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Dietrich Faber als Liebhaber

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Richard (Dietrich Faber) und Sarah (Magdalena Kaim) führen eine ungewöhnliche Ehe. © SYCHA

Ein Mann, eine Frau, ein Ehebruch - eigentlich nichts Ungewöhnliches. Doch was Dietrich Faber und Magdalena Kaim in der Inszenierung von Matze Schmidt aus Harold Pinters »Der Liebhaber« gemacht haben, ist ein außergewöhnliches, anregendes Theaterereignis. Das Premierenpublikum in der Marburger Waggonhalle war jedenfalls schwer begeistert.

Dietrich Faber ist ein Multitalent: Kabarettist, Musiker und Verfasser der Bröhmann-Krimis; Magdalena Kaim gehört zu den meistbeschäftigten Schauspielerinnen der freien Szene in Mittelhessen. Für den Gießener war es neu, im Rahmen eines Dramas auf der Waggonhallen-Bühne zu stehen, für Regisseur und Intendant Schmidt wie für Kaim war es nicht ungewöhnlich.

Ungewöhnlich ist allerdings die Geschichte von »Der Liebhaber«, in der Sarah (Kaim) und Richard (Faber) einen ganz gewöhnlichen Morgen beginnen: Er muss ins Büro, sie hat Besseres vor. »Kommt heute wieder dein Liebhaber?«, fragt Richard freundlich seine Frau, und sie sagt völlig unbefangen »Ja«.

Man sieht ein glückliches Paar mit besonderer Vereinbarung. Es stellt sich heraus, dass Ehefrau und Liebhaber dieselben Personen sind, man erlebt sie nur in einer ganz anderen Beziehung.

Patentlösung für verschlissene Ehen?

Wieder zu Hause, sprechen sie ganz unbefangen über das Erlebte und man begreift, dass hier zwei Leute eine sehr ungewöhnliche Beziehung leben. Neugierig betrachtet man, wie Faber, den man aus vielen Bühnenerscheinungen kennt, diese Rolle spielt, doch man erkennt den vertrauten Komödianten nicht, außer in ein paar Momenten. Magdalena Kaim gibt die ganz normale Ehefrau, sie ist völlig glaubwürdig und bringt die Nuancen des Stücks exzellent zur Geltung.

Vor allem lassen die beiden die Spannung gekonnt immer weiter steigen: Das Ganze ist ein Spiel, aber sie müssen doch mal Tacheles reden, und wann?

Da ist man schon tief ins Nachdenken versunken: Ist so ein Pakt womöglich eine Patentlösung für verschlissene Ehen? Die Inszenierung setzt auf Natürlichkeit der Figuren und langsamen Spannungsaufbau, denn irgendwann muss das ja schiefgehen. Oder nicht? Faber und Kaim schaffen eine Atmosphäre, in die man eintaucht und die Unterschiede zwischen den Figuren wahrnimmt: im Ehebruch ist alles etwas spielerischer, und man lebt das Leben etwas sinnenfroher, wo die Ehe bei aller Freundlichkeit und Wertschätzung doch schon ein bisschen sediert wirkt.

In der Ausstattung von Daniela Vogt, die einfach abstrakte Linien als Wände vorgibt, geben nur ein paar Likörgläser und die Möbel geringfügig Aufschluss über eine gedachte Zeit des Erlebens, ansonsten lenkt nichts vom Thema ab: zwei Menschen und die Art und Weise, wie sie miteinander auskommen.

Die Darsteller und die Inszenierung schaffen es scheinbar mühelos, die verschiedenen Erzählebenen erst zu zeigen und schließlich miteinander zu verschmelzen, als die Charade zu kippen droht und die absurde Situation ins Defizitäre rutscht - müssen sie jetzt ohne ihre Ehebruchfantasien auskommen? Enormer Beifall.

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