konkrete Dinge werden angesprochen. Vor Jahren seien ein sogenanntes Eingraben der Trasse sowie Schallschutz und Flüsterasphalt versprochen worden, davon sei keine Rede mehr. Die Baugesellschaft DEGES verweise darauf, dass die Grenzwerte eingehalten werden. "Die dürfen dann für ein dörfliches Mischgebiet bei 64 Dezibel liegen, obwohl 50 Dezibel schon als krank machend gelten."

Schallschutz sei für Homberg geplant, weil das Pflegeheim der Schottener sozialen Dienste nahe an der Trasse liegt: "Sind wir denn in Appenrod oder Maulbach Menschen zweiter Klasse?" Lediglich für Maulbach sei ein kleiner Erdwall vorgesehen: Dabei sei vor Jahren noch ein höchstmöglicher Emissions- und Lärmschutz versprochen worden. "Wir fühlen uns verarscht." Überhaupt nicht zu verstehen sei auch, dass der Vogelsbergkreis als Verkehrsbehörde es zulasse, dass an Sonntagen schwere Laster durch die Dörfer fahren. Die Politik solle jetzt ihre Versprechen wahr "und Geld für den Schallschutz lockermachen."

Dass man zu lange gewartet hat mit Protesten, wollen sich die Bewohner nicht sagen lassen. Schon 2012 hätten Ortsbeiräte Veranstaltungen angeboten, sei die Trasse abgesteckt worden. Die Proteste seien aber nirgends wahrgenommen oder akzeptiert worden. "Die Stadt hat uns schon damals total im Stich gelassen", klagt ein älterer Dannenröder. "Homberg ist die einzige Stadt, die sich quasi offiziell um die Autobahn beworben hat", fügt er an. Die Stadt sei aber auf den Autobahnbau überhaupt nicht vorbereitet.

Das Ziel sei grundsätzlich, die Autobahn zu verhindern, damit sinnvolle Alternativen gebaut werden könnten, sagen alle übereinstimmend. Wenn man aber den Bau nicht verhindern kann, müssten die Orte zusammenstehen, "damit wir uns am Ende noch in die Augen sehen können".

Das sieht auch eine Anwohnerin so, die dazukommt und Sorge und Frust freien Lauf lässt: "Wir haben Angst. Was wird hier noch alles kommen? Man weiß nicht mehr, wie man sich verhalten soll. Unterstützen nicht die vielen Demonstranten das kriminelle Tun mancher Aktivisten, das dadurch noch mehr wird?" Die Dannenröderin kommt zu dem Schluss: "Wir sind jetzt die Deppen. Das gilt auch für die eingesetzten Polizisten, die es ausbaden müssen." Und sie hat noch den Appell, dass jeder Einzelne mehr für die Umwelt tun könne, "wenn viele nicht ständig irgendwo hinreisen und -fliegen wollten".

Massive Kritik gibt es an den Ausgleichsmaßnahmen für den Autobahnbau. Wegen der Corona-Krise seien geschulte Pflanzer in ihre Heimat zurückgefahren, man habe mit studentischen Hilfskräften gearbeitet. Nur wenige von 50 000 angepflanzten jungen Bäumchen seien überhaupt angewachsen.

Die Interessengemeinschaft Appenrod, Dannenrod, Maulbach will jetzt darauf hinwirken, dass der soziale Frieden bleibt: "Dafür intervenieren wir auch in Familien. Der Streit geht ja dort weiter. Wir mussten schon einige Brände löschen und schlichten. Trotzdem ist der Zusammenhalt insgesamt noch gut." Teilnehmer des Gesprächs distanzieren sich klar von gewalttätigen Aktionen, nicht aber von den Aktivisten, die friedlich für den Erhalt des Waldes und gegen die Autobahn kämpfen: "Manchmal hat man das Gefühl, die sind schlauer als wir."

Bis die Wasserwerfer und Harvester kamen, "war es hier ein toller Sommer mit tollen Gesprächen", sagen Leonhard Morneweg, Christoph Schmidt oder Luis Rieger. Deswegen glauben sie auch, dass der "Danni" am Ende zu einem Symbol wird für eine Verkehrswende, "genauso wie der Hambacher Forst zum Symbol für den Kohleausstieg wurde". " mehr auf 20/21

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare